XX.3. Kreuzzüge und ihre Folgen

 

Es schränkt sich also, was hiebei für die Kreuzzüge gesagt werden kann, auf wenige Veranlassungen ein, die zu andern schon vorhandenen trafen und sonach diese wider ihren Willen mit befördern mußten.

 1. Die Menge reicher Vasallen und Ritter, die in den ersten Feldzügen nach dem Heiligen Lande zogen und einem großen Teil nach nicht wiederkamen, veranlaßte, daß ihre Güter verkauft wurden oder mit andern zusammenfielen. Dies nutzte, wer es nutzen konnte, die Lehnherren, die Kirche, die schon vorhandenen Städte, jeder nach seiner Weise; der Lauf der Dinge zu Befestigung der königlichen Macht durch die Errichtung eines Mittelstandes wurde dadurch zwar nicht angefangen, aber befördert und beschleunigt.

 2. Man lernte Länder, Völker, Religionen und Verfassungen kennen, die man sonst nicht kannte; der enge Gesichtskreis erweiterte sich; man bekam neue Ideen, neue Triebe. Jetzt bekümmerte man sich um Dinge, die man sonst würde vernachlässigt haben, brauchte besser, was man in Europa längst: besaß, und da man die Welt weiter fand, als man geglaubt hatte, so wurde man auch nach der Kenntnis des Entfernten neugierig. Die gewaltigen Eroberungen, die Dschingis-Khan im nörd- und östlichen Asien machte, zogen die Blicke am meisten nach der Tatarei hin, in welche Mark Polo, der Venetianer, Rubruquis, der Franzose, und Johann de Plano-Carpino, ein Italiener, in ganz verschiedenen Absichten reisten, der erste des Handels, der zweite einer königlichen Neugierde, der dritte, vom Papst geschickt, der Bekehrung dieser Völker wegen. Notwendig also hangen auch diese Reisen mit den Kreuzzügen nicht zusammen; denn vor- und nachher ist man gereist. Der Orient selbst ist uns durch diese Züge weniger bekannt worden, als man hätte wünschen mögen; die Nachrichten der Morgenländer über ihn, auch in dem Zeitpunkt, da Syrien von Christen wimmelte, bleiben uns noch unentbehrlich.

 3. Endlich lernte auf diesem heiligen Tummelplatz Europa sich untereinander selbst kennen, obgleich nicht auf die ersprießlichste Weise. Könige und Fürsten brachten von dieser näheren Bekanntschaft meistens einen unaustilgbaren Haß gegeneinander nach Hause; insonderheit empfingen die Kriege zwischen England und Frankreich dadurch neue Nahrung. Der böse Versuch, daß eine Christenrepublik gegen Ungläubige vereint streiten könne und möge, berechtigte zu solchen Kriegen auch in Europa und hat sie nachher in andere Weltteile verbreitet. Unleugbar ist's indessen, daß, indem die europäischen Nachbarn ihre gegenseitige Stärke und Schwäche näher sahen, damit im dunkeln eine allgemeinere Staatskunde und ein neues System der Verhältnisse in Kriegs- und Friedenszeiten gegründet wurde. Nach Reichtum, Handel, Bequemlichkeit und Üppigkeit war jedermann lüstern, weil ein rohes Gemüt diese in der Fremde leicht liebgewinnt und an andern beneidet. Die wenigsten, die aus Orient zurückkamen, konnten sich fortan in die europäische Weise finden; selbst ihren Heldenmut ließen viele dort zurück, ahmten das Morgenland im Abendlande ungeschickt nach oder sehnten sich wieder nach Abenteuern und Reisen, überhaupt kann eine Begebenheit nur soviel wirkliches und bleibendes Gute hervorbringen, als Vernunft in ihr liegt. Unglücklich wäre es für Europa gewesen, wenn zu eben der Zeit, da seine zahlreiche Mannschaft in einem Winkel Syriens um das Heilige Grab stritt, die Eroberung Dschingis-Khans sich früher und mit mehrerer Kraft nach Westen gewandt hätte. Wie Rußland und Polen wäre unser Weltteil vielleicht ein Raub der Mogolen worden, und seine Nationen hätten sodann mit Pilgerstäben in der Hand als Bettler ausziehen mögen, um am Heiligen Grabe zu beten. Lasst uns also, von dieser wilden Schwärmerei hinweg, nach Europa zurücksehen, wie sich in ihm nach einem durcheinander greifenden Laut der Dinge die sittliche und politische Vernunft der Menschen allmählich aufhellt und bildet.

 


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