Der Tod des Herzogs von Gandia


Von Detlev v. Liliencron

 

Caesar Borgia, wie heißen deine Waffen?

Erdrosselung, Gift, Mord: das sind die drei.

Siehst du die Wunden deines Bruders klaffen?

Wer war der Mörder? Wer war mit dabei?

Ließ Eifersucht Juan Gandia hinraffen?

Hörst du Lucrezias, eurer Schwester, Schrei?

Inzest? Zwei Brüder Borgia im Besitz?

Wars des Giovanni Sforza Racheblitz?

 

Ducha di Gandia: Mondhell war die Nacht.

Die Maske hinter dir auf deinem Pferde

Flüstert ununterbrochen: Herr, gib Acht!

Da springen plötzlich Bravi von der Erde.

Neun Messerstöße. Gurgelschnitt. Vollbracht.

Und der, der sank, ist ledig aller Fährde.

Weg Alles. Leer der Platz. Ein Käuzchen fliegt,

Wo einsam jetzt im Blut der Herzog liegt.

 

Weiter. Am Tiber huscht ein Kerl. Er hält.

Dann einer, der am Strick ein Maultier führt,

Dem eine Last nach beiden Seiten fällt:

Kopf, Arme rechts, die Beine links verschnürt.

Und wo der Kehricht sich dem Strom gesellt,

Ist bald die Leiche mit hineingerührt.

Der rote Mantel löst sich, schwimmt, hell, grell;

Durch nachgeworfne Steine sinkt er schnell.

 

Wer war der Mörder? Nie wards aufgeklärt.

Nur Alexander Sextus hats gewußt,

Doch niemals hat sein Schmerz Einblick gewährt,

Er trug ins Grab das Schweigen seiner Brust.

Nun, Cesare, hat dich der Mord beschwert?

Wars ein Orsini? Blöder Fragenwust.

O du genialer Unmensch, Gott und Tier,

In deinem Wappen weidet stur ein Stier.

 

Lucrezia Borgia, hätt ich dich gekannt!

Voll Anraut mitten drin im Satanskessel,

Flohst du an einen fernen Künstlerstrand

Und schmücktest frauenhaft Ferraras Sessel.

Weshalb bist ewig du von uns verbannt?

Weshalb erlöst dich niemand aus der Fessel?

Ich wills dir sagen: Das ist tief der Grund:

Wir Menschen sähn dich gern im Höllenschlund.

 

Wir Menschen: weil wir einen haben müssen,

Der unsre Schuld, für uns zu tragen hat.

Frau Fama hilft uns, und mit Judasküssen

Verdammen wir ihn in die Sündenstadt,

Damit wir uns, lammgleich, in Erdgenüssen

Scheinheilig wiegen auf dem Lilienblatt.

Ein grauenhafter Zug in unserm Wesen;

Zwar ist das im Gesetzbuch nicht zu lesen.

 

Rodrigo-Alexander wußt es nur.

Servus servorum. Sua Santità.

Wir sehn des rätselhaften Manns Kontur.

»Die schönen Weiber von Valencia.«

Vannuzza. Julia Farneses Spur.

Wir sind in Rom, und nicht in Altona.

»Die Liebe aber —« wird den Haß euch mindern:

Die Liebe Roderichs zu seinen Kindern.

 

 

 

Nr. 203, VIII. Jahr

12. Mai 1906.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 25.01.2007 
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