IV.6. Zur Humanität und Religion ist der Mensch gebildet

 

5. Da aber das bloße Mitgefühl des Menschen sich nicht über alles verbreiten und bei ihm als einem eingeschränkten, vielorganisierten Wesen in allem, was fern von ihm lag, nur ein dunkler, oft unkräftiger Führer sein konnte, so hatte die richtig leitende Mutter seine vielfachen und leise verwebten Aste unter eine untrüglichere Richtschnur zusammengeordnet; dies ist die Regel der Gerechtigkeit und Wahrheit. Aufrichtig ist der Mensch geschaffen, und wie in seiner Gestalt alles dem Haupt dienet, wie seine zwei Augen nur eine Sache sehen, seine zwei Ohren nur einen Schall hören, wie die Natur im ganzen Äußern der Bekleidung überall Symmetrie mit Einheit verband und die Einheit in die Mitte setzte, daß das Zwiefache allenthalben nur auf sie weise, so wurde auch im Innern das große Gesetz der Billigkeit und des Gleichgewichts des Menschen Richtschnur: »Was du willst, daß andere dir nicht tun sollen, tue ihnen auch nicht; was jene dir tun sollen, tue du auch ihnen!« Diese unwidersprechliche Regel ist auch in die Brust des Unmenschen geschrieben; denn wenn er andere frißt, erwartet er nichts, als von ihnen gefressen zu werden. Es ist die Regel des Wahren und Falschen, des idem und idem, auf den Bau aller seiner Sinne, ja, ich möchte sagen, auf die aufrechte Gestalt des Menschen selbst gegründet Sähen wir schief oder fiele das Licht also, so hätten wir von keiner geraden Linie Begriff. Wäre unsere Organisation ohne Einheit, unsere Gedanken ohne Besonnenheit, so schweiften wir auch in unsern Handlungen in regellosen Krümmen einher, und das menschliche Leben hätte weder Vernunft noch Zweck. Das Gesetz der Billigkeit und Wahrheit macht treue Gesellen und Brüder, ja, wenn es Platz gewinnt, macht es aus Feinden selbst Freunde. Den ich an meine Brust drücke, drückt auch mich an seine Brust; für den ich mein Leben aufopfere, der opfert es auch für mich auf. Gleichförmigkeit der Gesinnungen also, Einheit des Zwecks bei verschiedenen Menschen, gleichförmige Treue bei einem Bunde hat alles Menschen- , Völker- und Tierrecht gestiftet; denn auch Tiere, die in Gesellschaft leben, befolgen der Billigkeit Gesetz, und Menschen, die durch List oder Stärke davon weichen, sind die inhumansten Geschöpfe, wenn es auch Könige und Monarchen der Welt wären. Ohne strenge Billigkeit und Wahrheit ist keine Vernunft, keine Humanität denkbar.

6. Die aufrechte und schöne Gestalt des Menschen bildete denselben zur Wohlanständigkeit; denn diese ist der Wahrheit und Billigkeit schöne Dienerin und Freundin. Wohlanständigkeit des Körpers ist, daß er stehe, wie er soll, wie ihn Gott gemacht hat; wahre Schönheit ist nichts als die angenehme Form der innern Vollkommenheit und Gesundheit. Man denke sich das Gottesgebilde des Menschen durch Nachlässigkeit und falsche Kunst verunziert: das schöne Haar ausgerissen oder in Klumpen verwandelt, Nase und Ohr durchbohrt und herabgezwungen, den Hals und die übrigen Teile des Körpers an sich selbst oder durch Kleider verderbt; man denke sich dies, und wer wird, selbst wenn die eigensinnigste Mode Gebieterin wäre, hier noch Wohlanständigkeit des geraden und schönen menschlichen Körpers finden? Mit Sitten und Gebärden ist es nicht anders, nicht anders mit Gebräuchen, Künsten und der menschlichen Sprache. Durch alle diese Stücke geht also ein und dieselbe Humanität durch, die wenige Völker auf der Erde getroffen und hundert durch Barbarei und falsche Künste verunziert haben. Dieser Humanität nachzuforschen ist die echte menschliche Philosophie, die jener Weise vom Himmel rief und die sich im Umgange wie in der Politik, in Wissenschaften wie in allen Künsten offenbart.

Endlich ist die Religion die höchste Humanität des Menschen, und man verwundre sich nicht, daß ich sie hieher rechne. Wenn des Menschen vorzüglichste Gabe Verstand ist, so ist's das Geschäft des Verstandes, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung aufzuspähen und denselben, wo er ihn nicht gewahr wird, zu ahnen. Der menschliche Verstand tut dieses in allen Sachen, Hantierungen und Künsten; denn auch wo er einer angenommenen Fertigkeit folgt, mußte ein früherer Verstand den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung festgesetzt und also diese Kunst eingeführt haben. Nun sehen wir in den Werken der Natur eigentlich keine Ursache im Innersten ein; wir kennen uns selbst nicht und wissen nicht, wie irgend etwas in uns wirkt. Also ist auch bei allen Wirkungen außer uns alles nur Traum, nur Vermutung und Name; indessen ein wahrer Traum, sobald wir oft und beständig einerlei Wirkungen mit einerlei Ursachen verknüpft sehen. Dies ist der Gang der Philosophie, und die erste und letzte Philosophie ist immer Religion gewesen. Auch die wildesten Völker haben sich darin geübt, denn kein Volk der Erde ist völlig ohne sie, sowenig als ohne menschliche Vernunftfähigkeit und Gestalt, ohne Sprache und Ehe, ohne einige menschliche Sitten und Gebräuche gefunden worden. Sie glaubten, wo sie keinen sichtbaren Urheber sahen, an unsichtbare Urheber und forschten also immer doch, so dunkel es war, Ursachen der Dinge nach. Freilich hielten sie sich mehr an die Begebenheiten als an die Wesen der Natur, mehr an ihre fürchterliche und vorübergehende als an die erfreuende und daurende Seite; auch kamen sie selten so weit, alle Ursachen unter eine zu ordnen. Indessen war auch dieser erste Versuch Religion, und es heißt nichts gesagt, daß Furcht bei den meisten ihre Götter erfunden. Die Furcht als solche erfindet nichts; sie weckt bloß den Verstand, zu mutmaßen und wahr oder falsch zu ahnen. Sobald der Mensch also seinen Verstand in der leichtesten Anregung brauchen lernte, d. i. sobald er die Welt anders als ein Tier ansah, mußte er unsichtbare mächtigere Wesen vermuten, die ihm helfen oder ihm schaden. Diese suchte er sich zu Freunden zu machen oder zu erhalten, und so wurde die Religion, wahr oder falsch, recht oder irre geführt, die Belehrerin der Menschen, die ratgebende Trösterin ihres so dunkeln, so gefahr- und labyrinthvollen Lebens.

Nein, du hast dich deinen Geschöpfen nicht unbezeugt gelassen, du ewige Quelle alles Lebens, aller Wesen und Formen! Das gebückte Tier empfindet dunkel deine Macht und Güte, indem es seiner Organisation nach Kräfte und Neigungen übt; ihm ist der Mensch die sichtbare Gottheit der Erde. Aber den Menschen erhobst du, daß er, selbst ohne daß er's weiß und will, Ursachen der Dinge nachspähe, ihren Zusammenhang errate und dich also finde, du großer Zusammenhang aller Dinge, Wesen der Wesen! Das Innere deiner Natur erkennt er nicht, da er keine Kraft eines Dinges von innen einsieht. Ja wenn er dich gestalten wollte, hat er geirrt und muß irren; denn du bist gestaltlos, obwohl die erste, einzige Ursache aller Gestalten. Indessen ist auch jeder falsche Schimmer von dir dennoch Licht und jeder trügliche Altar, den er dir baute, ein untrügliches Denkmal nicht nur deines Daseins, sondern auch der Macht des Menschen, dich zu erkennen und anzubeten. Religion ist also, auch schon als Verstandesübung betrachtet, die höchste Humanität, die erhabenste Blüte der menschlichen Seele.

Aber sie ist mehr als dies. eine Übung des menschlichen Herzens und die reinste Richtung seiner Fähigkeiten und Kräfte. Wenn der Mensch zur Freiheit erschaffen ist und auf der Erde kein Gesetz hat, als das er sich selbst auflegt, so muß er das verwildertste Geschöpf werden, wenn er nicht bald das Gesetz Gottes in der Natur erkennt und der Vollkommenheit des Vaters als Kind nachstrebt. Tiere sind geborne Knechte im großen Hause der irdischen Haushaltung; sklavische Furcht vor Gesetzen und Strafen ist auch das gewisseste Merkmal tierischer Menschen. Der wahre Mensch ist frei und gehorcht aus Güte und Liebe; denn alle Gesetze der Natur, wo er sie einsieht, sind gut, und wo er sie nicht einsieht, lernt er ihnen mit kindlicher Einfalt folgen. »Gehest du nicht willig«, sagten die Weisen, »so mußt du gehen; die Regel der Natur ändert sich deinetwegen nicht; je mehr du aber die Vollkommenheit, Güte und Schönheit derselben erkennest, desto mehr wird auch diese lebendige Form dich zum Nachbilde der Gottheit in deinem irdischen Leben bilden.« Wahre Religion also ist ein kindlicher Gottesdienst eine Nachahmung des Höchsten und Schönsten im menschlichen Bilde, mithin die innigste Zufriedenheit, die wirksamste Güte und Menschenliebe.

Und so sieht man auch, warum in allen Religionen der Erde mehr oder minder Menschenähnlichkeit Gottes habe stattfinden müssen, entweder daß man den Menschen zu Gott erhob oder den Vater der Welt zum Menschengebilde hinabzog. Eine höhere Gestalt als die unsere kennen wir nicht, und was den Menschen rühren und menschlich machen soll, muß menschlich gedacht und empfunden sein. Eine sinnliche Nation veredelte also die Menschengestalt zur göttlichen Schönheit; andere, die geistiger dachten, brachten Vollkommenheiten des Unsichtbaren in Symbole fürs menschliche Auge. Selbst da die Gottheit sich uns offenbaren wollte, sprach und handelte sie unter uns, jedem Zeitraum angemessen, menschlich. Nichts hat unsere Gestalt und Natur so sehr veredelt als die Religion; bloß und allein, weil sie sie auf ihre reinste Bestimmung zurückführte.

Daß mit der Religion also auch Hoffnung und Glaube der Unsterblichkeit verbunden war und durch sie unter den Menschen gegründet wurde, ist abermals Natur der Sache, vom Begriff Gottes und der Menschheit beinah unzertrennlich. Wie? wir sind Kinder des Ewigen, den wir hier nachahmend erkennen und lieben lernen sollen, zu dessen Erkenntnis wir durch alles erweckt, zu dessen Nachahmung wir durch Liebe und Leid gezwungen werden, und wir erkennen ihn noch so dunkel; wir ahmen ihm so schwach und kindisch nach, ja, wir sehen die Gründe, warum wir ihn in dieser Organisation nicht anders erkennen und nachahmen können. Und es sollte für uns keine andere möglich, für unsere gewisseste, beste Anlage sollte kein Fortgang wirklich sein? Denn eben diese unsere edelsten Kräfte sind sowenig für diese Welt: sie streben über dieselbe hinüber, weil hier alles der Notdurft dienet. Und doch fühlen wir unsern edlern Teil beständig im Kampf mit dieser Notdurft: gerade das, was der Zweck der Organisation im Menschen scheint, findet auf der Erde zwar seine Geburts-, aber nichts weniger als seine Vollendungsstätte. Riß also die Gottheit den Faden ab und brachte mit allen Zubereitungen aufs Menschengebilde endlich ein unreifes Geschöpf zustande, das mit seiner ganzen Bestimmung getäuscht wurde? Alles auf der Erde ist Stückwerk, und soll es ewig und ewig ein unvollkommenes Stückwerk, so wie das Menschengeschlecht eine bloße Schattenherde, die sich mit Träumen jagt, bleiben? Hier knüpfte die Religion alle Mängel und Hoffnungen unseres Geschlechts zum Glauben zusammen und wand der Humanität eine unsterbliche Krone.

 


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