VI.3. Organisation des Erdstrichs schöngebildeter Völker

 

Alle Völker, die sieh auf diesen Erdstrich schöner Menschenbildung drängten und auf ihm verweilten, haben ihre Züge gemildert. Die Türken, ursprünglich ein häßliches Volk, veredelten sieh zu einer ansehnlichern Gestalt, da ihnen als Überwindern weiter Gegenden jede Nachbarschaft schöner Geschlechter zu Dienst stand; auch die Gebote des Korans, der ihnen das Waschen, die Reinigkeit, die Mäßigung anbefahl und dagegen wohllüstige Rolle und Liebe erlaubte, haben wahrscheinlich dazu beigetragen. Die Ebräer, deren Väter ebenfalls aus der Höhe Asiens kamen und die lange Zeit, bald ins dürre Ägypten, bald in die Arabische Wüste verschlagen, nomadisch umherzogen: ob sie gleich auch in ihrem engen Lande unter dem drückenden Joch des Gesetzes sieh nie zu einem Ideal erheben konnten, das freiere Tätigkeit und mehrere Wohllust des Lebens fodert, so tragen sie dennoch, auch jetzt in ihrer weiten Zerstreuung und langen, tiefen Verworfenheit, das Gepräge der asiatischen Bildung. Auch die harten Araber gehen nicht leer aus; denn obgleich ihre Halbinsel mehr zum Lande der Freiheit als der Schönheit von der Natur gebildet worden und weder die Wüste noch das Nomadenleben die besten Pflegerinnen der Wohlgestalt sein können, so ist doch dieses harte und tapfere zugleich ein wohlgebildetes Volk, dessen weite Wirkung auf drei Weltteile wir in der Folge sehen werden.60)

Endlich fand an den Küsten des Mittelländischen Meers61) die menschliche Wohlgestalt eine Stelle, wo sie sich mit dem Geist vermählen und in allen Reizen irdischer und himmlischer Schönheit nicht nur dem Auge, sondern auch der Seele sichtbar werden konnte: es ist das dreifache Griechenland, in Asien und auf den Inseln, in Gräcia selbst und auf den Küsten der weitern Abendländer. Laue Westwinde fächelten das Gewächs, das von der Höhe Asiens allmählich herverpflanzt war, und durchlauchten es mit Leben. Zeiten und Schicksale kamen hinzu, den Saft desselben höher zu treiben und ihm die Krone zu geben, die noch jedermann in jenen Idealen griechischer Kunst und Weisheit mit Freuden anstaunt. Hier wurden Gestalten gedacht und geschaffen, wie sie kein Liebhaber tsirkassischer Schönen, kein Künstler aus Indien oder Kaschmire entwerfen können. Die menschliche Gestalt ging in den Olympus und bekleidete sich mit göttlicher Schönheit.

Weiterhin nach Europa verirre ich mich nicht. Es ist so formenreich und gemischt; es hat durch seine Kunst und Kultur so vielfach die Natur verändert, daß ich über seine durcheinandergemengte, feine Nationen nichts Allgemeines zu sagen wage. Vielmehr sehe ich vom letzten Ufer des Erdstrichs, den wir durchgegangen sind, nochmals zurück, und nach einer oder zwo Bemerkungen gehen wir in das schwarze Afrika über.

Zuerst fällt jedermann ins Auge, daß der Strich der wohlgebildetsten Völker ein Mittelstrich der Erde sei, der, wie die Schönheit selbst, zwischen zweien Äußersten lieget. Er hat nicht die zusammendrückende Kälte der Samojeden, noch die dörrenden Salzwinde der Mogolen; und auf der andern Seite ist ihm die brennende Hitze der afrikanischen Sandwüsten sowie die feuchten und gewaltsamen Abwechselungen des amerikanischen Klima ebenso fremde. Weder auf dem Gipfel der Erdhöhe liegt er noch auf dem Abhange zum Pol hin; vielmehr schützen ihn auf der einen Seite die hohen Mauern der tatarischen und mogolischen Gebirge, da auf der andern ihn der Wind des Meeres kühlt. Regelmäßig wechseln seine Jahrszeiten ab, aber noch ohne die Gewaltsamkeit, die unter dem Äquator herrscht. Und da schon Hippokrates bemerkt hat, daß eine sanfte Regelmäßigkeit der Jahrszeiten auch auf das Gleichgewicht der Neigungen großen Einfluß zeigt, so hat sie solchen in den Spiegel und Abdruck unserer Seele nicht minder. Die räuberischen Turkumannen, die auf den Bergen oder in der Wüste umherschweifen, bleiben auch im schönsten Klima ein häßliches Volk. Ließen sie sich zur Ruhe nieder und teilten ihr Leben in einen sanftern Genuß und in eine Tätigkeit, die sie mit andern gebildetern Nationen verbände, sie würden, wie an der Sitte derselben, so mit der Zeit auch an den Zügen ihrer Bildung Anteil nehmen. Die Schönheit der Welt ist nur für den ruhigen Genuß geschaffen; mittelst seiner allein teilt sie sich dem Menschen mit und verkörpert sich in ihm.

Zweitens. Ersprießlich ist's für das Menschengeschlecht gewesen, daß es in diesen Gegenden der Wohlgestalt nicht nur anfing, sondern daß auch von hier aus die Kultur am wohltätigsten auf andere Nationen gewirkt hat. Wenn die Gottheit nicht unsere ganze Erde zum Sitz der Schönheit machen konnte, so ließ sie wenigstens durch die Pforte der Schönheit das Menschengeschlecht hinauftreten und mit lang eingeprägten Zügen derselben die Völker nur erst allmählich andere Gegenden suchen. Auch war es ein und dasselbe Principium der Natur, das eben die wohlgebildeten Nationen zugleich zu den wohltätigsten Wirkerinnen auf andere machte; sie gab ihnen nämlich die Munterkeit, die Elastizität des Geistes, die sowohl zu ihrer Leibesgestalt als zu dieser wohltätigen Einwirkung auf andere Nationen gehörte. Die Tungusen und Eskimos sitzen ewig in ihren Höhlen und haben sich weder in Liebe noch Leid um entfernte Völker bekümmert. Der Neger hat für die Europäer nichts erfunden; er bat sich nie in den Sinn kommen lassen, Europa weder zu beglücken noch zu bekriegen. Aus den Gegenden schöngebildeter Völker haben wir unsere Religion, Kunst, Wissenschaft, die ganze Gestalt unserer Kultur und Humanität, so viel oder wenig wir deren an uns haben. In diesem Erdstrich ist alles erfunden, alles durchdacht und wenigstens in Kinderproben ausgeführt, was die Menschheit verschönern und bilden konnte. Die Geschichte der Kultur wird dieses unwidersprechlich dartun, und mich dünkt, es beweist's unsere eigne Erfahrung. Wir nordischen Europäer wären noch Barbaren, wenn nicht ein gütiger Hauch des Schicksals uns wenigstens Blüten vom Geist dieser Völker herübergeweht hätte, um durch Einimpfung des schönen Zweiges in wilde Stämme mit der Zeit den unsern zu veredlen.

 


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