VI.4. Organisation der afrikanischen Völker

 

Doch ich vergesse, daß ich von der Bildung der Neger als von einer Organisation der Menschheit zu reden hatte; und wie gut wäre es, wenn die Naturlehre auf alle Varietäten unseres Geschlechts soviel Aufmerksamkeit verwendet hätte als auf diese! Ich setze einige Resultate ihrer Beobachtungen her.

1. Die schwarze Farbe der Neger ist nicht wunderbarer in ihrer Art als die weiße, braune, gelbe, rötliche anderer Nationen. Weder das Blut noch das Gehirn noch der Same der Neger ist schwarz, sondern das Netz unter der Oberhaut, das wir alle haben und das auch bei uns, wenigstens an einigen Teilen und unter manchen Umständen, mehr oder minder gefärbt ist. Camper hat dies erwiesen73), und nach ihm haben wir alle die Anlage, Neger zu werden. Selbst bei den kalten Samojeden ist der Streif um die Brüste der Weiber bemerkt worden; der Keim der Negerschwärze konnte in ihrem Klima bloß nicht weiter entwickelt werden.

2. Es kommt also nur auf die Ursache an, die ihn hier entwickeln konnte, und da zeigt die Analogie sogleich abermals, daß Luft und Sonne einen großen Anteil daran haben müssen. Denn was macht uns braun? Was unterscheidet beinah in jedem Lande die beiden Geschlechter? Was hat die portugiesischen Stämme, die jahrhundertelang in Afrika gewohnt haben, den Negern an Farbe so ähnlich gemacht? Ja, was unterscheidet in Afrika die Negerstämme selbst so gewaltig? Das Klima, im weitesten Verstande des Wortes, so daß auch Lebensart und Nahrungsmittel darunter gehören. Genau in der Gegend, wo der Ostwind über das ganze feste Land hin die größte Hitze bringt, wohnen die schwärzesten Negerstämme; wo die Hitze abnimmt oder wo Seewinde sie kühlen, bleicht sich auch die Schwärze ins Gelbe. Auf kühlen Höhen wohnen weiße oder weißliche Völker; in niedern, eingeschlossenen Gegenden kocht auch die Sonne mehr das Öl aus, das unter der Oberhaut den schwarzen Schein giebt. Erwägen wir nun, daß diese Schwarzen jahrtausendelang in ihrem Weltteil gewohnt, ja durch ihre Lebensart sich demselben ganz einverleibt haben; bedenken wir, daß manche Umstände, die jetzt weniger wirken, in frühern Zeitaltern, da alle Elemente noch in ihrer ersten rohen Stärke waren, auch stärker gewirkt haben müssen und daß in Jahrtausenden gleichsam das ganze Rad der Zufälle umläuft, das, jetzt oder dann, alles entwickelt, was auf der Erde entwickelt werden kann, so wird uns die Kleinigkeit nicht wundern, daß die Haut einiger Nationen geschwärzt sei. Die Natur hat mit ihren fortgehenden, geheimen Wirkungen andere, viel größere Abartungen bewirkt als diese.

3. Und wie bewirkte sie diese kleine Veränderung? Mich dünkt, die Sache selbst zeigt's. Es ist ein Öl, womit sie diese Netzhaut färbte: der Schweiß der Neger und selbst der Europäer in diesen Gegenden färbt sich oft gelb; die Haut der Schwarzen ist ein dicker, weicher Sammet, nicht so gespannt und trocken wie die Haut der Weißen; also hat die Sonnenwärme ein Öl aus ihrem Innern gekocht, das so weit hervortrat, als es konnte, das ihre Haut erweichte und das Netz unter derselben färbte. Die meisten Krankheiten dieses Erdstrichs sind gallenartig; man lese die Beschreibung derselben74), und die gelbe oder schwarze Farbe wird uns physiologisch und pathologisch nicht fremde dünken.

4. Das Wollenhaar der Neger erläutert sich eben daher. Da die Haare nur vom feinen Saft der Haut leben und sogar widernatürlich in der Fettigkeit sich erzeugen, so krümmen sie sich nach der Menge ihres Nahrungssaftes und sterben, wo dieser fehlt. Bei der gröbern Organisation der Tiere wird also in Ländern, wo ihre Natur leidet, mithin den zuströmenden Saft nicht verarbeiten kann, aus der Wolle ein sträubiges Haar; die feinere Organisation des Menschen, die für alle Klimate sein sollte, konnte umgekehrt durch den Überfluß dieses Öls, das die Haut feuchtet, das Haar zur Wolle verändern.

5. Ein mehreres aber als dies alles will die eigne Bildung der Glieder des menschlichen Körpers sagen, und mich dünkt, auch diese ist in der afrikanischen Organisation erklärlich. Die Lippen, die Brüste und die Geschlechtsglieder stehen so manchen physiologischen Erweisen nach in einem genauen Verhältnis, und da die Natur diese Völker, denen sie edlere Gaben entziehen mußte, dem einfachen Principium ihrer bildenden Kunst zufolge, mit einem desto reichern Maß des sinnlichen Genusses auszustatten hatte, so mußte sich dieses physiologisch zeigen. Die aufgeworfne Lippe wird auch bei weißen Menschen in der Physiognomik für das Zeichen eines sehr sinnlichen, so wie ein feiner Purpurfaden derselben für das Merkmal eines feinen und kalten Geschmackes gehalten, andere Erfahrungen zu geschweigen; was Wunder also, daß bei diesen Nationen, denen der sinnliche Trieb eine der Hauptglückseligkeiten ihres Lebens ist, sich auch von demselben äußere Merkmale zeigen? Ein Negerkind wird weiß geboren; die Haut um die Nägel, die Brustwarzen und die Geschlechtsteile färben sich zuerst, so wie der Anlage nach sich ebendieser Consensus der Glieder unter andern Völkern findet. Hundert Kinder sind dem Neger eine Kleinigkeit, und jener Alte bedauerte mit Tränen, daß er deren nur siebenzig habe.

6. Mit dieser ölreichen Organisation zur sinnlichen Wohllust mußte sich auch das Profil und der ganze Bau des Körpers ändern. Trat der Mund hervor, so wurde eben dadurch die Nase stumpf und klein, die Stirn wich zurück, und das Gesicht bekam von fern die Ähnlichkeit der Konformation zum Affenschädel. Hiernach richtete sich die Stellung des Halses, der Übergang zum Hinterkopf, der ganze elastische Bau des Körpers, der bis auf Nase und Haut zum tierischen sinnlichen Genuß gemacht ist.75) Wie in diesem Weltteil, als im Mutterlande der Sonnenwärme, die saftreichsten höchsten Bäume sich erzeugen, wie in ihm Herden der größesten, muntersten, kräftigsten Tiere und insonderheit die ungeheure Menge Affen ihr Spiel haben, so daß in Luft und Strömen, im Meer und im Sande alles von Leben und Fruchtbarkeit wimmelt, so konnte auch die sich organisierende menschliche Natur ihrem animalischen Teil nach nicht anders als diesem überall einfachen Principium der bildenden Kräfte folgen. Die feinere Geistigkeit, die dem Geschöpf unter dieser glühenden Sonne, in dieser von Leidenschaften kochenden Brust versagt werden mußte, wurde ihm durch einen Fibernbau, der an jene Gefühle nicht denken ließ, erstattet. Lasst uns also den Neger, da ihm in der Organisation seines Klima kein edleres Geschenk werden konnte, bedauern, aber nicht verachten, und die Mutter ehren, die auch beraubend zu erstatten weiß. Sorglos verlebt er sein Leben in einem Lande, das ihm mit überfließender Freigebigkeit seine Nahrung darbeut. Sein geschlanker Körper plätschert im Wasser, als ob er fürs Wasser gemacht sei; er klettert und läuft, als ob jedes seine Lustübung wäre; und ebenso gesund und stark, als er munter und leicht ist, erträgt er durch seine andere Konstitution alle Unfälle und Krankheiten seines Klima, unter denen so viele Europäer erliegen. Was sollte ihm das quälende Gefühl höherer Freuden, für die er nicht gemacht war? Der Stoff dazu war in ihm da, aber die Natur wendete die Hand und erschuf das daraus, was er für sein Land und für die Glückseligkeit seines Lebens nötiger brauchte. Sie hätte kein Afrika schaffen müssen, oder in Afrika mußten auch Neger wohnen.

 


 © textlog.de 2004 • 20.09.2021 04:50:40 •
Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright