Lessing, Vade mecum


Ein Vade mecum für den Herrn Sam. Gotth. Lange, Pastor in Laublingen, in diesem Taschenformate ausgefertiget von G. E. Lessing. Berlin 1754. auf 4 Bogen in 12mo. Wenn es wahr ist, dass die Werke des Horaz eine Hauptquelle des Geschmacks sind, und dass man nur aus seinen Oden, was Oden sind, lernen kann; wenn es wahr ist, dass man gegen die deutschen Übersetzungen aller Klassischen Schriftsteller überhaupt, nicht scharf genug sein kann, weil sie die vornehmsten Verführer sind, dass sich die Jugend die Originale nur obenhin zu verstehen begnügen läßt; wenn es wahr ist, dass die Fehler solcher Männer, die ohne eine tiefe kritische Kenntnis der alten Dichter, würdige Nachahmer derselben heißen wollen, ansteckender als andrer sind: so wird man hoffentlich die kleine Streitigkeit, die man dem Hrn. Pastor Lange wegen seines verdeutschten Horaz erregt hat, nicht unter die allergeringschätzigsten, sondern wenigstens unter diejenigen Kleinigkeiten rechnen, die nach dem Ausspruche des Horaz ernsthafte Folgen haben; hae nugae seria ducent. Herr Lange hätte nichts unglücklichers für sich tun können, als dass er auf die Lessingsche Kritik mit so vielem Lärmen geantwortet hat. Wenn er sich dieselbe in der Stille zu Nutze gemacht hätte, so würden vielleicht noch manche in den Gedanken geblieben sein, dass die darinne getadelten Stellen die einzigen tadelswürdigen wären. Aus diesen Gedanken aber, werden hoffentlich auch seine geschworensten Freunde durch dieses Vade mecum gebracht werden, welches seinen Namen aus der abgeschmackten Langenschen Spötterei über das unschuldige Format der Lessingschen Schriften erhalten hat. Der Verfasser zeigt ihm darinne unwidersprechlich, dass er weder Kenntnis der Sprache noch Kritik, weder Altertümer noch Geschichtskunde, weder Wissenschaft der Erde noch des Himmels, kurz, keine einzige von den Eigenschaften besitze, die zu einem Übersetzer des Horaz erfordert werden. Wir würden einige kleine Proben davon anführen, wenn es nicht beinahe zuviel wäre, dass der Herr Pastor seine Beschämung an mehr als einem Orte finden sollte. Kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 4 Gr.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 27.02.2006 
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