VII.3. Was ist Klima, und welche Wirkung hat's auf die Bildung des Menschen an Körper und Seele?

 

Endlich die Höhe oder Tiefe eines Erdstrichs, die Beschaffenheit desselben und seiner Produkte, die Speisen und Getränke, die der Mensch genießt, die Lebensweise, der er folgt, die Arbeit, die er verrichtet, Kleidung, gewohnte Stellungen sogar, Vergnügen und Künste, nebst einem Heer anderer Umstände, die in ihrer lebendigen Verbindung viel wirken: alle sie gehören zum Gemälde des vielverändernden Klima. Welche Menschenhand vermag nun dieses Chaos von Ursachen und Folgen zu einer Welt zu ordnen, in der jedem einzelnen Dinge, jeder einzelnen Gegend sein Recht geschehe und keins zuviel oder zuwenig erhalte? Das einzige und beste ist, daß man nach Hippokrates' Weise123) mit seiner scharfsehenden Einfalt einzelne Gegenden klimatisch bemerke und sodann langsam, langsam allgemeine Schlüsse folgere. Naturbeschreiber und Ärzte sind hier physicians, Schüler der Natur und des Philosophen Lehrer, denen wir schon manchen Beitrag einzelner Gegenden zur allgemeinen Lehre der Klimate und ihrer Einwirkung auf den Menschen auch für die Nachwelt zu danken haben. - Da hier aber von keinen speziellen Bemerkungen die Rede sein kann, so wollen wir nur in einigen allgemeinen Anmerkungen unsern Gang verfolgen.

1. Da unsere Erde eiche Kugel und das feste Land ein Gebirge über dem Meer ist, so wird durch vielerlei Ursachen auf ihr eine klimatische Gemeinschaft befördert, die zum Leben der Lebendigen gehört. Nicht nur Tag und Nacht und der Reihentanz abwechselnder Jahrszeiten verändern das Klima eines jeden Erdstrichs periodisch, sondern der Streit der Elemente, die Gegenwirkung der Erde und des Meers, die Lage der Berge und Ebnen, die periodischen Winde, die aus der Bewegung der Kugel, aus der Veränderung der Jahres- und Tageszeilen und aus soviel kleinern Ursachen entspringen, unterhalten diese gesundheitbringende Vermählung der Elemente, ohne welche alles in Schlummer und Verwesung sänke. Es ist eine Atmosphäre, die uns umgibt, ein elektrisches Meer, in dem wir leben; beide aber (und wahrscheinlich der magnetische Strom mit ihnen) sind in einer ewigen Bewegung. Das Meer dunstet aus; die Berge ziehen an und gießen Regen und Ströme zu beiden Seiten hinunter. So lösen die Winde einander ab; so erfüllen Jahre oder Jahrreihen die Summe ihrer klimatischen Tage. So heben und tragen einander die verschiednen Gegenden und Zeiten. Alles auf unserer Kugel steht in gemeinsamer Verbindung. Wäre die Erde platt oder hätte sie die Winkelgestalt, von der die Sinesen träumten: freilich, so könnte sie in ihren Ecken die klimatischen Ungestalten nähren, von denen jetzt ihr regelmäßiger Bau und seine mitteilende Bewegung nichts weiß. Um den Thron Jupiters tanzen ihre Horen im Reihentanz, und was sich unter ihren Füßen bildet, ist zwar nur eine unvollkommene Vollkommenheit, weil alles auf die Vereinigung verschiedenartiger Dinge gebaut ist, aber durch eine innre Liebe und Vermählung miteinander wird allenthalben das Kind der Natur geboren, sinnliche Regelmäßigkeit und Schönheit.

2. Das bewohnbare Land unserer Erde ist in Gegenden zusammengedrängt, wo die meisten lebendigen Wesen in der ihnen gnügsamsten Form wirken; diese Lage der Weltteile hat Einfluß auf ihrer aller Klima. Warum fängt im südlichen Hemisphär die Kälte schon so nahe der Linie an? Der Naturphilosoph antwortet: »Weil daselbst so wenig Land ist; daher die kalten Winde und Eisschollen des Südpols weit hinaufströmen.« Wir sehen also unser Schicksal, wenn das ganze feste Land der Erde in Inseln umhergeworfen wäre. Jetzt wärmen sich drei zusammenhangende Weltteile aneinander; das vierte, das ihnen entfernt liegt, ist auch aus dieser Ursache kälter, und im Südmeer fängt, bald jenseit der Linie, mit dem Mangel des Landes auch Mißgestalt und Verartung an. Wenigere Geschlechter vollkommenerer Landtiere sollten also daselbst leben; das Südhemisphär war zum großen Wasserbehältnis unserer Kugel bestimmt, damit das Nordhemisphär ein besseres Klima genösse. Auch geographisch und klimatisch sollte das Menschengeschlecht ein zusammenwohnendes, nachbarliches Volk sein, das so wie Pest, Krankheiten und klimatische Laster, auch klimatische Wärme und andere Wohltaten einander schenkte.

3. Durch den Bau der Erde an die Gebirge wurde nicht nur für das große Mancherlei der Lebendigen das Klima derselben zahllos verändert, sondern auch die Ausartung des Menschengeschlechts verhütet, wie sie verhütet werden konnte. Berge waren der Erde nötig; aber nur einen Bergrücken der Mogolen und Tibetaner gibt's auf derselben; die hohen Cordilleras und so viel andere ihrer Brüder sind unbewohnbar. Auch öde Wüsten wurden durch den Bau der Erde an die Gebirge selten; denn die Berge stehn wie Ableiter des Himmels da und gießen ihr Füllhorn aus in befruchtenden Strömen. Die öden Ufer endlich, der kalte oder feuchte Meeresabhang ist allenthalben nur später entstandenes Land, welches also auch die Menschheit erst später und schon wohlgenährt an Kräften beziehen dorfte. Das Tal von Quito war gewiß eher bewohnt als das Feuerland, Kaschmire eher als Neuholland oder Nova-Zembla. Die mittlere größeste Breite der Erde, das Land der schönsten Klimate zwischen Meer und Gebirgen, war das Erziehungshaus unseres Geschlechts und ist noch jetzt der bewohnteste Teil der Erde. -

Nun ist keine Frage, daß, wie das Klima ein Inbegriff von Kräften und Einflüssen ist, zu dem die Pflanze wie das Tier beiträgt und der allen Lebendigen in einem wechselseitigen Zusammenhange dienet, der Mensch auch darin zum Herrn der Erde gesetzt sei, daß er es durch Kunst ändre. Seitdem er das Feuer vom Himmel stahl und seine Faust das Eisen lenkte, seitdem er Tiere und seine Mitbrüder selbst zusammenzwang und sie sowohl als die Pflanze zu seinem Dienst erzog, hat er auf mancherlei Weise zur Veränderung desselben mitgewirkt. Europa war vormals ein feuchter Wald, und andere jetzt kultivierte Gegenden waren's nicht minder: es ist gelichtet, und mit dem Klima haben sich die Einwohner selbst geändert. Ohne Polizei und Kunst wäre Ägypten ein Schlamm des Nils worden: es ist ihm abgewonnen, und sowohl hier als im weitern Asien hinauf hat die lebendige Schöpfung sich dem künstlichen Klima bequemt. Wir können also das Menschengeschlecht als eine Schar kühner, obwohl kleiner Riesen betrachten, die allmählich von den Bergen herabstiegen, die Erde zu unterjochen und das Klima mit ihrer schwachen Faust zu verändern. Wie weit sie es darin gebracht haben mögen, wird uns die Zukunft lehren.

4. Ist's endlich erlaubt, über eine Sache, die so ganz auf einzelnen Fällen des Orts und der Geschichte ruht, etwas Allgemeines zu sagen, so setze ich verändert einige Kautelen her, die Baco zu seiner Geschichte der Revolutionen giebt.124) Die Wirkung des Klima erstreckt sich zwar auf Körper allerlei Art, vorzüglich aber auf die zärtern, die Feuchtigkeiten die Luft und den Äther. Sie verbreitet sich viel mehr auf die Massen der Dinge als auf die Individuen, doch auch auf diese durch jene. Sie geht nicht auf Zeitpunkte, sondern herrscht in Zeiträumen, wo sie oft spät und sodann vielleicht durch geringe Umstände offenbar wird. Endlich: Das Klima zwingt nicht, sondern es neigt; es gibt die unmerkliche Disposition, die man bei eingewurzelten Völkern im ganzen Gemälde der Sitten und Lebensweise zwar bemerken, aber sehr schwer, insonderheit abgetrennt, zeichnen kann. Vielleicht findet sich einmal ein eigner Reisender, der ohne Vorurteile und Übertreibungen für den Geist des Klima reist. Unsere Pflicht ist jetzt, viel mehr die lebendigen Kräfte zu bemerken, für die jedes Klima geschaffen ist und die schon durch ihr Dasein es mannigfalt modifizieren und ändern.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
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