IX.2. Das sonderbare Mittel zur Bildung der Menschen ist Sprache

 

Gütiger Vater, war kein anderer Kalkül unserer Gedanken, war keine innigere Verbindung menschlicher Geister und Herzen möglich?

 1. Keine Sprache druckt Sachen aus, sondern nur Namen; auch keine menschliche Vernunft also erkennt Sachen, sondern sie hat nur Merkmale von ihnen, die sie mit Worten bezeichnet: eine demütigende Bemerkung, die der ganzen Geschichte unseres Verstandes enge Grenzen und eine sehr unwesenhafte Gestalt gibt. Alle unsere Metaphysik ist Metaphysik, d. i. ein abgezognes, geordnetes Namenregister hinter Beobachtungen der Erfahrung. Als Ordnung und Register kann diese Wissenschaft sehr brauchbar sein und muß gewissermaße in allen andern unsern künstlichen Verstand leiten; für sich aber und als Natur der Sache betrachtet, gibt sie keinen einzigen vollständigen und wesentlichen Begriff, keine einzige innige Wahrheit. All unsere Wissenschaft rechnet mit abgezognen einzelnen äußern Merkmalen, die das Innere der Existenz keines einzigen Dinges berühren, weil zu dessen Empfindung und Ausdruck wir durchaus kein Organ haben. Keine Kraft in ihrem Wesen kennen wir, können sie auch nie kennenlernen; denn selbst die, die uns belebt, die in uns denkt, genießen und fühlen wir zwar, aber wir kennen sie nicht. Keinen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verstehen wir also, da wir weder das, was wirkt, noch was gewirkt wird, im Innern einsehn und vom Sein eines Dinges durchaus keinen Begriff haben. Unsere arme Vernunft ist also nur eine bezeichnende Rechnerin, wie auch in mehreren Sprachen ihr Name sagt.

 2. Und womit rechnet sie? Etwa mit den Merkmalen selbst, die sie abzog, so unvollkommen und unwesenhaft diese auch sein mögen? Nichts minder! Diese Merkmale werden abermals in willkürliche, ihnen ganz unwesenhafte Laute verfaßt, mit denen die Seele denkt. Sie rechnet also mit Rechenpfennigen, mit Schällen und Ziffern; denn daß ein wesentlicher Zusammenhang zwischen der Sprache und den Gedanken, geschweige der Sache selbst sei, wird niemand glauben, der nur zwo Sprachen auf der Erde kennt. Und wieviel mehr als zwo sind ihrer auf der Erde! in denen allen doch die Vernunft rechnet und sich mit dem Schattenspiel einer willkürlichen Zusammenordnung begnügt. Warum dies? Weil sie selbst nur unwesentliche Merkmale besitzt und es am Ende ihr gleichgültig ist, mit diesen oder jenen Ziffern zu bezeichnen. Trüber Blick auf die Geschichte des Menschengeschlechtes! Irrtümer und Meinungen sind unserer Natur also unvermeidlich, nicht etwa nur aus Fehlern des Beobachters, sondern der Genesis selbst nach, wie wir zu Begriffen kommen und diese durch Vernunft und Sprache fortpflanzen. Dächten wir Sachen statt abgezogner Merkmale und sprächen die Natur der Dinge aus statt willkürlicher Zeichen, so lebe wohl, Irrtum und Meinung, wir sind im Lande der Wahrheit. Jetzt aber, wie fern sind wir demselben, auch wenn wir dicht an ihm zu stehen glauben, da, was ich von einer Sache weiß, nur ein äußeres abgerissenes Symbol derselben ist, in ein anderes willkürliches Symbol gekleidet. Versteht mich der andere? Verbindet er mit dem Wort die Idee, die ich damit verband, oder verbindet er gar keine? Er rechnet indessen mit dem Wort weiter und gibt es andern vielleicht gar als eine leere Nußschale. So ging's bei allen philosophischen Sekten und Religionen Der Urheber hatte von dem, was er sprach, wenigstens klaren, obgleich darum noch nicht wahren Begriff; seine Schüler und Nachfolger verstanden ihn auf ihre Weise, d. i. sie belebten mit ihren Ideen seine Worte, und zuletzt tönten nur leere Schälle um das Ohr der Menschen. Lauter Unvollkommenheiten, die in unserm einzigen Mittel der Fortpflanzung menschlicher Gedanken liegen; und doch sind wir mit unserer Bildung an diese Kette geknüpft, sie ist uns unentweichbar.

 Große Folgen liegen hierin für die Geschichte der Menschheit. Zuerst: Schwerlich kann unser Geschlecht nach diesem von der Gottheit erwählten Mittel der Bildung für die bloße Spekulation oder für die reine Anschauung gemacht sein; denn beide liegen sehr unvollkommen in unserm Kreise. Nicht für die reine Anschauung, die entweder ein Trug ist, weil kein Mensch das Innere der Sachen sieht, oder die wenigstens, da sie keine Merkmale und Worte zuläßt, ganz unmitteilbar bleibt. Kaum vermag der Anschauende den andern auf den Weg zu führen, auf dem er zu seinen unnennbaren Schätzen gelangte, und muß es ihm selbst und seinem Genius überlassen, wiefern auch er dieser Anschauungen teilhaftig werde. Notwendig wird hiemit eine Pforte zu tausend vergeblichen Qualen des Geistes und zu unzähligen Arten des listigen Betruges eröffnet, wie die Geschichte aller Völker zeigt. Zur Spekulation kann der Mensch ebensowenig geschaffen sein, da sie ihrer Genesis und Mitteilung nach nicht vollkommener ist und nur zu bald die Köpfe der Nachbeter mit tauben Worten erfüllt. Ja wenn sich diese beide Extreme, Spekulation und Anschauung, gar gesellen wollen und der metaphysische Schwärmer auf eine wortlose Vernunft voll Anschauungen weist: armes Menschengeschlecht, so schwebst du gar im Raum der Undinge zwischen kalter Hitze und warmer Kälte. Durch die Sprache hat uns die Gottheit auf einen sicherern, den Mittelweg geführt. Nur Verstandesideen sind's, die wir durch sie erlangen und die zum Genuß der Natur, zu Anwendung unserer Kräfte, zum gesunden Gebrauch unseres Lebens, kurz, zu Bildung der Humanität in uns genug sind. Nicht Äther sollen wir atmen, dazu auch unsere Maschine nicht gemacht ist, sondern den gesunden Duft der Erde.

 Und oh, sollten die Menschen im Gebiet wahrer und nutzbarer Begriffe so weit voneinander entfernt sein, als es die stolze Spekulation wähnt? Die Geschichte der Nationen sowohl als die Natur der Vernunft und Sprache verbietet mir fast, dies zu glauben. Der arme Wilde, der wenige Dinge sah und noch weniger Begriffe zusammenfügte, verfuhr in ihrer Verbindung nicht anders als der Erste der Philosophen. Er hat Sprache wie sie und durch diese seinen Verstand und sein Gedächtnis, seine Phantasie und Zurückerinnerung tausendfach geübt. Ob in einem kleinern oder größern Kreise, dieses tut nichts zur Sache, zu der menschlichen Art nämlich, wie er sie übte. Der Weltweise Europens kann keine einzige Seelenkraft nennen, die ihm eigen sei; ja selbst im Verhältnis der Kräfte und ihrer Übung erstattet die Natur reichlich. Bei manchen Wilden z. B. ist das Gedächtnis, die Einbildungskraft, praktische Klugheit, schneller Entschluß, richtiges Urteil, lebhafter Ausdruck in einer Blüte, die bei der künstlichen Vernunft europäischer Gelehrten selten gedeiht. Diese hingegen rechnen mit Wortbegriffen und Ziffern freilich unendlich feine und künstliche Kombinationen, an die der Naturmensch nicht denkt; eine sitzende Rechenmaschine aber, wäre sie das Urbild aller menschlichen Vollkommenheit, Glückseligkeit und Stärke? Laß es sein, daß jener in Bildern denke, was er abstrakt zu denken noch nicht vermag; selbst wenn er noch keinen entwickelten Gedanken, d. i. kein Wort von Gott, hätte und er genösse Gott als den großen Geist der Schöpfung tätig in seinem Leben oh, so lebt er dankbar, indem er zufrieden lebt, und wenn er sich in Wortziffern keine unsterbliche Seele erweisen kann und glaubt dieselbe, so geht er mit glücklicherm Mut als mancher zweifelnde Wortweise ins Land der Väter.

 


 © textlog.de 2004 • 18.05.2021 20:22:02 •
Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright