IX.1. So gern der Mensch alles aus sich selbst hervorzubringen wähnt, so sehr hangt er doch in der Entwicklung seiner Fähigkeiten von andern ab

 

Wollen wir diese zweite Genesis des Menschen, die sein ganzes Leben durchgeht, von der Bearbeitung des Ackers Kultur oder vom Bilde des Lichts Aufklärung nennen, so steht uns der Name frei; die Kette der Kultur und Aufklärung reicht aber sodann bis ans Ende der Erde. Auch der Kalifornier und Feuerländer lernte Bogen und Pfeile machen und sie gebrauchen; er hat Sprache und Begriffe, Übungen und Künste, die er lernte, wie wir sie lernen; sofern wurde er also wirklich kultiviert und aufgeklärt, wiewohl im niedrigsten Grade. Der Unterschied zwischen aufgeklärten und unaufgeklärten, zwischen kultivierten und unkultivierten Völkern ist also nicht spezifisch, sondern nur gradweise. Das Gemälde der Nationen hat hier unendliche Schattierungen, die mit den Räumen und Zeiten wechseln; es kommt also auch bei ihm, wie bei jedem Gemälde, auf den Standpunkt an, in dem man die Gestalten wahrnimmt. Legen wir den Begriff der europäischen Kultur zum Grunde, so findet sich diese allerdings nur in Europa; setzen wir gar noch willkürliche Unterschiede zwischen Kultur und Aufklärung fest, deren keine doch, wenn sie rechter Art ist, ohne die andere sein kann, so entfernen wir uns noch weiter ins Land der Wolken. Bleiben wir aber auf der Erde und sehen im allgemeinsten Umfange das an, was uns die Natur, die den Zweck und Charakter ihres Geschöpfs am besten kennen mußte, als menschliche Bildung selbst vor Augen legt, so ist dies keine andere als die Tradition einer Erziehung zu irgendeiner Form menschlicher Glückseligkeit und Lebensweise Diese ist allgemein wie das Menschengeschlecht, ja unter den Wilden oft am tätigsten, wiewohl nur in einem engern Kreise. Bleibt der Mensch unter Menschen, so kann er dieser bildenden oder mißbildenden Kultur nicht entweichen: Tradition tritt zu ihm und formt seinen Kopf und bildet seine Glieder. Wie jene ist und wie diese sich bilden lassen, so wird der Mensch, so ist er gestaltet. Selbst Kinder, die unter die Tiere gerieten, nahmen, wenn sie einige Zeit bei Menschen gelebt hatten, schon menschliche Kultur unter dieselbe, wie die bekannten meisten Exempel beweisen; dagegen ein Kind, das vom ersten Augenblick der Geburt an der Wölfin übergeben würde, der einzige unkultivierte Mensch auf der Erde wäre.

 Was folgt aus diesem festen und durch die ganze Geschichte unseres Geschlechts bewährten Gesichtspunkt? Zuerst ein Grundsatz, der, wie unserm Leben, so auch dieser Betrachtung Aufmunterung und Trost gibt, nämlich: Ist das Menschengeschlecht nicht durch sich selbst entstanden, ja, wird es Anlagen in seiner Natur gewahr, die keine Bewunderung genugsam preist, so muß auch die Bildung dieser Anlagen vom Schöpfer durch Mittel bestimmt sein, die seine weiseste Vatergüte verraten. Ward das leibliche Auge vergebens so schön gebildet, und findet es nicht sogleich den goldnen Lichtstrahl vor sich, der für dasselbe, wie das Auge für den Lichtstrahl, erschaffen ist und die Weisheit seiner Anlage vollendet? So ist's mit allen Sinnen, mit allen Organen: sie finden ihre Mittel zur Ausbildung, das Medium, zu dem sie geschaffen wurden. Und mit den geistigen Sinnen und Organen, auf deren Gebrauch der Charakter des Menschengeschlechts sowie die Art und das Maß seiner Glückseligkeit beruht: hier sollte es anders sein? Hier sollte der Schöpfer seine Absicht, mithin die Absicht der ganzen Natur, sofern sie vom Gebrauch menschlicher Kräfte abhangt, verfehlt haben? Unmöglich! Jeder Wahn hierüber muß an uns liegen, die wir dem Schöpfer entweder falsche Zwecke unterschieben oder, soviel an uns ist, sie vereiteln. Da aber auch diese Vereitlung ihre Grenzen haben muß und kein Entwurf des Allweisen von einem Geschöpf seiner Gedanken verrückt werden kann, so lasst uns sicher und gewiß sein, daß, was Absicht Gottes auf unserer Erde mit dem Menschengeschlecht ist, auch in seiner verworrensten Geschichte unverkennbar bleibe. Alle Werke Gottes haben dieses eigen, daß, ob sie gleich alle zu einem unübersehlichen Ganzen gehören, jedes dennoch auch für sich ein Ganzes ist und den göttlichen Charakter seiner Bestimmung an sich trägt. So ist's mit der Pflanze und mit dem Tier; wäre es mit dem Menschen und seiner Bestimmung anders? Daß Tausende etwa nur für einen, daß alle vergangenen Geschlechter fürs letzte, daß endlich alle Individuen nur für die Gattung, d. i. für das Bild eines abstrakten Namens, hervorgebracht wären? So spielt der Allweise nicht; er dichtet keine abgezognen Schattenträume; in jedem seiner Kinder liebt und fühlt er sich mit dem Vatergefühl, als ob dies Geschöpf das einzige seiner Welt wäre. Alle seine Mittel sind Zwecke, alle seine Zwecke Mittel zu größern Zwecken, in denen der Unendliche allerfüllend sich offenbart. Was also jeder Mensch ist und sein kann, das muß Zweck des Menschengeschlechts sein; und was ist dies? Humanität und Glückseligkeit auf dieser Stelle, in diesem Grad, als dies und kein anderes Glied der Kette von Bildung, die durchs ganze Geschlecht reicht. Wo und wer du geboren bist, o Mensch, da bist du, der du sein solltest; verlaß die Kette nicht, noch setze dich über sie hinaus, sondern schlinge dich an sie! Nur in ihrem Zusammenhange, in dem, was du empfängest und gibst, und also in beidem Fall tätig wirst, nur da wohnt für dich Leben und Friede.

 Zweitens. Sosehr es dem Menschen schmeichelt, daß ihn die Gottheit zu ihrem Gehülfen angenommen und seine Bildung hienieden ihm selbst und seinesgleichen überlassen habe, so zeigt doch eben dies von der Gottheit erwählte Mittel die Unvollkommenheit unseres irdischen Daseins, indem wir eigentlich Menschen noch nicht sind, sondern täglich werden. Was ist's für ein armes Geschöpf, das nichts aus sich selbst hat, das alles durch Vorbild, Lehre, Übung bekommt und, wie ein Wachs, darnach Gestalten annimmt! Man sehe, wenn man auf seine Vernunft stolz ist, den Spielraum seiner Mitbrüder an auf der weiten Erde oder höre ihre vieltönige, dissonante Geschichte. Welche Unmenschlichkeit gäbe es, zu der sich nicht ein Mensch, eine Nation, ja oft eine Reihe von Nationen gewöhnen konnte, sogar daß ihrer viele und vielleicht die meisten das Fleisch ihrer Mitbrüder fraßen? Welche törichte Einbildung wäre denkbar, die die erbliche Tradition nicht hie oder da wirklich geheiligt hätte? Niedriger also kann kein vernünftiges Geschöpf stehen, als der Mensch steht; denn er ist lebenslang nicht nur ein Kind an Vernunft, sondern sogar ein Zögling der Vernunft anderer. In welche Hände er fällt, darnach wird er gestaltet, und ich glaube nicht, daß irgendeine Form der menschlichen Sitte möglich sei, in der nicht ein Volk oder ein Individuum desselben existiert oder existiert habe. Alle Laster und Greueltaten erschöpfen sich in der Geschichte, bis endlich hie und da eine edlere Form menschlicher Gedanken und Tugenden erscheint. Nach dem vom Schöpfer erwählten Mittel, daß unser Geschlecht nur durch unser Geschlecht gebildet würde, war's nicht anders möglich: Torheiten mußten sich vererben wie die sparsamen Schätze der Weisheit; der Weg der Menschen wurde einem Labyrinth gleich, mit Abwegen auf allen Seiten, wo nur wenige Fußtapfen zum innersten Ziel führen. Glücklich ist der Sterbliche, der dahin ging oder führte, dessen Gedanken, Neigungen und Wünsche oder auch nur die Strahlen seines stillen Beispiels auf die schönere Humanität seiner Mitbrüder fortgewirkt haben. Nicht anders wirkt Gott auf der Erde als durch erwählte, größere Menschen; Religion und Sprache, Künste und Wissenschaften, ja die Regierungen selbst können sich mit keiner schönern Krone schmücken als mit diesem Palmzweige der sittlichen Fortbildung in menschlichen Seelen. Unser Leib vermodert im Grabe, und unsers Namens Bild ist bald ein Schatte auf Erden; nur in der Stimme Gottes, d. i. der bildenden Tradition einverleibt, können wir auch mit namenloser Wirkung in den Seelen der Unsern tätig fortleben.

 Drittens. Die Philosophie der Geschichte also, die die Kette der Tradition verfolgt, ist eigentlich die wahre Menschengeschichte, ohne welche alle äußere Weltbegebenheiten nur Wolken sind oder erschreckende Mißgestalten werden. Grausenvoll ist der Anblick, in den Revolutionen der Erde nur Trümmer auf Trümmern zu sehen, ewige Anfänge ohne Ende, Umwälzungen des Schicksals ohne dauernde Absicht!

Die Kette der Bildung allein macht aus diesen Trümmern ein Ganzes, in welchem zwar Menschengestalten verschwinden, aber der Menschengeist unsterblich und fortwirkend lebt. Glorreiche Namen, die in der Geschichte der Kultur als Genien des Menschengeschlechts, als glänzende Sterne in der Nacht der Zeiten schimmern! Laß es sein, daß der Verfolg der Äonen manches von ihrem Gebäude zertrümmerte und vieles Gold in den Schlamm der Vergessenheit senkte die Mühe ihres Menschenlebens war dennoch nicht vergeblich; denn was die Vorsehung von ihrem Werk retten wollte, rettete sie in andern Gestalten. Ganz und ewig kann ohnedies kein Menschendenkmal auf der Erde dauern, da es im Strom der Generationen nur von den Händen der Zeit für die Zeit errichtet war und augenblicklich der Nachwelt verderblich wird, sobald es ihr neues Bestreben unnötig macht oder aufhält. Auch die wandelbare Gestalt und die Unvollkommenheit aller menschlichen Wirkung lag also im Plan des Schöpfers. Torheit mußte erscheinen, damit die Weisheit sie überwinde; zerfallende Brechlichkeit auch der schönsten Werke war von ihrer Materie unzertrennlich, damit auf den Trümmern derselben eine neue bessernde oder bauende Mühe der Menschen stattfände; denn alle sind wir hier nur in einer Werkstätte der Übung. Jeder einzelne muß davon, und da es ihm sodann gleich sein kann, was die Nachwelt mit seinen Werken vornehme, so wäre es einem guten Geist sogar widrig, wenn die folgenden Geschlechter solche mit toter Stupidität anbeten und nichts Eigenes unternehmen wollten. Er gönnt ihnen diese neue Mühe; denn was er aus der Welt mitnahm, war seine gestärkte Kraft, die innere reiche Frucht seiner menschlichen Übung.

 Goldene Kette der Bildung also, du, die die Erde umschlingt und durch alle Individuen bis zum Thron der Vorsehung reicht: seitdem ich dich ersah und in deinen schönsten Gliedern, den Vater- und Mutter-, den Freundes- und Lehrer-Empfindungen, verfolgte, ist mir die Geschichte nicht mehr, was sie mir sonst schien, ein Greuel der Verwüstung auf einer heiligen Erde. Tausend Schandtaten stehen da, mit häßlichem Lobe verschleiert; tausend andere stehn in ihrer ganzen Häßlichkeit daneben, um allenthalben doch das sparsame wahre Verdienst wirkender Humanität auszuzeichnen, das auf unserer Erde immer still und verborgen ging und selten die Folgen kannte, die die Vorsehung aus seinem Leben, wie den Geist aus der Masse, hervorzog. Nur unter Stürmen konnte die edle Pflanze erwachsen; nur durch Entgegenstreben gegen falsche Anmaßungen mußte die süße Mühe der Menschen Siegerin werden; ja, oft schien sie unter ihrer reinen Absicht gar zu erliegen. Aber sie erlag nicht. Das Samenkorn aus der Asche des Guten ging in der Zukunft desto schöner hervor, und mit Blut befeuchtet, stieg es meistens zur unverwelklichen Krone. Das Maschinenwerk der Revolutionen irrt mich also nicht mehr: es ist unserm Geschlecht so nötig wie dem Strom seine Wogen, damit er nicht ein stehender Sumpf werde. Immer verjüngt in seinen Gestalten, blüht der Genius der Humanität auf und zieht palingenetisch in Völkern, Generationen und Geschlechtern weiter.

 


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