XIX.4. Reiche der Araber

 

Die Ursachen sowohl des schnellen Verfalls dieser ungeheuren Monarchie als der Revolutionen, die sie unaufhörlich zerrissen und stürzten, lagen in der Sache selbst, im Ursprunge und in der Verfassung des Reiches.

1. Durch Tugenden des Enthusiasmus war die arabische Macht entstanden; nur durch ebendiese Tugenden konnte sie erhalten werden, durch Tapferkeit nämlich und Treue gegen das Gesetz, durch Tugenden der Wüste. Wären ihre Kalifen in Mekka, Kufa oder Medina bei der harten Lebensart ihrer vier ersten großen Vorfahren geblieben und hätten das Zaubermittel in Händen gehabt, alle Statthalter und Feldherren mit eben diesen strengen Banden an ihren Beruf zu fesseln: welche Macht hätte diesem Volk schaden mögen? Nun aber, da der Besitz so vieler schönen Länder bei einem weitverbreiteten Handel Reichtum, Pracht und Üppigkeit einführte und der erbliche Thron der Kalifen in Damaskus, noch mehr aber in Bagdad einen Glanz bekam, als ob man ein Märchen der Tausendundeinen Nacht läse, so wiederholte sich auch hier die tausendmal auf der Erde gespielte Szene, nämlich daß Üppigkeit Erschlaffung hervorbringe und am Ende dem rohen Starken der verfeinte Schwache unterliege. Der erste Abbaside nahm einen Großwesir an, dessen Ansehen unter seinen Nachfolgern zur gefürchteten Gewalt eines Emirs al Omrah (des Emirs der Emire) wurde und den Kalifen selbst despotisierte. Da die meisten dieser Wesire Türken waren und dies Volk die Leibwache des Kalifen ausmachte, so saß im Herzen der Monarchie das übel, das bald den ganzen Körper überwältigen konnte. Die Länder der Araber lagen längs der Erdhöhe, auf welcher diese streitbaren Völker, Kurden, Türken, Mogolen, Berbern, wie Raubtiere wachten und, da sie großenteils selbst unwillig unter der Herrschaft der Araber standen, ihrer Rache zu rechter Zeit nicht verfehlten. Hier geschah also, was dem römischen Reich geschah: aus Wesiren und Söldnern wurden Gebieter und Despoten.

2. Daß bei den Arabern die Revolution schneller als bei den Römern geschah, entsprang aus der Verfassung ihres Reiches. Diese war kalifisch, das ist, im höchsten Grade despotisch: Papst und Kaiser waren im Kalifen auf die strengste Weise verbunden. Das unbedingte Schicksal, an welches man glaubte, das Wort des Propheten, das im Koran Gehorsam gebot, foderte auch Ergebung ins Wort seines Nachfolgers, ins Wort der Statthalter desselben; mithin ging dieser Seelendespotismus in die Verwaltung des ganzen Reichs über. Wie leicht war nun, zumal in den entfernten Provinzen des weitverbreiteten Reichs, der Übergang vom Despotismus in eines andern zur Allgewalt in eigenem Namen! Daher fast allenthalben die Statthalter eigenmächtige Herren wurden und die feinste Regierungskunst der Kalifen nur darin bestand, ihre Statthalter geschickt zu verteilen, abzurufen oder zu verwechseln. Als Mamun z.B. seinem tapfern Feldherrn Taher in Chorasan zuviel Gewalt einräumte, gab er ihm damit die Zügel der Selbstherrschaft in die Hand; die Länder jenseit des Gihon wurden vom Stuhl des Kalifen getrennt und den Türken der Weg ins Innere des Reichs gebahnt. So ging's in allen Statthalterschaften, bis das weite Reich einem Sunde losgerissener Inseln glich, die kaum noch durch Sprache und Religion zusammenhingen, in sich selbst aber und gegen andere in höchster Unruhe waren. Sieben- bis achthundert Jahre wechselten diese Inselreiche mit oft veränderten Grenzen, bis die meisten, nie aber alle, unter die Gewalt der Osmanen kamen. Das Reich der Araber hatte keine Konstitution: das größeste Unglück für den Despoten sowohl als für seine Sklaven. Die Konstitution mohammedanischer Reiche ist Ergebung in den Willen Gottes und seiner Statthalter, Islamismus.

3. Die Regierung des arabischen Reichs war an einen Stamm, eigentlich auch nur an ein Geschlecht dieses Stammes, die Familie Mohammeds, geknüpft, und da gleich anfangs der rechtmäßige Erbe, Ali, übergangen, lange vom Kalifat zurückgehalten und mit seinem Geschlecht schnell davon verdrängt wurde, so entstand nicht nur die ungeheure Trennung zwischen Ommijaden und Aliden, die nach einem vollen Jahrtausende mit aller Bitterkeit eines Religionshasses zwischen Türken und Persern noch jetzt fortdauert, sondern auch an jenen blutigen Empörungen fast in allen Provinzen hatten bald Ommijaden, bald Aliden teil. In entfernten Ländern standen Betrüger auf, die sich als Mohammeds Verwandte durch Scheinheiligkeit oder mit dem Schwert in der Hand den Völkern aufdrangen; ja, da Mohammed als Prophet das Reich gegründet hatte, so wagte es hier dieser, dort jener Begeisterte, wie er im Namen Gottes zu reden. Schon der Prophet selbst hatte davon Beispiele erlebt; Afrika und Ägypten aber waren der eigentliche Schauplatz solcher Verrückten und Betrüger.295 Man sollte die Greuel der Schwärmerei und blinden Leichtgläubigkeit in der Religion Mohammeds erschöpft glauben, wenn man sie leider nicht auch in andern Religionen wiederkommen sähe; der Despotismus des Alten vom Berge indes ist nirgend übertroffen worden. Dieser König eines eignen Staats geübter, ja geborner Meuchelmörder dorfte zu jedem seiner Untertanen sprechen: »Gehe hin und morde!« Dieser tat's, wenn auch mit Verlust seines Lebens; und jahrhundertelang hat sich der Assassinenstaat erhalten.

 


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