II.2. Das Pflanzenreich unserer Erde in Beziehung auf die Menschengeschichte

 

Alle Pflanzen wachsen hin und wieder wild in der Welt; auch unsere Kunstgewächse sind aus dem Schoß der freien Natur, wo sie in ihrem Himmelsstrich in größester Vollkommenheit wachsen. Mit den Tieren und Menschen ist's nicht anders; denn jede Menschenart organisiert sich in ihrem Erdstrich zu der ihr natürlichsten Weise. Jede Erde, jede Gebirgsart, jeder ähnliche Luftstrich sowie ein gleicher Grad der Hitze und Kälte ernährt seine Pflanzen. Auf den lappländischen Felsen, den Alpen, den Pyrenäen wachsen, der Entfernung ohngeachtet, dieselben oder ähnliche Kräuter; Nordamerika und die hohen Strecken der Tatarei erziehen gleiche Kinder. Auf solchen Erdhöhen, wo der Wind die Gewächse unsanft bewegt und ihr Sommer kürzer dauert, bleiben sie zwar klein, sie sind hingegen voll unzähliger Samenkörner, da, wenn man sie in Gärten verpflanzt, sie höher wachsen und größere Blätter, aber weniger Frucht tragen. Jedermann sieht die durchscheinende Ähnlichkeit zu Tieren und Menschen. Alle Gewächse lieben die freie Luft: sie neigen sich in den Treibhäusern zu der Gegend des Lichts, wenn sie auch durch ein Loch hinausdringen sollten. In einer eingeschlossenen Wärme werden sie schlanker und rankichter, aber zugleich bleicher, fruchtloser und lassen nachher, zu plötzlich an die Sonne versetzt, die Blätter sinken. Ob es mit den Menschen und Tieren einer verzärtelnden oder zwangvollen Kultur anders wäre? Mannigfaltigkeit des Erdreichs und der Luft macht Spielarten an Pflanzen wie an Tieren und Menschen; und je mehr jene an Sachen der Zierde, an Form der Blätter, an Zahl der Blumenstiele gewinnen, desto mehr verlieren sie an Kraft der Selbstfortpflanzung. Ob es bei Tieren und Menschen (die größere Stärke ihrer vielfachern Natur abgerechnet) anders wäre? Gewächse, die in warmen Ländern zur Baumesgröße wachsen, bleiben in kalten Gegenden kleine Krüppel. Diese Pflanze ist für das Meer, jene für den Sumpf, diese für Quellen und Seen geschaffen; die eine liebt den Schnee, die andere den Überschwemmenden Regen der heißen Zone; und alles dies charakterisiert ihre Gestalt, ihre Bildung. Bereitet uns dieses alles nicht vor, auch in Ansehung des organischen Gebäudes der Menschheit, sofern wir Pflanzen sind, dieselbe Varietäten zu erwarten?

Insonderheit ist es angenehm, die eigne Art zu bemerken, mit der die Gewächse sich nach der Jahreszeit, ja gar nach der Stunde des Tages richten und sich nur allmählich zu einem fremden Klima gewöhnen. Näher am Pol verspäten sie sich im Wachsen und reifen desto schneller, weil der Sommer später kommt und stärker wirkt. Pflanzen, die, in den südlichen Weltteilen gewachsen, nach Europa gebracht wurden, reiften das erste Jahr später, weil sie noch die Sonne ihres Klima erwarteten, den folgenden Sommer allmählich geschwinder, weil sie sich schon zu diesem Luftstrich gewöhnten. In der künstlichen Wärme des Treibhauses hielt jede noch die Zeit ihres Vaterlandes, wenn sie auch 50 Jahr in Europa gewesen war. Die Pflanzen vom Kap blühten im Winter, weil alsdenn in ihrem Vaterlande Sommerzeit ist. Die Wunderblume blüht in der Nacht; vermutlich (sagt Linneus), weil sodenn in Amerika, ihrem Vaterlande, Tageszeit ist. So hält jede ihre Zeit, selbst ihre Stunde des Tages, da sie sich schließet und auftut. »Diese Dinge«, sagt der botanische Philosoph8), »scheinen zu weisen, daß etwas mehr zu ihrem Wachstum gehöre als Wärme und Wasserü; und gewiß hat man auch bei der organischen Verschiedenheit des Menschengeschlechts und bei seiner Gewöhnung an fremde Klimate auf etwas mehr und anderes als auf Hitze und Kälte zu merken, zumal wenn man von einem andern Hemisphär redet.

Endlich, wie die Pflanze sich zum Menschenreich geselle, welch ein Feld von Merkwürdigkeiten wäre dieses, wenn wir ihm nachgehen könnten! Man hat die schöne Erfahrung gemacht9, daß die Gewächse zwar so wenig als wir von reiner Luft leben können, daß aber gerade das, was sie einsaugen, das Brennbare sei, was Tiere tötet und in allen animalischen Körpern die Fäulnis befördert. Man hat bemerkt, daß sie dies nützliche Geschäft, die Luft zu reinigen, nicht mittelst der Wärme, sondern des Lichts tun, das sie, selbst bis auf die kalten Mondesstrahlen, einsaugen. Heilsame Kinder der Erde! Was uns zerstört, was wir verpestet ausatmen, zieht ihr an euch; das zarteste Medium muß es mit euch vereinigen, und ihr gebt es rein wieder. Ihr erhaltet die Gesundheit der Geschöpfe, die euch vernichten, und wenn ihr sterbt, seid ihr noch wohltätig: ihr macht die Erde gesunder und zu neuen Geschöpfen eurer Art fruchtbar.

Wenn die Gewächse zu nichts als hiezu dienten, wie schön verflochten wäre ihr stilles Dasein ins Reich der Tiere und Menschen! Nun aber, da sie zugleich die reichste Speise der tierischen Schöpfung sind und es insonderheit in der Geschichte der Lebensarten des Menschengeschlechts so viel darauf ankam, was jedes Volk in seinem Erdstrich für Pflanzen und Tiere vor sich fand, die ihm zur Nahrung dienen konnten: wie mannigfaltig und neu verflicht sich damit die Geschichte der Naturreiche. Die ruhigsten und, wenn man sagen darf, die menschlichsten Tiere leben von Pflanzen; an Nationen, die ebendiese Speise wenigstens öfters genießen, hat man ebendiese gesunde Ruhe und heitre Sorglosigkeit bemerkt. Alle fleischfressenden Tiere sind ihrer Natur nach wilder; der Mensch, der zwischen ihnen steht, muß, wenigstens dem Bau seiner Zähne nach, kein fleischfressendes Tier sein. Ein Teil der Erdnationen lebt großenteils noch von Milch und Gewächsen; in früheren Zeiten haben mehrere davon gelebt; und welchen Reichtum hat ihnen auch die Natur im Mark, im Saft, in den Früchten, ja gar in den Rinden und Zweigen ihrer Erdgewächse beschieden, wo oft ein Baum eine ganze Familie nährt! Wunderbar ist jedem Erdstrich das Seine gegeben, nicht nur in dem, was es gewährt, sondern auch in dem, was es an sich zieht und wegnimmt. Denn da die Pflanzen von dem Brennbaren der Luft, mithin zum Teil von den für uns schädlichsten Dünsten leben, so organisiert sich auch ihr Gegengift nach der Eigenheit eines jeden Landes, und sie bereiten für den immer zur Fäulnis gehenden animalischen Körper überall die Arzneien, die eben für die Krankheiten dieses Erdstrichs sind. Der Mensch wird sich also so wenig zu beschweren haben, daß es auch giftige Pflanzen in der Natur gebe, da diese eigentlich nur abgeleitete Kanäle des Gifts, also die wohltätigsten zur Gesundheit der ganzen Gegend sind und in seinen Händen, zum Teil schon in den Händen der Natur, die wirksamsten Gegengifte werden. Selten hat man eine Gewächs- oder Tierart dieses und jenes Erdstrichs ausgerottet, ohne nicht bald die offenbarsten Nachteile für die Bewohnbarkeit des Ganzen zu erfahren; und hat die Natur endlich nicht jeder Tierart, und an seinem Teil auch dem Menschen, Sinne und Organe genug verliehen, Pflanzen, die für ihn dienen, auszusuchen und die schädlichen zu verwerfen?

Es müßte ein angenehmer Lustgang unter Bäumen und Pflanzen sein, wenn man diese großen Naturgesetze der Nützlichkeit und Einwirkung derselben ins Menschen- und Tierreich durch die verschiednen Striche unserer Erde verfolgte. Wir müssen uns begnügen, auf dem ungemessen weiten Felde künftig bei Gelegenheit nur einige einzelne Blumen zu brechen und den Wunsch einer allgemeinen botanischen Geographie für die Menschengeschichte einem eignen Liebhaber und Kenner empfehlen.

 


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