XVII.2. Fortpflanzung des Christentums in den Morgenländern

 

 Wollen wir nun mit einem allgemeinen Blick ein Resultat der Wirkungen erfassen, die das Christentum seinen asiatischen Provinzen gebracht hat, so werden wir uns zuvörderst über den Gesichtspunkt des Vorteils vergleichen müssen, den irgendeine und diese Religion einem Weltteil bringen konnte.

 1. Auf ein irdisches Himmelreich, d. i. auf eine vollkommnere Einrichtung der Dinge zum Besten der Völker, mag das Christentum im stillen gewirkt haben; die Blüte der Wirkung aber, ein vollkommener Staat, ist durch dasselbe nirgend zum Vorschein gekommen, weder in Asien noch in Europa. Syrer und Araber, Armenier und Perser, Juden und Grusiner sind, was sie waren, geblieben, und keine Staatsverfassung jener Gegenden kann sich eine Tochter des Christentums zu sein rühmen; es sei denn, daß man Einsiedelei und Mönchsdienst oder die Hierarchie jeder Art mit ihren rastlosen Wirkungen für das Ideal eines Christenstaats nehmen wollte. Patriarchen und Bischöfe senden Missionen umher, um ihre Sekte, ihren Sprengel, ihre Gewalt auszubreiten; sie suchen die Gunst der Fürsten, um Einfluß in die Geschäfte oder um Klöster und Gemeinen zu erhalten; eine Partei strebt gegen die andere und sorgt, daß sie die herrschende werde; so jagen Juden und Christen, Nestorianer und Monophysiten einander umher, und keiner Partei darf es einfallen, auf das Beste einer Stadt oder eines Erdstrichs rein und frei zu wirken. Die Klerisei der Morgenländer, die immer etwas Mönchartiges hatte, wollte Gott dienen und nicht den Menschen.

 2. Um auf Menschen zu wirken, hatte man drei Wege: Lehre, Ansehen und gottesdienstliche Gebräuche. Lehre ist allerdings das reinste und wirksamste Mittel, sobald sie von rechter Art war. Unterricht der Jungen und Alten, wenn er die wesentlichsten Beziehungen und Pflichten der Menschheit betraf, konnte nicht anders als eine Anzahl nutzbarer Kenntnisse in Gang bringen oder im Gange erhalten; der Ruhm und Vorzug, solche auch dem geringen Volk klarer gemacht zu haben, bleibt dem Christentum in vielen Gegenden ausschließend eigen. Durch Fragen, Predigten, Lieder, Glaubensbekenntnisse und Gebete wurden Kenntnisse von Gott und der Moral unter die Völker verbreitet; durch Übersetzung und Erklärung der heiligen Schriften kam Schrift und Literatur unter dieselbe, und wo die Nationen noch so kindisch waren, daß sie nur Fabeln fassen mochten, da erneuerte sich wenigstens eine heilige Fabel. Offenbar aber kam hiebei alles darauf an, ob der Mann, der lehren sollte, lehren konnte und was es war, das er lehrte. Auf beide Fragen wird die Antwort nach Personen, Völkern, Zeiten und Weltgegenden so verschieden, daß man am Ende sich nur an das halten muß, was er lehren sollte; woran sich denn auch die herrschende Kirche hielt. Sie fürchtete die Untüchtigkeit und Kühnheit vieler ihrer Lehrer, faßte sich also kurz und blieb in einem engen Kreise. Dabei lief sie nun freilich auch Gefahr, daß der Inhalt ihrer Lehre sich sehr bald erschöpfte und wiederholte, daß in wenigen Geschlechtern die ererbte Religion fast allen Glanz ihrer Neuheit verlor und der gedankenlose Lehrer auf seinem alten Bekenntnis sanft einschlief. Und so war meistens auch nur der erste Stoß christlicher Missionen recht lebendig; bald geschah es, daß jede matte Welle eine mattere trieb und alle zuletzt in die stille Oberfläche des Herkommens eines alten Christengebrauches sanft sich verloren. Durch Gebräuche suchte man nämlich das zu ersetzen, was der Seele des Gebrauchs, der Lehre, abging, und so fand sich das Cerimonienwesen ein, das endlich zu einer geistlosen Puppe geriet, die in alter Pracht, unberührbar und unbeweglich, dastand. Für Lehrer und Zuhörer war die Puppe zur Bequemlichkeit erdacht, denn beide konnten dabei etwas denken, wenn sie denken wollten; wo nicht, so ging doch, wie man sagte, das Vehikulum der Religion nicht verloren. Und da vom Anfange an die Kirche sehr auf Einheit hielt, so waren zur gedankenlosen Einheit Formeln, die die Herde am wenigsten zerstreuen mochten, allerdings das beste. Von allem diesen sind die Kirchen Asiens die vollesten Erweise; sie sind noch, was sie vor fast zwei Jahrtausenden wurden, entschlafne seelenlose Körper: selbst Ketzerei ist in ihnen ausgestorben; denn auch zu Ketzereien ist keine Kraft mehr da.

 Vielleicht aber kann das Ansehen der Priester ersetzen, was der entschlafnen Lehre oder der erstorbnen Bewegung abgeht? Einigermaßen, aber nie ganz. Allerdings hat das Alter einer geheiligten Person den sanften Schimmer väterlicher Erfahrung, reifer Klugheit und einer leidenschaftlosen Ruhe der Seele vor und um sich; daher so manche Reisende der Ehrerbietung gedenken, die sie vor bejahrten Patriarchen, Priestern und Bischöfen des Morgenlandes fühlten. Eine edle Einfalt in Gebärden, in der Kleidung, dem Betragen, der Lebensweise trug dazu bei, und mancher ehrwürdige Einsiedler, wenn er der Welt seine Lehre, seine Warnung, seinen Trost nicht versagte, kann mehr Gutes gestiftet haben als hundert geschwätzige Müßiggänger im Tumult der Gassen und Märkte. Indessen ist auch das edelste Ansehen eines Mannes nur Lehre, ein Beispiel, auf Erfahrung und Einsicht gegründet; treten Kurzsichtigkeit und Vorurteile an die Stelle der Wahrheit, so ist das Ansehen der ehrwürdigsten Person gefährlich und schädlich.

 3. Da alles Leben der Menschen sich auf die Geschäftigkeit einer gemeinsamen Gesellschaft bezieht, so ist offenbar, daß auch im Christentum früher oder später alles absterben mußte oder absterben wird, was sich davon ausschließt. Jede tote Hand ist tot; sie wird abgelöst, sobald der lebendige Körper sein Leben und ihre unnütze Bürde fühlt. Solange in Asien die Missionen in Wirksamkeit waren, teilten sie Leben aus und empfingen Leben; als die weltliche Macht der Araber, Tätern, Türken sie davon ausschloß, verbreiteten sie sich nicht weiter. Ihre Klöster und Bischofssitze stehen als Trümmern anderer Zeiten traurig und beschränkt da; viele werden nur der Geschenke, Abgaben und Knechtsdienste wegen geduldet.

 4. Da das Christentum vorzüglich durch Lehre wirkt, so kommt allerdings vieles auf die Sprache an, in welcher es gelehrt wird, und auf die in derselben bereits enthaltene Kultur, der es sich rechtgläubig anschließt. Mit einer gebildeten oder allgemeinen Sprache pflanzt es sich sodann nicht nur fort, sondern es erhält auch durch sie eine eigne Kultur und Achtung; sobald es dagegen, als ein heiliger Dialekt göttlichen Ursprunges, hinter andern lebendigem Sprachen zurückbleibt oder gar in die engen Grenzen einer abgeschlossenen, rauhen Vätermundart wie in ein wüstes Schloß verbannt wird, so muß es in diesem wüsten Schlosse mit der Zeit sein Leben als ein armer Tyrann oder als ein unwissender Gefangener kümmerlich fortziehen. Als in Asien die griechische und nachher die syrische Sprache von der siegenden arabischen verdrängt wurde, kamen auch die Kenntnisse, die in jenen lagen, außer Umlauf; nur als Liturgien, als Bekenntnisse, als eine Mönchstheologie dorften sie sich fortpflanzen. Sehr trüglich ist also die Behauptung, wenn man alles das dem Inhalt einer Religion zuschreibt, was eigentlich nur den Hülfsmitteln gehört, durch welche sie wirkte. Seht jene Thomaschristen in Indien, jene Georgier, Armenier, Abessinier und Kopten an: Was sind sie? Was sind sie durch ihr Christentum worden? Kopten und Abessinier besitzen Bibliotheken alter, ihnen selbst unverständlicher Bücher, die in den Händen der Europäer vielleicht nutzbar wären; jene brauchen sie nicht und können sie nicht brauchen. Ihr Christentum ist zum elendesten Aberglauben hinabgesunken.

 5. Also muß ich auch hier der griechischen Sprache das Lob geben, das ihr in der Geschichte der Menschheit so vorzüglich gebührt; durch sie ist nämlich alle das Licht aufgegangen, mit welchem auch das Christentum unsern Weltteil beleuchtet oder überschimmert hat. Wäre durch Alexanders Eroberungen, durch die Reiche seiner Nachfolger und fernerhin durch das römische Besitztum diese Sprache nicht so weit verbreitet, so lange erhalten worden, schwerlich wäre in Asien irgendeine Aufklärung durchs Christentum entstanden; denn eben an der griechischen Sprache haben Rechtgläubige und Ketzer auf unmittelbare oder mittelbare Weise ihr Licht oder Irrlicht angezündet. Auch in die armenische, syrische und arabische Sprache kam aus ihr der Funke der Erleuchtung; und wären überhaupt die ersten Schriften des Christentums nicht griechisch, sondern im damaligen Judendialekt verfasset worden, hätte das Evangelium nicht griechisch gepredigt und fortgebreitet werden können: wahrscheinlich wäre der Strom, der sich jetzt über Nationen ergoß, nahe an seiner Quelle erstorben. Die Christen wären worden, was die Ebioniten waren und etwa die Johannesjünger oder Thomaschristen noch sind, ein armer verachteter Haufe, ohne alle Wirkung auf den Geist der Nationen. Lasst uns also, von diesen östlichen Geburtsländern hinweg, dem Schauplatz entgegengehen, auf dem es seine erste größere Rolle spielte.

 


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