Der Festzug.*)


Die Erwartung war auf das höchste gestiegen. Seit dreißig Jahren hatte die Stadt keinen Pestzug gesehen. In ödem Einerlei waren also die letzten Dezennien der politischen Geschichte vergangen. Ereignisse, bei denen man nicht dabei sein kann und die man weder sieht noch hört, wirken nur auf die Phantasie und bewirken demnach, dass man sich unter ihnen nichts vorstellt. Der Streit der Nationen vermochte nur dort Interesse zu wecken, wo er als Straßenexzeß in Erscheinung trat, und bei jedem Verfassungsbruch gähnte die Bevölkerung, weil sie sich ihn als das Krachen einer Lawine gedacht hatte und nicht einmal ein zerrissenes Papier zu Gesicht bekam. Das öffentliche Leben bot keine Abwechslung mehr. Man war dermaßen ausgehungert, dass man die Überraschung auch dort suchte, wo sie bestimmt nicht zu finden war. Blieb einer stehen und sah zum Dach eines Hauses hinauf, so war er sicher, mehr Zulauf zu finden, als ein Agitator, der den Versammelten von der Schädlichkeit eines neuen Handelsvertrags sprechen wollte, und man mochte lieber von jenem zum besten gehalten sein als von diesem zum besseren geführt. Nur das Unmittelbare wirkte auf die Lebensanschauung des Volkes, und es ist statistisch nachgewiesen worden, dass damals bei gleicher Häufigkeit ein gefallenes Droschkenpferd größeres Aufsehen erregt hat als eine gestürzte Regierung. Da es kein öffentliches Leben gab, so mußte das Privatleben für öffentliche Zwecke herangezogen werden, und es war dafür gesorgt, dass jeder Bürger Sonntags erfuhr, was für ein Huhn der Nachbar im Topfe hatte. Das Selbstbewußtsein wurde nur mehr durch die Eitelkeit unterhalten und das soziale Gefühl durch die Neugierde; und wenn sich diese Triebe glücklich paarten, so ward eine Eigenschaft daraus, die alle Gegensätze verband: die Loyalität. Die Bevölkerung hatte aus den Zeitungen erfahren, dass es im Staatsleben drunter und drüber gehe, und in diesen bösen Zeiten sah sie um so vertrauensvoller zu der Person des Landesvaters auf, von der man in den Zeitungen gelesen hatte, dass sie das einigende Prinzip darstelle. Nur der Patriotismus vermochte noch einige Farbe ins graue Dasein des Staatsbürgers zu bringen, der zu allen Lasten j—a sagt. Der Patriotismus ist ein Gefühl, bei dem die Schaulust viel mehr auf ihre Rechnung kommt, als zum Beispiel beim Männerstolz vor Königsthronen, während anderseits das größere Aufsehen, das unstreitig bei einer Revolution entsteht, mit Unbequemlichkeiten verbunden ist, die einer patriotischen Demonstration erspart bleiben. Aber noch ein Gefühl gibt es, das dem Patriotismus nahe verwandt ist: das ist die Liebe zu den fremden Monarchen. Wenn sie zu Besuch kommen, so gibt's manches zu sehen und zu hören, und die Loyalität, die keine politischen Grenzen kennt, ist jene Basis, auf der sich ein Komitee in der Stille und ein Spalier im Strom der Welt bildet. Aber wieviel wertvolle Schaulust ist bei solchen Gelegenheiten unbefriedigt geblieben, wie wenigen war es bisher vergönnt, sich selbst davon zu überzeugen, ob die Potentaten wirklich, wie eine Überlieferung behauptete, elastischen Schrittes den Eisenbahnwaggon verließen. Man nahm es gläubig hin und begnügte sich im übrigen damit, von den Schutzleuten zurückgedrängt zu werden, wenn der hohe Gast an der Seite des Landesvaters in offenem und bei ungünstiger Witterung in geschlossenem Wagen vorbeifuhr. Das sind die Augenblicke, in denen die Seele eines serbischen Hoflieferanten ihren Höhenflug nimmt, in denen der Mensch nachdenkend inne wird, warum und zu welchem Ende er Honorarkonsul ist, und in denen ein ahnungsvolles Hoffen erkennt, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, deren Anblick uns der nüchterne Alltag vorenthält, nämlich Fahnen und Girlanden.

Aber der Patriotismus ist leider auch ein Gefühl, das oft länger brachliegt, als für die Gesundheit aller Beteiligten zuträglich ist. Seit Jahrzehnten wußten die Freunde des Volks, was ihm fehle. Von allen Bildungsbestrebungen war es seit jeher die populärste, ein Komitee zu bilden, und es gab eines, dessen Absichten tiefer als die irgend eines anderen in den wahren Bedürfnissen der Bevölkerung wurzelten. Es war das »Festzugskomitee«, das sich aus einem intuitiven Erfassen kommender Möglichkeiten vor Jahrzehnten schon in Permanenz erklärt hatte. Es hatte sogar die Eventualität eines vaterländischen Sieges in Aussicht genommen, sich aber vornehmlich an eine bekannte Devise gehalten, die kriegerischen Erfolgen eine Vermehrung der Haus- macht auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Heirat vorzieht. Das Festzugskomitee, das sich im Laufe der Jahre an Enttäuschungen gewöhnt hatte, gab die Hoffnung dennoch nicht auf, endlich in Aktion zu treten. Wenn alle Ordensbänder reißen und alle Ereignisse ungeschehen bleiben, so mußte ja doch einmal wenigstens der Gedenktag eines Ereignisses anbrechen, und auf dessen Verherrlichung konnte sich dann der ganze Eifer werfen, der durch Jahrzehnte lahmgelegt war, und die Knopflöcher würden all den Zierrat gar nicht fassen können, der an einem Tag zur Entschädigung für dreißigjährige Geduld auf sie einstürmen würde.

Das Jahr war gekommen und der Tag war nah. Eine fieberhafte Erregung hatte sich aller beteiligten Kreise bemächtigt. Nur ein Gedanke beherrschte alle Köpfe, setzte alle Füße in Bewegung: Der Festzug. Das Volk braucht einen Festzug. Das ist die große Gelegenheit, wo endlich Alle dabei sein können! Es wird der größte Sieg sein, der je errungen wurde, wenn es uns gelingt, die glorreiche Vergangenheit des Vaterlandes in lebenden Bildern darzustellen. Da reckt sich die Residenz aus ihrer alten Lethargie und aus den Provinzen hagelt es Kundgebungen. Ein Erfolg des Komitees, der an und für sich schon alle Erwartungen übertrifft. Aber das Komitee weiß, dass es noch viel Arbeit geben wird, um alle Schichten für einen Plan zu gewinnen, der für einen einzigen Tag die Lösung der sozialen Frage verheißt. Wie sollte der Adel zögern, mitzuspielen, das Bürgertum, zu zahlen und das Volk, zuzuschauen? Das Komitee tagt ohne Unterbrechung und sendet seine Werber von Haus zu Haus. Die Kunst hat sich augenblicklich in den Dienst des patriotischen Gedankens gestellt. Die Schönheitstrunkenheit, die keinen eigenen Gedanken auszudrücken hat, lechzt nach der Gelegenheit, sich in einem Prunkgewand zu zeigen. Prinz Eugen, der edle Ritter, hat noch keinen verlassen, der ihn in künstlerischen Nöten angerufen hat, und wenn es gar zu Aachen in seiner Kaiserpracht im altertümlichen Saale König Rudolfs heilige Macht zu kostümieren gilt, dann, wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt, umsteht die ganze Künstlergenossenschaft geschäftig den Herrscher der Welt. In allen Ateliers wird gemalt, geschneidert und gejubelt. Die meisten Menschen, denen man auf der Straße begegnet, blicken schon zuversichtlich in die glorreiche Vergangenheit, in den Wirtshäusern fühlt sich jeder Speisenträger als Pfalzgraf des Rheins. Die Hoffnung auf den Pestzug hat einen Patriotismus geweckt, der um seiner selbst willen leben will und längst den Zweck vergessen hat, dem er dienen, und die Person, die er ehren soll. Die Gesinnung hat nicht den Plan, sondern der Plan hat die Gesinnung erschaffen. Und wenn's an dem Tag, an dem sie zum Ausbruch gelangen soll, nicht bloß Orden regnen sollte, das Volk würde seinen Glauben an die Vorsehung verlieren ...

Da erscheint eine offizielle Kundgebung, die den Dank jener höchsten Stelle, der die Huldigung zugedacht ist, verlautbart: Man sei von den Beweisen echter Loyalität gerührt, wünsche aber nicht, dass dieses Jahr auf geräuschvolle Weise gefeiert, sondern dass aller Aufwand von Energie, Zeit und Geld, den ein Festzug koste, wohltätigen Zwecken vorbehalten werde ... Das Blatt, auf dem die Mitteilung solchen Wunsches geschrieben steht, wird ins Komiteezimmer gebracht. Für einen Augenblick herrscht Totenstille. Alle Anwesenden .starren wie gelähmt vor sich hin. Ein Fanatiker des historischen Kostüms fühlt sich in jene Partie der Geschichte des Herrscherhauses versetzt, die den Einzug Albas in die Niederlande bedeutet. Oder sie stehen da, wie die Ochsen am Weißen Berg. Das hatte man nicht erwartet. »Dank vom Haus ...!« bringt endlich der Präsident hervor, aber es verschlägt ihm die Rede. Er hat in unverminderter körperlicher Frische das Jubeljahr erlebt, und nun soll die Arbeit eines ganzen Lebens dahin sein! Nein, das kann nicht ernst gemeint sein, auch die Suppe, in die einem gespuckt wird, wird nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wurde. Die höchste Stelle kann nicht so unpatriotisch denken, dass sie einen Festzug verhindern sollte. Er wird Zustandekommen. Und wenn das Reich sich auf löst, das Komitee löst sich nicht auf! Wer ist so feig, es in der Stunde der Gefahr im Stiche zu lassen? Und wie Ein Mann erhebt sich die Versammlung und beschließt, auszuharren. Schon melden sich einige Mißvergnügte zum Wort, die erklären, dass sie eher aus dem Staatsverband als aus dem Komitee austreten würden. Einer fordert zur Steuerverweigerung auf. Ein anderer rät zur Mäßigung und verspricht, die Sache durch einen befreundeten Abgeordneten im Wege der Interpellation zur Sprache bringen zu lassen. Ein dritter entgegnet, dass damit wenig erreicht sei, weil die Entschließungen der Krone vom Parlament nicht diskutiert werden können. Immerhin, meint ein anderer, werde die Sache zur Sprache kommen, und man müsse auch dafür sorgen, dass in Volksversammlungen und in der Presse agitiert werde. Ein Verblendeter, der den Mut hat, zu erklären, er tue da nicht mit, man müsse anerkennen, dass der Wunsch des alten Landesvaters von der Liebe zu seinen Völkern diktiert sei, wird mit dem Zuruf »Aber der Fremdenverkehr!« unterbrochen und hinausgeworfen. Endlich gelingt es einem, einen Vorschlag zu machen, der einstimmig angenommen wird: man solle es vorläufig in Güte versuchen und durch Protektion einer Hofdame die Freigabe des Festzuges zu erreichen trachten. Die nächste Sitzung wird für Montag einberufen und in ihr wird das Resultat des Vermittlungsversuches bekanntgegeben werden...

Ein trauriges Resultat. Die höchste Stelle war von ihrer Meinung, dass man sie durch Akte der Wohltätigkeit besser ehre und durch diese dem Volke besser diene als durch den Festzug, nicht abzubringen. Als das Komiteemitglied, das mit der Hofdame bekannt ist und deshalb durch dreißig Jahre sich des größten Ansehens erfreute, die Nachricht bringt, erhebt sich ein beispielloser Tumult. Unartikulierte Schreie, aus denen nur eine starke Nichtachtung für Hofdamen hervorzugehen scheint, werden hörbar. Und dafür habe man dreißig Jahre gekämpft! Und ob denn, fragt einer höhnisch, der Wunsch der höchsten Stelle uns Verbot sein müsse? Und was es denn die höchste Stelle angehe, wenn man ihr zu Ehren einen Festzug veranstalte? Der Fanatiker des historischen Kostüms hofft, dass es ihm gelingen werde, wenigstens in einer Wallenstein-Gruppe darzustellen, wie man die Bevölkerung um ein Spektakel betrügt. Einer schlägt für den äußersten Fall eine praktikable Verbindung von Festwagen und Barrikade vor ... Die Erregung pflanzt sich auf die Straße fort, in den Kaffeehäusern gibt es nur ein Gesprächsthema. Ein Blatt veranstaltet eine Extraausgabe, die die alarmierende Nachricht bringt, dass die höchste Stelle nicht nur den Festzug, sondern auch alle anderen Ovationen ablehne, und an dem Wunsch, dass die Feier durch wohltätige Spenden begangen werde, festhalte. Damit ist die letzte Hoffnung begraben. Es beginnt im Volke zu gären. Droschkenpferde fallen und man beachtet sie nicht. Einer sieht zum Dach eines Hauses hinauf und findet keine Teilnehmer. Dagegen läuft alles einem Agitator zu, der in einer Versammlung über den Handelsvertrag sprechen will. Der Bürger fühlt jetzt, wo ihn der Schuh drückt. Das politische Interesse wächst von Tag zu Tag. Das Festzugskomitee hat sich noch immer nicht aufgelöst. Aber es sieht sich genötigt, zur Neuwahl eines Präsidenten zu schreiten, denn der frühere ist nach dreißigjähriger patriotischer Tätigkeit wegen Majestätsbeleidigung verhaftet worden.

Karl Kraus.

 

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*) Aus dem 'Simplicissimus'. Diese Satire wurde geschrieben, als die kaiserliche Ablehnung des Festzuges noch nicht zurückgezogen war.

 

 

Nr. 248, IX. Jahr

24. März 1908.


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