XIX.1. Römische Hierarchie

 

 Lasst uns einige dieser Maßregeln, die der römische Hof zu seinem Vorteil befolgt hat, ohne Liebe und Haß auszeichnen.

 1. Roms Herrschaft beruhte auf Glauben, auf einem Glauben, der zeitlich und ewig das Wohl menschlicher Seelen befördern sollte. Zu diesem System gehörte alles, was menschliche Seelen leiten kann, und dies alles brachte Rom in seine Hände. Von Mutterleibe an bis ins Grab, ja bis jenseit desselben im Fegefeuer war der Mensch in der Gewalt der Kirche, der er sich nicht entziehen konnte, ohne rettungslos unglücklich zu werden: sie formte seinen Kopf, sie beunruhigte und beruhigte sein Herz; durch die Beicht hatte sie den Schlüssel zu seinen Geheimnissen, zu seinem Gewissen, zu allem, was er um und an sich trägt, in Händen. Lebenslang blieb der Gläubige unter ihrer Zucht unmündig, und im Artikel des Todes band sie ihn mit siebenfachen Banden, um den Reuigen und Freigebigen desto freigebiger zu lösen. Das geschah Königen und Bettlern, Rittern und Mönchen, Männern und Weibern; weder seines Verstandes noch seines Gewissens mächtig, mußte jedermann geleitet werden, und an Leitern konnte es ihm nie fehlen. Da nun der Mensch ein träges Geschöpf ist und, wenn er einmal an eine christliche Seelenpflege gewöhnt wurde, derselben schwerlich wieder entbehren mag, vielmehr seinen Nachkommen dies sanfte Joch als das Polster eines Kranken anempfiehlt, so war die Herrschaft der Kirche damit im Innersten der Menschen gegründet. Mit dem Verstande und dem Gewissen des Gläubigen hatte sie alles in ihrer Gewalt; es war eine Kleinigkeit, daß, wenn sie ihm sein Geistliches säete, sie etwa sein Leibliches ernte; hingegeben, wie er war, hatte sie ihn bei Leibesleben im Innersten längst geerbt.

 2. Diesen Glauben zu leiten, bediente sich die Kirche nicht etwa des Größesten, des Wichtigsten, sondern des Faßlichsten, des Kleinsten, weil sie wohl wußte, welch ein weniges die Andacht der Menschen vergnüge. Ein Kreuz, ein Marienbild mit dem Kinde, eine Messe, ein Rosenkranz taten zu ihrem Zwecke mehr, als viele feine Spekulationen würden getan haben; und auch diesen Hausrat verwaltete sie mit dem sparsamsten Fleiße. Wo eine Messe hinreichte, bedorfte es des Abendmahls nicht; wo eine stille Messe gnug war, bedorfte es keiner lauten; wo man verwandeltes Brot aß, war der verwandelte Wein zu entbehren. Mit einer solchen Ökonomie gewann die Kirche Raum zu unzähligen Freiheiten und unkostbaren Geschenken; denn auch der sparsamste Ökonom könnte gefragt werden, ob er aus Wasser, Brot, Wein, aus einigen Glas- oder Holzperlen, ein wenig Wolle, Salbe und dem Kreuz ein mehreres zu machen wisse, als daraus die Kirche gemacht hat. So auch mit Formularen, Gebeten, Cerimonien. Nie wollte sie vergebens erfunden und angeordnet haben; alte Formeln blieben, obwohl für die neuere Zeit neue gehörten; die andächtige Nachkommenschaft sollte und wollte wie ihre Vorfahren selig werden. Noch weniger nahm die Kirche je einen ihrer begangenen Fehler zurück; gar zu augenscheinlich begangen, wurde er jederzeit nur auf die verblümtste Weise vernichtet; sonst blieb alles, wie es war, und wurde nach gegebnen Veranlassungen nicht verbessert, sondern vermehrt. Ehe auf diesem bedächtlichen Wege der Himmel voll Heiliger war, war die Kirche voll Reichtümer und Wunder; und auch bei den Wundern ihrer Heiligen hat sich die Erfindungskraft der Erzähler nicht bemüht. Alles wiederholt sich und baut auf den großen Grundsatz der Popularität, des Faßlichsten, des Gemeinsten, weil eben bei der mindesten Glaubwürdigkeit das oft und dreust Wiederkommende selbst Glauben gebietet und zuletzt Glauben findet.

 3. Mit dem Grundsatz des Kleinsten wußte die römische Staatskunst das Feinste und Gröbste dergestalt zu verbinden, daß sie in beidem schwerlich zu übertreffen sein möchte. Niemand konnte demütiger, schmeichelnder und flehender sein, als in Zeiten der Not oder gegen Willfährige und Gutherzige die Päpste waren; bald spricht St. Petrus durch sie, bald der zärtlichste Vater; niemand aber kann auch offner und stärker, gröber und härter als sie schreiben und handeln, sobald es not war. Nie disputieren sie, sondern sie dekretieren; eine schlaue Kühnheit, die ihren Weg verfolgt, sie mag flehen und bitten oder fodern, drohen, trotzen und strafen, bezeichnet die Bullensprache des Romanismus fast ohne ihresgleichen. Daher der eigne Ton der Kirchengesetze, Briefe und Dekrete mittlerer Zeiten, der von der Würde der altrömischen Gesetzgebung sich sonderbar unterscheidet; der Knecht Christi ist gewöhnt, zu Laien oder zu Untergebnen zu sprechen, immer seiner Sache gewiß, nie sein Wort zurücknehmend. Dieser heilige Despotismus, mit väterlicher Würde geschmückt, hat mehr ausgerichtet als jene leere Höflichkeit nichtiger Staatsränke, denen niemand traut. Er wußte, was er wollte und wie er Gehorsam zu fodern habe.

4. Auf keinen einzelnen Gegenstand der bürgerlichen Gesellschaft ließ sich die römische Staatskunst mit Vorliebe ein; sie war um ihr selbst willen da, brauchte alles, was ihr diente, konnte alles vernichten, was ihr entgegenstand: denn nur an ihr selbst lag ihr. Ein geistlicher Staat, der auf Kosten aller christlichen Staaten lebte, konnte freilich nicht umhin, jetzt auch den Wissenschaften, jetzt der Sittlichkeit und Ordnung, jetzt dem Ackerbau, Künsten, dem Handel nützlich zu werden, wenn es sein Zweck wollte; daß aber dem eigentlichen Papismus es nie an reiner Aufklärung, an Fortschritten zu einer bessern Staatsordnung, samt allem, was dazu gehört, gelegen gewesen sei, erweist die ganze mittlere Geschichte. Der beste Keim konnte zertreten werden, sobald er gefährlich wurde; auch der gelehrtere Papst mußte seine Einsichten verbergen oder bequemen, sobald sie dem ewigen Interesse des Römischen Stuhls zu weit aus dem Wege lagen. Dagegen, was dies Interesse nährte, Künste, Zinsen, Aufruhr erregende Munizipalstädte, geschenkte Äcker und Länder, das wurde zur größern Ehre Gottes gepflegt und verwaltet. Bei aller Bewegung war die Kirche der stillstehende Mittelpunkt des Universum.

 5. Zu diesem Zweck dorfte der römischen Staatsherrschaft alles dienen, was ihr nützte: Krieg und Schwert, Flamme und Gefängnis, erdichtete Schriften, Meineid auf eine geteilte Hostie, Inquisitionsgerichte und Interdikte, Schimpf und Elend, zeitliches und ewiges Unglück. Um ein Land gegen seinen Landesherren aufzubringen, konnten ihm alle Mittel der Seligkeit, außer In der Todesstunde, genommen werden; über Gottes- und Menschengebote, über Völker- und Menschenrechte wurde mit den Schlüsseln Petrus' gewaltet.

 6. Und da dies Gebäude allen Pforten der Hölle überlegen sein sollte, da dies System kanonischer Einrichtungen, die Macht der Schlüssel, zu binden und zu lösen, die zauberische Gewalt heiliger Zeichen, die Gabe des Geistes, der sich von Petrus an auf seine Nachfolger und ihre Geweihten fortpflanzt, nichts als Ewigkeit predigt: wer könnte sich ein tiefer eingreifendes Reich gedenken? Seel- und leibeigen gehört ihm der Stand der Priester; mit geschornem Haupt und unwiderruflichem Gelübde werden sie seine Diener auf ewig. Unauflöslich ist das Band, das Kirche und Priester knüpft; genommen wird ihm Kind, Weib, Väter und Erbe; abgeschnitten vom fruchtbaren Baum des menschlichen Geschlechts, wird er dem perennierend-dürren Baum der Kirche eingeimpft: seine Ehre fortan nur ihre Ehre, ihr Nutzen, der seine; keine Änderung der Gedanken, keine Reue ist möglich, bis der Tod seine Knechtschaft endet. Dafür aber zeigte diesen Leibeignen die Kirche auch ein weites Feld der Belohnung, eine hohe Stutenleiter, reiche, weitgebietende Knechte, die Herren aller Freien und Großen der Erde zu werden. Den Ehrgeizigen reizte sie mit Ehre, den Andächtigen mit Andacht und hatte für jeden, was ihn lockt und belohnt. Auch hat diese Gesetzgebung das Eigene, daß, solange ein Rest von ihr da ist, sie ganz da sei und mit jeder einzelnen Maxime alle befolgt werden müssen; denn es ist Petrus' Fels, auf welchem man mit seinem unvergänglichen Netze fischt; es ist das unzuzerstückende Gewand, das im Spiel der Kriegsleute selbst nur einem zuteil werden konnte.

 7. Und wer war in Rom, an der Spitze seines heiligen Kollegium, dieser eine? Nie ein wimmerndes Kind, dem man etwa an seiner Wiege den Eid der Treue schwur und damit allen Phantasien seines Lebens Huldigung gelobte; nie ein spielender Knabe, bei dem man sich durch Begünstigung seiner Jugendtorheiten einschmeichelte, um nachher der verzärtelnde Liebling seiner Laune zu werden; ein Mann oder Greis wurde erwählt, der, meistens in Geschäften der Kirche schon geübt, das Feld kannte, auf welchem er Arbeiter bestellen sollte. Oder er war mit den Fürsten seiner Zeit nahe verwandt und wurde in kritischen Zeiten gerade nur zu der Verlegenheit gewählt, die er abtun sollte. Nur wenige Jahre hatte er zu leben und für keine Nachkommenschaft rechtmäßig etwas zu erbeuten; wenn er aber auch dieses tat, so war's im großen ganzen des christlichen Pontifikats selten wert der Rede. Das Interesse des Römischen Stuhls war fortgehend; der erfahrne Greis wurde nur eingeschoben, damit er zu dem, was geschehen war, auch seinen Namen dazutun könnte. Manche Päpste erlagen der Bürde; andere rechtserfahrne, staatskluge, kühne und standhafte Männer verrichteten in wenigen Jahren mehr, als schwache Regierungen in einem halben Jahrhunderte tun konnten. Eine lange Reihe von Namen müßte hier stehen, wenn auch nur die vornehmsten würdigen und großen Päpste genannt werden sollten, bei deren vielen man es bedauert, daß sie zu keinem andern Zweck arbeiten konnten. Der wohllüstigen Weichlinge sind auf dem Römischen Stuhl weit weniger als auf den Thronen weltlicher Regenten, und bei manchen derselben sind ihre Fehler nur auffallend, weil sie Fehler der Päpste waren.

 


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