XIX.2. Wirkung der Hierarchie auf Europa

 

 4. Die großen Institute der Hierarchie in allen katholischen Ländern sind unverkennbar; und vielleicht wären die Wissenschaften längst verarmt, wenn sie nicht von den überbliebenen Brosamen dieser alten Heiligentafel noch spärlich ernährt würden. Indessen hüte man sich auch hier für Irrung am Geist voriger Zeiten. Keines Benediktiners Hauptabsicht war der Ackerbau, sondern die Mönchsandacht. Er hörte auf zu arbeiten, sobald er nicht mehr arbeiten dorfte, und wie viele Summen von dem, was er erwarb, gingen nach Rom oder wohin sie nicht sollten! Auf die nützlichen Benediktiner sind eine Reihe anderer Orden gefolgt, die zwar der Hierarchie zuträglich, dagegen aber Wissenschaften und Künsten, dem Staat und der Menschheit äußerst zur Last waren, vorzüglich die Bettelmönche. Alle sie, nebst den Nonnen jeder Art (die Brüder und Schwestern der Barmherzigkeit vielleicht allein ausgenommen), gehören einzig nur in jene harte, dunkle, barbarische Zeiten. Wer würde heutzutage ein Kloster nach der Regel Benedikts stiften, damit die Erde gebaut, oder eine Domkirche gründen, damit Jahrmarkt in ihr gehalten werde? Wer würde von Mönchen die Theorie des Handels, vom Bischofe zu Rom das System der besten Staatswirtschaft oder vom gewöhnlichen Scholaster eines Hochstifts die beste Einrichtung der Schulen lernen wollen? Damals indessen war alles, was der Wissenschaft, Sittlichkeit, Ordnung und Milde auch nur in seinen Nebenzwecken diente, von unschätzbarem Wert.

 Daß man indes die erzwungenen Gelübde der Enthaltsamkeit, des Müßigganges und der klösterlichen Armut zu keiner Zeit und unter keiner Religionspartei dahin rechne! Dem päpstlichen Stuhl waren sie zu seiner Oberherrschaft unentbehrlich: er mußte die Knechte der Kirche von der lebendigen Welt losreißen, damit sie seinem Staat ganz lebten; der Menschheit aber waren sie nie angemessen noch ersprießlich. Lasst ehelos bleiben, betteln und Psalmen singen, lasst sich geißeln und Rosenkränze beten, wer kann und mag; daß aber Zünfte dieser Art, unter öffentlichem Schutz, ja unter dem Siegel der Heiligkeit und eines überströmenden Verdienstes, auf Kosten des geschäftigen, nützlichen Fleißes, eines ehrbaren Hauswesens, ja der Wünsche und Triebe unserer Natur selbst mit Vorzügen, Pfründen und einem ewigen Einkommen begünstigt werden, wer ist, der dies zu loben oder zu billigen vermöchte? Gregor den Siebenden kümmerten die Liebeseufzer der kranken Nonnen, die verstohlnen Wege der Ordensbrüder, die stummen und lauten Sünden der Geistlichen, die durch sie gekränkten Ehen, die gesammelten Güter der Toten Hand, der genährte Ehrgeiz des abgesonderten heiligen Standes und jede andere Verwirrung nicht, die daraus erwachsen mußte; im Buch der Geschichte aber liegen die Folgen davon klar am Tage.

 5. Also wollen wir auch von den Wallfahrten heiliger Müßiggänger nicht viel rühmen; wo sie nicht auf eine versteckte Weise dem Handel oder der Kundschaft unmittelbar dienten, haben sie zur Länder- und Völkerkenntnis nur sehr zufällig und unvollkommen beigetragen. Allerdings war es eine große Bequemlichkeit, unter einem heiligen Pilgerkleide allenthalben Sicherheit, in wohltätigen Klöstern Speise und Ruhe, Reisegefährten auf allen Wegen und zuletzt im Schatten eines Tempels oder heiligen Haines den Trost und Ablaß zu finden, dessen man begehrte. führt man aber den süßen Wahn zur ernsten Wahrheit zurück, so sieht man in heiligen Pilgerkleidern oft Missetäter ziehen, die grobe Verbrechen durch eine leichte Wallfahrt versöhnen wollen, irre Andächtige, die Haus und Hof verlassen oder verschenken, die den ersten Pflichten ihres Standes oder der Menschheit entsagen, um nachher lebenslang verdorbene Menschen, halbe Wahnsinnige, anmaßende oder ausschweifende Toren zu bleiben. Das Leben der Pilger war selten ein heiliges Leben, und der Aufwand, den sie noch jetzt an den Hauptorten ihrer Wanderschaft einigen Königreichen kosten, ist ein wahrer Raub ihrer Länder. Ein einziges schon, daß diese andächtige Krankheit, nach Jerusalem zu wallfahrten, unter andern auch die Kreuzzüge hervorgebracht, mehrere geistliche Orden veranlasst und Europa elend entvölkert hat, dies allein zeugt schon gegen dieselbe; und wenn Missionen sich hinter sie versteckten, so hatten diese gewiß kein reines Gute zum Endzweck.

 6. Das Band endlich, dadurch alle römisch- katholische Länder unleugbar vereint wurden, die lateinische Mönchssprache, hatte auch manche Knoten. Nicht nur wurden die Muttersprachen der Völker, die Europa besaßen, und mit ihnen die Völker selbst in Roheit erhalten, sondern es kam unter andern auch hiedurch insonderheit das Volk um seinen letzten Anteil an öffentlichen Verhandlungen, weil es kein Latein konnte. Mit der Landessprache wurde jedesmal ein großer Teil des Nationalcharakters aus den Geschäften der Nation verdrängt, wogegen sich mit der lateinischen Mönchssprache auch jener fromme Mönchsgeist einschlich, der zu gelegener Zeit zu schmeicheln, zu erschleichen, wohl auch zu verfälschen wußte. Daß die Akten sämtlicher Nationen Europas, ihre Gesetze, Schlüsse, Vermächtnisse, Kaufund Lehninstrumente, endlich auch die Landesgeschichte so viele Jahrhunderte hindurch latein geschrieben wurden, dies konnte zwar der Geistlichkeit, als dem gelehrten Stande, sehr nützlich, den Nationen selbst aber nicht anders als schädlich sein. Nur durch die Kultur der vaterländischen Sprache kann sich ein Volk aus der Barbarei heben; und Europa blieb auch deshalb so lange barbarisch, weil sich dem natürlichen Organ seiner Bewohner fast ein Jahrtausend hin eine fremde Sprache vordrang, ihnen selbst die Reste ihrer Denkmale nahm und auf so lange Zeit einen vaterländischen Kodex der Gesetze, eine eigentümliche Verfassung und Nationalgeschichte ihnen ganz unmöglich machte. Die einzige russische Geschichte ist auf Denkmale in der Landessprache gebaut, eben weil ihr Staat der Hierarchie des römischen Papstes fremde geblieben war, dessen Gesandten Wladimir nicht annahm. In allen andern Ländern Europas hat die Mönchssprache alles verdrängt, was sie hat verdrängen mögen, und ist nur als eine Notsprache oder als der schmale Übergang zu loben, auf welchem sich die Literatur des Altertums für eine bessere Zeit retten konnte.

 Ungern habe ich diese Einschränkung des Lobes der mittleren Zeiten niedergeschrieben. Ich fühle ganz den Wert, den viele Institute der Hierarchie noch für uns haben, sehe die Not, in welcher sie damals errichtet wurden, und weile gern in der schauerlichen Dämmerung ihrer ehrwürdigen Anstalten und Gebäude. Als eine grobe Hülle der Überlieferung, die dem Sturm der Barbaren bestehen sollte, ist sie unschätzbar und zeigt ebensowohl von Kraft als Überlegung derer, die das Gute in sie legten; nur einen bleibenden positiven Wert für alle Zeiten mag sie sich schwerlich erwerben. Wenn die Frucht reif ist, zerspringt die Schale.

 


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