Gleim, Lieder, Fabeln und Romanzen


Lieder, Fabeln und Romanzen, von F. W. Gleim. Leipzig bei David Iversen, 16 Bogen in Oktav.

Wir ergreifen die Gelegenheit, um bei einer neuen Auflage dieser Gedichte Nachricht von denselben zu geben. Ihr Verfasser, der schon längst die Ehre des deutschen Parnasses gewesen ist, hat sich zwar nicht genennet, ist aber dennoch bekannt genug. Und wie könnte man einen Gleim verkennen? - - -

 

Wir fangen von den Fabeln an, welche den größten Teil diese; Sammlung einnehmen:

Das erste Buch enthält fünf und zwanzig neuerfundene Fabeln. Hingegen gehören von den fünf und zwanzigen des zweiten Buchs nur die drei ersten dem Verfasser; die übrigen hat er nach dem beigefügten Verzeichnisse aus alten und neuen Dichtern genommen. Vor einem jeden Teile stehet eine poetische Zueignungsschrift an des Prinzen Friedrichs von Preußen Königl. Hoheit, in welchen viel schönes enthalten ist. Von dem großen preußischen Monarchen heißt es in der Zueignungsschrift des ersten Buchs:

 

... Oft erholt Er sich ein wenig

Vom Ungemach der Monarchie;

Denn hat das stille Sans-Souci

Den Philosophen, nicht den König.

Da denkt Er denn in seiner großen Seele

Gedanken, wie die Marc Aurele,

Und liest.

O Prinz, o wag es doch einmal,

Und trag in seinen Büchersaal

Dies Fabelbuch, dein Spiel.

 

(Der Held, der jetzt auf einem ganz andern Wege der Unsterblichkeit entgegen zu eilen genötigt ist, mag sich unter dem freudigen Zuruf der Völker sehr oft nach der philosophischen Muße auf dem stillen Sans-Souci zurück sehnen!) Unter den eigenen Erdichtungen unsers Verfassers verdienen die zehnte, zwölfte und drei und zwanzigste des ersten Buchs, wie auch die zwo ersten des zweiten Buchs allen andern vorgezogen zu werden; und auch diese sind nicht von kleinen Fehlern frei, indem man öfters die Wahrheit, Einheit und Moralität der äsopischen Fabel vermißt. Hingegen besitzt unser Dichter die Gabe zu erzählen in einem sehr vorzüglichen Grade, und dieses ist bei dem Fabeldichter wenigstens ein eben so großes Verdienst, als die Gabe zu erfinden. La Motte wird mit allen seinen Erfindungen selten gelesen, und La Fontaine hat sich durch seine meisterhafte Art zu erzählen einen vorzüglichen Platz unter den Dichtern erworben, die die Zeiten Ludewigs des Vierzehnten, oder vielmehr die Zeiten dieser großen Dichter verherrlichen. Unserm Dichter ist besonders eine glückliche Kürze eigen, die fast niemals in das Trockene verfällt, und dem Vortrage eine besondere Naivite und Lebhaftigkeit verschafft, ohne ihn in das Possenhafte und Niedrige sinken zu lassen. Die dreizehnte Fabel des zweiten Buchs ist meisterlich erzählt, und übertrifft den La Fontaine, aus dem sie genommen ist. Wir wollen das Muster mit der Nachahmung vergleichen. Die hundert und neunzehnte Fabel T. I. des La Fontaine ist:

 

Le Cheval et l'Ane

 

En ce monde il se faut l'un l'autre secourir.

Si ton voisin vient à mourir,

C'est sur toi que le fardeau tombe.

Un Ane acoompagnoit un Cheval peu courtois,

Celui-ci ne portant, que son simple harnois,

Et le pauvre Baudet si chargé qu'il succombe.

Il pria le Cheval de l'aider quelque peu;

Autrement il mourroit avant qu' être à la ville.

La Priere, dit-il, n'en est pas incivile:

Moitié de ce fardeau ne vous sera que jeu.

Le Cheval refusa, fit une petarade,

Tant qu'il vit sous le faix mourir son cammarade,

Et reconut, qu'il avoit tort.

Du Baudet en cette avanture,

On lui fit porter la voiture,

Et la peau par dessus encor.

 

Unser deutscher Dichter unter eben dem Titel:

 

Einst trug auf seinem schmalen Rücken

Ein Esel eine schwere Last,

Die fähig war, ihn tot zu drücken.

Ein ledig Pferd ging neben ihm. »Du hast

Auf deinem Rücken nichts«, sprach das geplagte Tier,

»Hilf, liebes Pferdgen, hilf! ich bitte dich, hilf mir.«

»Was helfen!« sagt der grobe Gaul,

»Du bist der rechte Gast, du bist ein wenig faul,

Trag zu!« - - - »Ich sterbe, liebes Pferd - - -

Die Last erdrückt mich, rette mich!

Die Hälfte wär ein Spiel für dich!«

»Ich kann nicht«, sprach das Pferd.

Kurz: Unter dem zu schweren Sack

Erlag der Esel. Sack und Pack

Schmiß man dem Rappen auf;

Des Esels Haut noch oben drauf.

 

Der Eingang unsers deutschen Dichters ist vortrefflich. Der Vorwurf wird mit vieler Deutlichkeit aus einander gesetzt, und die Handlung in jeder Zeile immer mehr und mehr vorbereitet. »Ein ledig Pferd ging neben ihm«, ist kürzer und weit schöner, als accompagnoit un cheval peu courtois, Celui-ci ne portant, que son simple harnois. Peu courtois steht hier sehr am unrechten Orte. Der Leser begreift noch nicht, wodurch sich das Pferd diesen Tadel zugezogen hat. Weit besser ist: » Was helfen! sagt der grobe Gaul. « Ne portant, que son simple harnois, ist lange nicht so gut, als »Ein ledig Pferd«. Die Unterredung des Esels mit dem Gaul wird von dem französischen Dichter bloß erzählt; der deutsche hingegen läßt die Handlung vor unsern Augen vorgehen. Die demütige Bitte des geplagten Tiers machet mit der beleidigenden Antwort des stolzen Gauls einen vollkommenen Kontrast aus. Man glaubt einen unerbittlichen Pachter mit dem Fröhner reden zu hören:

 

Was helfen! sagt der - -

Du bist der rechte Gast, du bist ein wenig faul.

Trag zu! - Ich sterbe etc.

 

Wie schwach klingt das Französische: La Priere, dit-il, n'en est pas incivile. So gar die französischen Esel wollen nicht gern unhöflich heißen En cette Avanture ist eine bloße cheville.

Die sehr malerische Beschreibung des Fischreigers im La Fontaine:

 

Un jour sur ses longs pieds alloit, je ne sçai où,

Le Heron au long bec, emanché d'un long cou,

Il côtoyoit une riviere, u.s.w.

 

Ist im Deutschen glücklich gegeben:

 

Am Ufer eines Bachs, auf einer Wiese, ging

Ein Reiger ernsthaft hin, auf langen dürren Beinen,

Mit langem Hals, woran ein langer Schnabel hing,

u.s.w.

 

Die Worte, auf einer Wiese, scheinen überflüssig.

Die sechzehnte Fabel, »Der Esel in der Löwenhaut«, gleichfalls aus dem La Fontaine, ist um ein merkliches verschönert. Man kann dieses auch von der zwanzigsten aus Gay's Fables behaupten. - Wir wollen einen Teil der engländischen Fabel samt der deutschen Nachahmung hersetzen.

 

Fable XLIII

The Council of the Horses

 

Upon a time a neighing steed,

Who graz'd among a num'rous breed,

With mutiny had fir'd the train,

And spread dissention through the plain.

On matters that concern'd the state

The Council met in grand debate.

A colt, whose eye-balls flam'd with ire

Elate with strength and youthful fire,

In haste stept forth before the rest,

And thus the listning throng addrest.

Good gods! how abiect is our race,

Condemn'd to slav'ry and disgrace!

Shall we our servitude retain,

Because our Sires have born the chain?

Consider, friends, your strength and might,

'This conquest to assert your right.

How cumbrous is the gilded coach!

The pride of man is our reproach.

Were we design'd for daily toil,

To drag the plough-share through the soil;

To sweat in harness through the road,

To groan beneath the carrier's load?

How feeble are the two legg'd Kind!

What force is in our nerves combin'd!

Shall then our nobler jaws submit

To foam and champ the galling bit?

Shall haughty man my back bestride?

Shall the sharp Spur provoke my side?

Forbid it Heav'ns! Reject the rein,

Your shame, your infamy disdain.

Let him the Lion first controul,

And still the tyger's famish'd growl:

Let us, like them, our freedom claim,

And make him tremble at our name.

A general nod approv'd the Cause,

And all the circle neigh'd applause etc.

 

Der deutsche Dichter hat die Reden des Aufwieglers verlängert, aber auch zugleich verschönert. Wir wollen ihn hören:

 

Ha! sprach ein junger Hengst, wir Sklaven sind es wert,

Daß wir im Joche sind. Wo lebt ein edles Pferd,

Das frei sein will? O wie glückselig war

In jener Zeit der Väter Schar!

Die waren Helden, edel, frei

Und tapfer. In die Sklaverei

Bog keiner seinen Nacken,

Engländer nicht, auch nicht Polacken.

Der weite Wald

War ihr geraumer Aufenthalt,

Und scheuten sie kein offnes Feld,

Sie grasten in der ganzen Welt

Nach freiem Willen. Ach! und wir,

Sind Sklaven, gehn im Joch, arbeiten wie der Stier.

Dem schwachen Menschen sind wir Starken untertan,

Dem Menschen! - - Brüder, seht es an,

Das unvollkommne Tier!

Was ist es? Was sind wir?

Solch ein Geschöpf bestimmte die Natur

Uns prächtigen Geschöpfen nicht zum Herrn;

Pfui, auf zwei Beinen nur!

Riecht er den Streit von fern?

Bebt unter ihm die Erde, wenn er stampft?

Sieht man, dass seine Nase dampft?

Ist er großmütiger als wir?

Ist er ein schönes Tier?

Hat er die Mähne, die uns ziert?

Und doch ist er, ihr Brüder, ach!

Der Herr, der uns regiert.

Wir tragen ihn, wir fürchten seine Macht,

Wir führen seinen Krieg, und liefern seine Schlacht!

Er siegt, und höret Lobgesang;

Die Schlacht indes, die er gewann,

War unser Werk, wir hatten es getan.

Was aber ist der Dank?

Wir dienen ihm zur Pracht

Vor seinem Siegeswagen;

Und ach! vielleicht nach dreien Tagen

Spannt er den Rappen, der ihn trug,

Vor einen Pflug.

Entreißet, Brüder, euch der niedern Sklaverei,

Entreißet euch dem Joch, und werdet wieder frei.

Vielleicht ist es, wenn wir

Zusammen halten! Was meint ihr?

Er schwieg. Ein wieherndes Geschrei,

Ein wilder Lärm entstand, und jeder fiel ihm bei.

 

Der Eingang des Engländers ist etwas langweilig. Wir würden lieber mit dem Deutschen gleich zur Sache schreiten:

 

Ha! sprach ein junger Hengst, u.s.w.

 

wenn wir nur durch ein einziges Wort unterrichtet worden wären, wen der junge Hengst anredet.

Gay läßt ihn sagen:

 

Shall we our servitude retain

Because our Sires have borne the chain?

 

Bei dem Deutschen tut er gerade das Gegenteil. Er beschreibet den Heldenmut, die Tapferkeit und die Freiheit seiner Vorfahren, und dieses mit Recht. Das Geschlecht der Pferde ist doch unstreitig einst frei gewesen, und was ist natürlicher, als dass sich ein junger Held, durch die Heldentugenden seiner Vorfahren, zu großen Taten anspornen läßt.

Der Stolz des aufrührischen Gauls ist im Deutschen unverbesserlich ausgedrückt:

 

Dem Menschen! -

Das unvollkommne Tier!

Was ist es? Was sind wir?

Pfui, auf zwei Beinen nur!

 

Die folgenden Fragen:

 

Riecht er den Streit von fern?

Bebt unter ihm die Erde, wenn er stampft?

Sieht man, dass seine Nase dampft? u.s.w.

 

beziehen sich auf die Beschreibung von den Tugenden des Pferdes, die wir im Hiob lesen, und sind hier dem Eigendünkel des jungen Hengstes sehr angemessen. Wie lebhaft wird der Undank des Menschen gegen die willigen Tiere am Ende der Rede beschrieben!

 

Was aber ist der Dank?

Wir dienen ihm zur Pracht

Vor seinem Siegeswagen,

Und ach! vielleicht nach dreien Tagen,

Spannt er den Rappen, der ihn trug,

Vor einen Pflug.

 

Kurz! man wird in der Rede des deutschen Rebel-len weit mehr Ordnung, mehr Lebhaftigkeit und auch mehr Gründlichkeit antreffen, als in der Rede des Engländers. Man wird diesen Unterschied auch in der Antwort des alten Schimmels bemerken, welche wir der Kürze halber übergehen. Nur den Schloß führen wir aus beiden Fabeln noch an; der engländische Dichter sagt:

 

The tumult ceas'd. The colt submitted,

And, like his ancestors, was bitted.

 

Der deutsche mit einer ihm eigenen Lustigkeit:

 

Niemals besänftigte der Redner Cicero

Die aufgebrachten Römer so,

Als dieser Nestor seine Brüder.

Denn er voran, und hinter ihm die Schar

Der mutigen Rebellen alle,

Nebst dem, der ihr Worthalter war,

Begaben alsobald sich wieder nach dem Stalle.

 

Es ist im übrigen zu bedauern, dass der Verfasser, wie er sich in einer angehängten Nachricht beklagt, dem Schicksale der besten Köpfe in Deutschland nicht hat entgehen können. Sie werden mehrenteils mit einer Menge von mechanischen Geschäften belastet, die in ziemlicher Entfernung von den Werken der Musen stehen, und wenn das Genie sich gleich durcharbeitet, und zu gewissen glücklichen Stunden aus dem Felde der Mühseligkeit in das Feld der Schönheit hinüber schweift, so fehlt es ihm doch an der zwoten Muße, die zur Ausbesserung und Wegschaffung der kleinen Fehler erfordert wird. Er dichtet, weil ihn das Dichten belustiget; die Ausbesserung aber ist eine Arbeit, und kann nur von demjenigen unternommen werden, der zur Veränderung arbeitet.

Nach denen überaus schönen Proben, die wir von unserm Dichter angeführt, wird es unstreitig den Umständen, in welchen der Verfasser lebt, zuzuschreiben sein, dass er sich selbst so ungleich ist, und in andern Stellen eine ziemliche Nachlässigkeit verrät. Die vierte Fabel, »Die Milchfrau« aus dem Fontaine, ist weit unter dem Original, und wimmelt von müßigen Ausdrückungen. Die vier und zwanzigste, »Der Fuchs und der Rabe«, die La Fontaine so meisterlich erzählt, hat in der Nachahmung vieles verloren. (Man sehe in Gellerts Vorrede zu seinen Fabeln und Erzählungen, wie schön diese Fabel von einem alten schwäbischen Dichter ist besungen worden.) Wir zweifeln nicht, dass es der Herr Verfasser selbst eingesehen habe; aber wir verwundern uns, dass er nicht, statt der fünf und zwanzig Fabeln im zweiten Buche, lieber ungefähr achtzehn vortrefflich erzählte Fabeln hat liefern wollen.


 © textlog.de 2004 • 21.10.2017 23:26:04 •
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