XIX.4. Reiche der Araber

 

Wie der brennende Wind aus der Wüste verbreitete sich nach Mohammeds Tode der Krieg über Babylonien, Syrien, Persien, Ägypten. Die Araber gingen zur Schlacht wie zum Dienst Gottes, mit Sprüchen aus dem Koran und mit Hoffnungen des Paradieses bewaffnet; auch fehlte es ihnen nicht an persönlicher Tugend. Denn wie die ersten Kalifen aus dem Hause Mohammeds (ihren blinden Eiter ausgeschlossen) gerechte, mäßige, vorzügliche Männer waren, so wurden auch die Heere von tapfern, klugen Feldherrn angeführt, wie Khaled, Amru, Abu-Odeidah und viel andere waren. Sie fanden die Reiche der Perser und Griechen so schlecht bestellt, die Sekten der Christen gegeneinander so feindlich, Untreue, Wohllust, Eigennutz, Verräterei, Pracht, Stolz, Grausamkeit und Unterdrückung allenthalben so herrschend, daß man in der schrecklichen Geschichte dieser Kriege die Fabel von einer Löwenherde zu lesen glaubt, die in die Hürden der Schafe und Böcke, in Meiereien voll fetter Rinder, prächtiger Pfauen und wehrloser Hammel einbricht. Ein verächtliches Menschengeschlecht waren dem größesten Teil nach diese entarteten Völker, wert, fortan auf Eseln zu reiten, weil sie Kriegsrosse zu bändigen nicht verstanden, unwert des Kreuzes auf ihren Kirchen, weil sie es nicht zu beschützen vermochten. Wie manche Herrlichkeit der Patriarchen, Priester und Mönche ging in diesen weiten reichen Gegenden jetzt auf einmal zu Grabe!

Damit gingen zugleich, wie durch ein Erdbeben, die Reste jener alten griechischen Kultur und Römerhoheit zugrunde, die auch das Christentum nicht hatte vertilgen mögen. Die ältesten Städte der Welt und in ihnen unsägliche Schätze fielen in die Hände tapferer Räuber, die im Anfange kaum Geldeswert kannten. Vor allem ist das Schicksal zu beklagen, das die Denkmale der Wissenschaften traf. Johann der Grammatiker erbat sich die Bibliothek zu Alexandrien, an welche Amru, der Überwinder, nicht einmal dachte (was wollte der Tor mit dem Geschenke?); der Kalif Omar wurde gefragt und antwortete in jenem berühmten Vernunftschluß, der immerhin der Kalifen- Vernunftschluß genannt zu werden verdienet294); und die Bücher wurden vertilget. Über tausend warme Bäder wurden sechs Monate lang damit erhitzt; und so gingen die köstlichsten Gedanken, die unentbehrlichsten Nachrichten, die mühsamsten Lehrgebäude der Alten Welt mit allem, was davon in Jahrtausenden abhing, durch die törichte Bitte eines Grammatikers und durch die fromme Einfalt eines Kalifen verloren. Gern hätten die Araber diesen Schatz wiedergehabt, als sie hundert Jahre später ihn zu schätzen wußten.

Fast vom Tode Mohammeds an taten sich Zwistigkeiten hervor, die nach dem Tode Osmans, des dritten Kalifs, den Eroberungen der Araber bald hätten Einhalt tun können, wenn nicht der lange verdrängte, tapfre, redliche Ali und sein Sohn Hasan dem Hause der Ommijaden Platz gemacht hätten. Mit Moawijah trat dies jetzt auf den Hohepriesterstuhl, auf dem es sich neunzig Jahre erblich erhalten. Damaskus wurde der Sitz der Kalifen; die Araber wunden bald eine Seemacht, und unter der erblichen Regierung kam statt der vorigen Einfalt Pracht an ihren Hof. Zwar rückte in Syrien, Mesopotamien, Kleinasien und Afrika die Eroberung noch fort; mehr als einmal belagerte man, obwohl vergebens, Konstantinopel; unter Al Walid wurde Turkestan eingenommen, ja man drang bis in Indien ein; Tarik und Musa eroberten Spanien mit unmäßigem Glücke, und der letzte hatte den ungeheuren Plan, durch Frankreich, Deutschland, Ungarn, über Konstantinopel hin ein größeres Reich zu stiften, als die Römer in vielen Jahrhunderten zusammengebracht hatten. Wie sehr wurde aber dieser Plan vereitelt! Alle Einbrüche der Araber in Frankreich mißlangen; sie verloren selbst in Spanien bei nie gestilltem Aufruhr eine Provinz nach der andern. Für Konstantinopel war die Zeit der Eroberung noch lange nicht da; vielmehr regten sich unter einigen Ommijaden schon türkische Völker, um einst Überwinder der Araber selbst zu werden. überhaupt war der erste reißende Strom ihres Kriegsglückes mit den dreißig Jahren ihres ersten Enthusiasmus, da das Haus Mohammeds auf dem Stuhl saß, vorüber; unter den erblichen Ommijaden ging die Eroberung bei vielen innern Trennungen nur mit langsamem, oft eingehaltenen Schritten fort.

Das Haus der Abbasiden folgte, die ihren Sitz sogleich von Damaskus entfernten und deren zweiter Kalif Al Mansur im Mittelpunkt seiner Staaten Bagdad sich zur Residenz erbaute. Jetzt war der Hof der Kalifen im größesten Glanz; auch Wissenschaften und Künste kamen an denselben, in Betracht welcher die Namen Al Raschid und Al Mamon immer berühmt sein werden; indessen war's nicht etwa nur um fernere Eroberungen, sondern um den Zusammenhalt der Monarchie selbst unter diesem Stamme geschehen. Schon unter dem zweiten Abbasiden, Al Mansur, stiftete Abderahman, der verdrängte Ommijade, ein besondres, unabhängiges Kalifat in Spanien, das fast 300 Jahre gedauert hat, nachher in zehn Königreiche zerfiel, die unter mehreren arabischen Stämmen auf einige Zeit teilweise unter sich, mit dem Kalifat zu Bagdad aber nie mehr vereinigt wurden. An der Westküste der afrikanischen Barbarei (Mogreb) rissen die Edrisier, ein Zweig der Nachkommen Alis, ein Reich ab, wo sie den Grund zur Stadt Fes legten. Unter Harun al Raschid machte sich sein Statthalter in Afrika zu Kairwan (Cyrene) unabhängig; der Sohn desselben eroberte Sizilien; seine Nachfolger, die Aglabiten, verlegten ihre Residenz nach Tunis, wo sie die große Wasserleitung angelegt hatten; ihr Reich dauerte über hundert Jahre. In Ägypten waren die Bestrebungen der Statthalter nach Unabhängigkeit anfangs unsicher, bis ein Stamm der Fatimiten die Edrisier und Aglabiten verschlang und ein drittes Kalifat gründete, das von Fes über Tunis, Sizilien, Ägypten bis nach Asien reichte. Jetzt waren also drei Kalifate, zu Bagdad, Kahira und Kordova. Doch auch das Reich der Fatimiten ging unter: Kurden und Zeiriten teilten sich in dasselbe, und der tapfre Saladin (Selah-ed-din), Großwesir des Kalifen, entsetzte seinen Herren und gründete das Reich der Kurden in Ägypten, das nachher in die Hände der Leibgarde (Mamlucken, Sklaven) fiel, denen es die Osmanen endlich abjagten. So ging's in allen Provinzen. In Afrika spielten Zeiriten, Morabethen, Muahedier, in Arabien, Persien, Syrien Dynastien aus allen Stämmen und Völkern ihre Rollen, bis die Türken (Seldschuken, Kurden, Arabeken, Turkmannen, Mamlucken u. f.) alles innehatten und Bagdad selbst im Sturm an die Mogolen überging. Der Sohn des letzten Kalifen zu Bagdad floh nach Ägypten, wo ihm die Mamlucken seinen leeren Kalifentitel ließen, bis bei der Eroberung des Landes durch die Osmanen der achtzehnte dieser entthronten Fürsten nach Konstantinopel geführt, aber nach Ägypten zurückgesandt wurde, um daselbst die ganze Reihe dieser arabischen Kaiserpäpste aufs traurigste zu enden. Das glänzende Reich der Araber hat sich in das türkische, persische, mogolische Reich verloren; Teile davon kamen unter die Herrschaft der Christen oder wurden unabhängig; und so lebt der größeste Teil seiner Völker noch fort in ewigen Revolutionen.

 


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