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I. [Durch die Geldwirtschaft vermitteltes Übergewicht der intellektuellen über die Gefühlsfunktionen; Charakterlosigkeit und Objektivität des Lebensstiles]

 

Eben diese Objektivität der Lebensverfassung geht auch von deren Beziehung zum Gelde aus. Ich habe in früherem Zusammenhang darauf hingewiesen, eine wie große Erhebung über die ursprüngliche undifferenzierte Subjektivität des Menschen schon der Handel darstellt. Noch heute gibt es Völker in Afrika und Mikronesien, die keinen anderen Besitzwechsel als in der Form des Raubes und des Geschenkes kennen. Wie aber dem höheren Menschen neben und über den subjektivistischen Antrieben von Egoismus und Altruismus - in deren Alternative die Ethik leider noch die menschlichen Motivierungen einzusperren pflegt - objektive Interessen erwachsen, ein Hingegebensein oder Verpflichtetsein, das gar nicht mit Verhältnissen von Subjekten, sondern mit sachlichen Angemessenheiten und Idealen zu tun hat: so entwickelt sich, jenseits der egoistischen Impulsivität des Raubes und der nicht geringeren altruistischen des Geschenkes, der Besitzwechsel nach der Norm objektiver Richtigkeit und Gerechtigkeit, der Tausch. Das Geld aber stellt das Moment der Objektivität der Tauschhandlungen gleichsam in reiner Abgelöstheit und selbständiger Verkörperung dar, da es von allen einseitigen Qualifikationen der tauschbaren Einzeldinge frei ist und deshalb von sich aus zu keiner wirtschaftlichen Subjektivität ein entschiedeneres Verhältnis hat als zu einer anderen - gerade wie das theoretische Gesetz die für sich seiende Objektivität des Naturgeschehens darstellt, der gegenüber jeder einzelne, von jenem bestimmte Fall als zufällig - das Seitenstück zu dem Subjektiven im Menschlichen - erscheint. Daß dennoch die verschiedenen Persönlichkeiten gerade zum Gelde die verschiedensten inneren Beziehungen haben, beweist gerade seine Jenseitigkeit von jeder subjektiven Einzelheit; es teilt diese mit den anderen großen historischen Potenzen, die weiten Seen gleichen, aus denen man von jeder Seite her und alles das schöpfen kann, was das mitgebrachte Gefäß nach Form und Umfang gestattet. Die Objektivität des gegenseitigen Verhaltens der Menschen - die freilich nur eine Formung eines ursprünglich von subjektiven Energien gelieferten Materiales ist, aber eine von schließlich selbständigem Bestande und Normgebung - gewinnt an den rein geldwirtschaftlichen Interessen ihre restloseste Ausprägung. Was gegen Geld fortgegeben wird, gelangt an denjenigen, der das meiste dafür gibt, gleichgültig, was und wer er sonst sei; wo andere Äquivalente ins Spiel kommen, wo man um Ehre, um Dienstleistung, um Dankbarkeit sich eines Besitzes entäußerst, sieht man sich die Beschaffenheit der Person an, der man gibt. Und umgekehrt, wo ich selbst um Geld kaufe, ist es mir gleichgültig, von wem ich das kaufe, was mir erwünscht und den Preis wert ist; wo man aber um den Preis der Dienstleistung, der persönlichen Verpflichtung in innerlicher und äußerlicher Beziehung erwirbt, da prüft man genau, mit wem man zu tun hat, weil wir nichts anderes von uns als gerade nur Geld jedem Beliebigen geben mögen. Die Bemerkung auf den Kassenscheinen, daß der Wert derselben dem Einlieferer »ohne Legitimationsprüfung« ausgezahlt wird, ist bezeichnend für die absolute Objektivität, mit der in Geldsachen verfahren wird. Auf ihrem Gebiete findet sich selbst bei einem sehr viel leidenschaftlicheren Volke als den Indern doch ein Gegenstück zu jener Exemtion des Ackerbauers von den kriegerischen Bewegungen: bei einigen Indianern darf der Händler unbehelligt durch Stämme ziehen und Handel treiben, die mit dem seinigen auf dem Kriegsfuß stehen! Das Geld stellt Handlungen und Verhältnisse des Menschen so außerhalb des Menschen als Subjektes, wie das Seelenleben, soweit es rein intellektuell ist, aus der persönlichen Subjektivität in die Sphäre der Sachlichkeit, die es nun abspiegelt, eintritt. Damit ist ersichtlich ein Überlegenheitsverhältnis angelegt. Wie der, der das Geld hat, dem überlegen ist, der die Ware hat, so besitzt der intellektuelle Mensch als solcher eine gewisse Macht gegenüber dem, der mehr im Gefühle und Impulse lebt. Denn soviel wertvoller des letzteren Gesamtpersönlichkeit sein mag, so sehr seine Kräfte in letzter Instanz jenen überflügeln mögen - er ist einseitiger, engagierter, vorurteilsvoller als jener, er hat nicht den souveränen Blick und die ungebundenen Verwendungsmöglichkeiten über alle Mittel der Praxis wie der reine Verstandesmensch. Aus diesem Überlegenheitsmoment heraus, in dem das Geld und die Intellektualität durch ihre Objektivität gegenüber jedem singulären Lebensinhalt zusammentreffen, hat Comte in seinem Zukunftsstaat an die Spitze der weltlichen Regierung die Bankiers gestellt, da sie die Klasse der allgemeinsten und abstraktesten Funktionen bildeten. Und dieser Zusammenhang klingt schon bei den mittelalterlichen Gesellenverbänden an, in denen der Seckelmeister zugleich der Vorstand der Bruderschaft zu sein pflegt.

 


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