XVIII.5. Nordische Reiche und Deutschland

 

 Endlich kommen wir zum sogenannten Vaterlande der deutschen Völker, das jetzt ihr trauriger Rest war, Deutschland. Nicht nur hatte ein fremder Volksstamm, Slawen, die Hälfte desselben eingenommen, nachdem so viele Völkerschaften daraus gewandert waren, sondern auch in seiner übrigen deutschen Hälfte war es nach vielen Verwüstungen eine fränkische Provinz geworden, die jenem großen Reich als eine Überwundene diente. Friesen, Alemannen, Thüringer und zuletzt die Sachsen waren zur Unterwürfigkeit und zum Christentum gezwungen, so daß z.B. die Sachsen, wenn sie Kerstene (Christen) wurden und das große Wodansbild verfluchten, zugleich auch ihre Besitztümer und Rechte in den Willen des heilig- mächtigen König Karls übergeben, um Leben und Freiheit fußfällig bitten und versprechen mußten, an dem dreieinigen Gott und an dem heilig-mächtigen König Karl zu halten. Notwendig wurde durch diese Bindung eigener und freier Völker an den fränkischen Thron aller Geist ihrer ursprünglichen Einrichtung gehemmt; viele derselben wurden mißtrauend oder hart behandelt, die Einwohner ganzer Striche Landes in die Ferne geführt; keine der übergebliebenen Nationen gewann Zeit und Raum zu einer eigentümlichen Bildung. Sofort nach des Riesen Tode, der dies gewaltsam zusammengetriebene Reich allein mit seinen Armen erhielt, wurde unser Deutschland mit oft veränderten Grenzen bald diesem, bald jenem schwachen Karolinger zuteil, und da es an den nie aufhörenden Kriegen und Streitigkeiten des ganzen unglücklichen Geschlechts Anteil nehmen mußte: was konnte aus ihm, was aus seiner innern Verfassung werden? Unglücklicherweise machte es die nörd- und östliche Grenze des fränkischen Reichs, mithin der gesamten römisch-katholischen Christenheit aus, an welcher allenthalben gereizte, wilde Völker voll unversöhnlichen Hasses saßen, die dies Land zum ersten Opfer ihrer Rache machten. Wie von der einen Seite die Normänner bis nach Trier drangen und einen der Nation schimpflichen Frieden erlangten, so rief auf der andern Seite, um das mährische Reich der Slawen zu zerstören, Arnulf die wilden Ungarn ins Land, welches er ihnen damit zu langen schrecklichen Verwüstungen aufschloß. Die Slawen endlich wurden als Erbfeinde der Deutschen betrachtet und waren jahrhundertelang das Spiel ihrer tapfern Kriegsübung.

 Noch mehr wurden dem abgetrenneten Deutschlande die Mittel lästig, die unter den Franken zur Hoheit und Sicherung ihres Reichs gemacht waren. Es erbte alle jene Erz- und Bischoftümer, Abteien und Kapitel, die an der Grenze des Reichs ehemals zur Bekehrung der Heiden dienen sollten, jene Hofämter und Kanzler in Gegenden, die jetzt nicht mehr zum Reiche gehörten, jene Herzoge und Markgrafen, die als Beamte des Reichs zum Schutz der Grenzen bestimmt gewesen waren und gegen Dänen, Wenden, Polen, Slawen und Ungarn noch lange vermehrt wurden. Das glänzendste und entbehrlichste Kleinod von allen endlich war für Deutschland die römische Kaiserkrone; sie allein hat diesem Lande vielleicht mehr Schaden gebracht als alle Züge der Tätern, Hungarn und Türken. Der erste Karolinger, den Deutschland erhielt, Ludwig, war kein römischer Kaiser, und während des geteilten Frankenreiches haben Päpste mit diesem Titel so arg gespielt, daß sie ihn diesem und jenem Fürsten in Italien, ja gar einem Grafen der Provence schenkten, der mit geblendeten Augen starb. Arnulf, ein unechter Nachkomme Karls, geizte nach diesem Titel, den indes sein Sohn abermals nicht erlangte, so wie ihn auch die zwei ersten Könige aus deutschem Blut, Konrad und Heinrich, nicht begehrten. Gefährlicherweise nahm Otto, der mit Karls Krone zu Aachen gekrönt war, sich diesen großen Franken zum Vorbilde, und da ein Abenteuer, die schöne Witwe Adelheid aus dem Turm zu retten, ihm das Königreich Italien verschaffte, und ihm dadurch freilich der Weg nach Rom offen war, so folgten nun Ansprüche auf Ansprüche, Kriege auf Kriege, von der Lombardei bis nach Kalabrien und Sizilien hinab, wo allenthalben für die Ehre seines Kaisers deutsches Blut vergossen, der Deutsche vom Italiener betrogen, deutsche Kaiser und Kaiserinnen in Rom mißhandelt, Italien von deutscher Tyrannei besudelt, Deutschland von Italien aus seinem Kreise gerückt, mit Geist und Kraft über die Alpen gezogen, in seiner Verfassung von Rom abhängig, mit sich selber uneins, sich selbst und andern schädlich gemacht wurde, ohne daß die Nation von dieser blendenden Ehre Vorteil gezogen hätte. »Sie vos non vobis« war immer ihr bescheidener Wahlspruch.

 Desto mehr Ehre gebührt der deutschen Nation, daß sie eben unter diesen gefährlichen Umständen, in welche sie die Verbindung der Dinge setzte, als eine Schutzwehr und Vormauer des Christentums zur Freiheit und Sicherheit des ganzen Europa dastand. Heinrich der Vogler schuf aus ihr diese Vormauer, und Otto der Große wußte sie zu gebrauchen; aber auch dann folgte die treue willige Nation ihrem Beherrscher, wenn beim allgemeinen Chaos ihrer Verfassung dieser selbst nicht wußte, welchen Weg er sie führe. Als gegen die Räubereien der Stände der Kaiser selbst sein Volk nicht schützen konnte, schloß sich ein Teil der Nation in Städte und erkaufte sich von ihren Räubern selbst das sichere Geleit eines Handels, ohne welchen das Land noch lange eine Tatarei geblieben wäre. So entstand im unfriedsamen Staate aus eignen Kräften der Nation ein friedsamer nützlicher Staat, durch Gewerbe, Bündnisse, Gilden verbunden; so hoben Gewerke sich aus dem drückenden Joch der Leibeigenschaft empor und gingen durch deutschen Fleiß und Treue zum Teil in Künste über, mit denen man andere Nationen beschenkte. Was diese ausbildeten, haben meistens Deutsche zuerst versucht, obgleich unter dem Druck der Not und Armut sie selten mit der Freude belohnt wurden, ihre Kunst im Vaterlande angewandt und blühend zu sehen. Haufenweise zogen sie stets in fremde Länder und wurden nord-, west- und ostwärts in mehreren mechanischen Erfindungen die Lehrmeister anderer Nationen; sie wären es auch in den Wissenschaften geworden, wenn die Verfassung ihres Staats nicht alle Institute derselben, die in den Händen der Klerisei waren, zu politischen Rädern der verwirrten Maschine gemacht und sie damit den Wissenschaften großenteils entrissen hätte. Die Klöster Korvey, Fulda u. a. haben für die Fortübung der Wissenschaften mehr getan als große Strecken anderer Länder, und in allen Verirrungen dieser Jahrhunderte bleibt der unzerstörlich treue, biedre Sinn des deutschen Stammes unverkennbar.

 Dem Manne blieb die deutsche Frau nicht nach: häusliche Wirksamkeit, Keuschheit, Treue und Ehre sind ein unterscheidender Zug des weiblichen Geschlechts in allen deutschen Stämmen und Völkern gewesen. Der älteste Kunstfleiß dieser Völker war in den Händen der Weiber: sie webten und wirkten, hatten Aufsicht über das arbeitende Gesinde und standen auch in den obersten Ständen der häuslichen Regierung vor. Selbst am Hofe des Kaisers hatte die Gemahlin ihr großes Hauswesen, zu welchem oft ein ansehnlicher Teil seiner Einkünfte gehörte; und nicht zum Schaden des Landes hat sich in manchem Fürstenhause diese Einrichtung lange erhalten. Selbst die römische Religion, die den Wert des Weibes sehr herabgesetzt hat, vermochte hierbei weniger in diesen als in den wärmeren Ländern. Die Frauenklöster in Deutschland wurden nie die Gräber der Keuschheit in solchem Grade als jenseit des Rheins oder der Pyrenäen und Alpen; vielmehr waren auch sie Werkstätten des deutschen Kunstfleißes in mehreren Arten. Nie hat sich die Galanterie der Rittersitten in Deutschland zu der feinen Lüsternheit, ausgebildet wie in warmem, wohllüstigern Gegenden; denn schon das Klima gebot eine größere Eingeschlossenheit in Häuser und Mauern, da andere Nationen ihren Geschäften und Vergnügungen unter freiem Himmel nachgehen konnten.

 Endlich kann sich Deutschland, sobald es ein eignes Reich wurde, großer, wenigstens arbeitsamer und wohlwollender Kaiser rühmen, unter welchen Heinrich, Otto und die beiden Friedrichs wie Säulen dastehn. Was hätten diese Männer in einem bestimmteren, festeren Kreise tun mögen!

 Lasst uns jetzt, nach dem, was einzeln angeführt worden, einen allgemeinen Blick auf die Einrichtung der deutschen Völker tun, in allen ihren erworbenen Ländern und Reichen. Welches waren ihre Grundsätze? Und was sind dieser Grundsätze Folgen?

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
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