VI.1 Organisation der Völker in der Nähe des Nordpols

 

Es wird nicht nötig sein, nach Beschreibung dieser ersten Nation uns bei denen ihr ähnlichen ebenso ausführlich zu verweilen. Die Eskimos in Amerika sind, wie an Sitten und Sprache, so auch an Gestalt der Grönländer Brüder. Nur da diese Elenden als bärtige Fremdlinge von den unbärtigen Amerikanern hoch hinaufgedrängt sind, so müssen sie größtenteils auch flüchtiger und mühseliger leben; ja, sie werden, hartes Schicksal! zu Winterszeit in ihren Höhlen oft gezwungen, vom Saugen ihres eignen Blutes sich zu nähren.39) Hier und an einigen andern Orten der Erde sitzt die harte Notwendigkeit auf dem höchsten Thron, so daß der Mensch beinah die Lebensart des Bärs ergreifen mußte. Und dennoch hat er sich überall als Mensch erhalten; denn auch in Zügen der scheinbar größesten Inhumanität dieser Völker ist, wenn man sie näher erwägt, Humanität sichtbar. Die Natur wollte versuchen, welcher gewaltsamen Zustände unser Geschlecht fähig wäre, und es hat seine Probe bestanden.

Die Lappen bewohnen vergleichungsweise schon einen mildern Erdstrich, wie sie auch ein milderes Volk sind.40) Die Größe der menschlichen Gestalt nimmt zu, die runde Plattigkeit des Gesichts nimmt ab, die Backen senken sich, das Auge wird dunkelgrau, die schwarzen, stracken Haare färben sich gelbbraun; mit seiner äußern Bildung tut sich auch die innere Organisation des Menschen voneinander, wie die Knospe, die sich dem Strahl der mildern Sonne entfaltet.41) Der Berglappe weidet schon sein Renntier, welches weder der Grönländer noch Eskimo tun konnten; er gewinnt an ihm Speise und Kleid, Haus und Decke, Bequemlichkeit und Vergnügen, da der Grönländer am Rande der Erde dies alles meistens im Meere suchen mußte. Der Mensch bekommt also schon ein Landtier zu seinem Freunde und Diener, bei dem er Künste und eine häuslichere Lebensweise lernt. Es gewöhnet seine Füße zum Lauf, seine Arme zur künstlichen Fahrt, sein Gemüt zur Liebe des Besitzes und eines festern Eigentums, so wie es ihn auch bei der Liebe zur Freiheit erhält und sein Ohr zu der scheuen Sorgsamkeit gewöhnet, die wir bei mehrern Völkern dieses Zustandes bemerken werden. Schüchtern wie sein Tier horcht der Lappländer und fährt beim kleinsten Geräusch auf. Er liebt seine Lebensart und blickt, wenn die Sonne wiederkehrt, zu den Bergen hinauf, wie sein Renntier dahin blickt; er spricht mit ihm und es versteht ihn; er sorgt für dasselbe wie für seinen Reichtum und sein Hausgesinde. Mit dem ersten zähmbaren Landtier also, das die Natur diesen Gegenden geben konnte, gab sie dem Menschen auch einen Handleiter zur menschlichern Lebensweise.

 Über die Völker am Eismeer im weiten russischen Reich haben wir außer so vielen neuern, allgemein bekannten Reisen, die sie beschreiben, selbst eine Sammlung von Gemälden derselben, deren Anblick mehr sagt, als meine Beschreibung sagen könnte.42) So vermischt und verdrängt manche dieser Völker wohnen, so sehen wir auch die von der verschiedensten Abkunft unter ein Joch der nordischen Bildung gedruckt und gleichsam an eine Kette des Nordpols geschmiedet. Der Samojede hat das runde, breite, platte Gesicht, das schwarze, sträubige Haar, die untersetzte, blutreiche Statur der nördlichen Bildung; nur seine Lippe wird aufgeworfner , die Nase offner und breiter, der Bart vermindert sich, und wir werden östlich hin auf einem ungeheuren Erdstrich ihn immer mehr vermindert sehen. Der Samojede ist also gleichsam der Neger unter den Nordländern, und seine große Reizbarkeit der Nerven, die frühe Mannbarkeit der Samojedinnen im eilften, zwölften Jahr43), ja wenn die Nachricht wahr ist, der schwarze Ring um ihre Brüste nebst andern Umständen macht ihn, so kalt er wohne, dem Neger noch gleicher. Indessen ist er, trotz seiner feinen und hitzigen Natur, die er wahrscheinlich als Nationalcharakter mitbrachte und die selbst vom Klima nicht hat bemeistert werden können, doch im ganzen seiner Bildung ein Nordländer. Die Tungusen44), die südlicher wohnen, ähneln schon dem mongolischen Völkerstamm, von dem sie dennoch in Sprache und Geschlecht so getrennt sind wie der Samojede und Ostiak von den Lappen und Grönländern: ihr Körper wird wohlgewachsen und geschlanker, ihr Auge auf mongolische Art klein, die Lippe dünn, das Haar weicher; das Gesicht indessen behält noch seine platte Nordbildung. Ein gleiches ist's mit den Jakuten und Jukagiren, die in die tatarische wie jene in die mongolische Bildung überzugehen scheinen, ja mit den tatarischen Stämmen selbst. Am Schwarzen und Kaspischen Meer, am Kaukasus und Ural, also zum Teil in den gemäßigtsten Erdstrichen der Welt, geht die Bildung der Tataren ins Schönere über. Ihre Gestalt wird schlank und hager; der Kopf zieht sich aus der plumpen Ründe in ein schöneres Oval; die Farbe wird frisch; wohlgegliedert und trocken tritt die Nase hervor; das Auge wird lebhaft, das Haar dunkelbraun, der Gang munter, die Miene gefällig-bescheiden und schüchtern: je näher also den Gegenden, wo die Fülle der Natur in lebendigen Wesen zunimmt, wird auch die Menschenorganisation verhältnismäßiger und feiner. Je nördlicher herauf oder je weiter in die kalmuckischen Steppen hinein, desto mehr platten oder verwildern sich die Gesichtszüge auf nordische oder kalmuckische Weise. Allerdings kommt hiebei auch vieles auf die Lebensart des Volks, auf die Beschaffenheit seines Bodens, auf seine Abkunft und Mischung mit andern an. Die Gebirgstatarn erhalten ihre Züge reiner, als die in Steppen und Ebnen wohnen. Völkerschaften, die den Dörfern und Städten nahe sind, mildern und mischen auch mehr ihre Sitten und Züge. Je weniger ein Volk verdrängt wird, je mehr es seiner einfachen, rauhen Lebensart treu bleiben muß, desto mehr erhält es auch seine Bildung. Man wird also, da auf dieser großen, zum Meer abhangenden Tafel der Tatarei so viele Streifereien und Umwälzungen vorgegangen sind, die mehr ineinandergemengt haben, als Gebirge, Wüsten und Ströme absondern konnten, auch die Ausnahmen von der Regel bemerken; und sodann bestätigen diese auch die Regel: denn unter die nordische, tatarische und mongolische Bildung ist alles geteilt.

 


 © textlog.de 2004 • 28.02.2021 17:10:12 •
Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright