X.3. Der Gang der Kultur und Geschichte gibt historische Beweise, daß das Menschengeschlecht in Asien entstanden sei

 

 Mit der Kultur der Erde und ihrer Gewächse war's nicht anders, da ein großer Teil von Europa noch in sehr späten Zeiten ein Wald war und seine Einwohner, wenn sie von Vegetabilien leben sollten, wohl nicht anders als mit Wurzeln und wilden Kräutern, mit Eicheln und Holzäpfeln nähren konnte. In manchen Erdstrichen Asiens, von denen wir reden, wächst das Getreide wild, und der Ackerbau ist in ihm von undenklichem Alter. Die schönsten Früchte der Erde, den Weinstock und die Olive, Zitronen und Feigen, Pomeranzen und alle unser Obst. Kastanien, Mandeln, Nüsse u. f. hat Asien zuerst nach Griechenland und Afrika, sodann fernerhin verpflanzt; einige andere Gewächse hat uns Amerika gegeben, und bei den meisten wissen wir sogar den Ort der Herkunft sowie die Zeit der Wanderung und Verpflanzung. Also auch diese Geschenke der Natur waren dem Menschengeschlecht nicht anders als durch den Weg der Tradition beschieden. Amerika baute keinen Wein; auch in Afrika haben ihn nur europäische Hände gepflanzt.

 Daß Wissenschaften und Künste zuerst in Asien und seinem Grenzlande Ägypten gepflegt sind, bedarf keiner weitläuftigen Erweise; Denkmale und die Geschichte der Völker sagen es, und Goguets162 zeugnisführendes Werk ist in aller Händen. Nützliche und schöne Künste hat dieser Weltteil, hie oder da, allenthalben aber nach seinem ausgezeichneten asiatischen Geschmack frühe getrieben, wie die Ruinen Persepolis und der indischen Tempel, die Pyramiden Ägyptens und soviel andere Werke, von denen wir Reste oder Sagen haben, beweisen; fast alle reichen sie weit über die europäische Kultur hinaus und haben in Afrika und Amerika nichts ihresgleichen. Die hohe Poesie mehrerer südasiatischen Völker ist weltbekannt163, und je älter hinauf, desto mehr erscheint sie in einer Würde und Einfalt, die durch sich selbst den Namen der Göttlichen verdienet. Welcher scharfsinnige

Gedanke, ja, ich möchte sagen, welche dichterische Hypothese ist in eines späten Abendländers Seele gekommen, zu welcher sich nicht der Keim in eines früheren Morgenländers Ausspruch oder Einkleidung fände, sobald nur irgend der Anlaß dazu in seinem Gesichtskreise lag? Der Handel der Asiaten ist der älteste auf der Erde, und die wichtigsten Erfindungen darin sind die ihre. So auch die Astronomie und Zeitrechnung; wer ist, der auch ohne die mindeste Teilnehmung an Baillys Hypothesen nicht über die frühe und weite Verbreitung mancher astronomischen Bemerkungen, Einteilungen und Handgriffe erstaunte, die man den ältesten Völkern Asiens schwerlich ableugnen könnte?164 Es ist, als ob ihre ältesten Weisen vorzüglich die Weisen des Himmels, Bemerker der stille fortschreitenden Zeit gewesen, wie denn auch noch jetzt, im tiefen Verfall mancher Nationen, dieser rechnende, zählende Geist unter ihnen seine Wirkung äußert.165 Der Bramin rechnet ungeheure Summen im Gedächtnis; die Einteilungen der Zeit sind ihm vom kleinsten Maß bis zu großen Himmelsrevolutionen gegenwärtig, und er trügt sich, ohne alle europäische Hülfsmittel, darin nur wenig. Die Vorwelt hat ihm in Formeln hinterlassen, was er jetzt nur anwendet; denn auch unsere Jahrrechnung ist ja asiatisch, unsere Ziffern und Sternbilder sind ägyptischen oder indischen Ursprungs.

 Wenn endlich die Regierungsformen die schwerste Kunst der Kultur sind, wo hat es die älteste, größeste Monarchien gegeben? Wo haben die Reiche der Welt den festesten Bau gefunden? Seit Jahrtausenden behauptet Sina noch seine alte Verfassung, und ohngeachtet das unkriegerische Volk von tatarischen Horden mehrmals überschwemmt worden, so haben die Besiegten dennoch immer die Sieger bezähmt und sie in die Fesseln ihrer alten Verfassung geschmiedet. Welche Regierungsform Europens könnte sich dessen rühmen? Auf den tibetanischen Bergen herrscht die älteste Hierokratie der Erde, und die Kasten der Hindus verraten durch die eingewurzelte Macht, die dem sanftesten Volk seit Jahrtausenden zur Natur geworden ist, ihre uralte Einrichtung. Am Euphrat und Tigris sowie am Nilstrom und an den medischen Bergen greifen schon in den ältesten Zeiten gebildete kriegerische oder friedliche Monarchien in die Geschichte der westlichen Völker; sogar auf den tatarischen Höhen hat sich die ungebundne Freiheit der Horden mit einem Despotismus der Khane zusammengewebt, der manchen europäischen Regierungsformen die Grundlage gegeben. Von allen Seiten der Welt, je mehr man sich Asien naht, desto mehr naht man festgegründeten Reichen, deren unumschränkte Gewalt seit Jahrtausenden sich in die Denkart der Völker so eingeprägt, daß der König von Siam über eine Nation, die keinen König hätte, als über eine hauptlose Mißgeburt lachte. In Afrika sind die festesten Despotien Asien nahe; je weiter hinab, desto mehr ist die Tyrannei noch im rohen Zustande, bis sie sich endlich unter den Kaffern in den patriarchalischen Hirtenzustand verliert. Auf dem südlichen Meer, je näher Asien, desto mehr sind Künste, Handwerke, Pracht und der Gemahl der Pracht, der königliche Despotismus, in alter Übung; je weiter von ihm entfernt, auf den entlegnen Inseln, in Amerika oder gar am dürren Rande der Südwelt, kommt in einem rohern Zustande die einfachere Verfassung des Menschengeschlechts, die Freiheit der Stämme und Familien wieder, so daß einige Geschichtforscher selbst die beiden Monarchien Amerikas, Mexiko und Peru, aus der Nachbarschaft despotischer Reiche Asiens hergeleitet haben. Der ganze Anblick des Weltteils verrät also, zumal um die Gebirge, die älteste Bewohnung, und die Traditionen dieser Völker mit ihren Zeitrechnungen und Religionen gehen, wie bekannt ist, in die Jahrtausende der Vorwelt. Alle Sagen der Europäer und Afrikaner (bei welchen ich immer Ägypten ausnehme), noch mehr der Amerikaner und der westlichen Südsee-Inseln sind nichts als verlorne Bruchstücke junger Märchen gegen jene Riesengebäude alter Kosmogonien in Indien, Tibet, dem alten Chaldäa und selbst dem niedrigern Ägypten: zerstreute Laute der verirrten Echo gegen die Stimme der asiatischen Urwelt, die sich in die Fabel verliert.

 Wie also, wenn wir dieser Stimme nachgingen und, da die Menschheit kein Mittel der Bildung als die Tradition hat, diese bis zum Urquell zu verfolgen suchten? Freilich ein trüglicher Weg, wie wenn man dem Regenbogen und der Echo nachliefe; denn sowenig ein Kind, ob es gleich bei seiner Geburt war, dieselbe zu erzählen weiß, sowenig dörfen wir hoffen, daß uns das Menschengeschlecht von seiner Schöpfung und ersten Lehre, von der Erfindung der Sprache und seinem ersten Wohnsitz historisch strenge Nachrichten zu geben vermöge. Indessen erinnert sich doch ein Kind aus seiner späteren Jugend wenigstens einige Züge; und wenn mehrere Kinder, die zusammen erzogen, hernach getrennt wurden, dasselbe oder ein ähnliches erzählen, warum sollte man sie nicht hören, warum nicht über das, was sie sagen oder zurückträumen, wenigstens nachsinnen wollen, zumal wenn man keine andern Dokumente haben könnte. Und da es der unverkennbare Entwurf der Vorsehung ist, Menschen durch Menschen, d. i. durch eine fortwirkende Tradition, zu lehren, so lasst uns nicht zweifeln, daß sie uns auch hierin soviel werde gegönnt haben, als wir zu wissen bedörfen.

 


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