Ein Selbstmordmotiv


Ich könnte mir ganz gut denken, dass einer unter der Einwirkung eines Feuilletons von Max Nordau oder Paul Goldmann zum Alkoholiker wird. Ich denke dabei nicht an die Möglichkeit einer Reaktion auf jene grauenvollste Nüchternheit, die einem da über das Gehirn weht. Nein, ich meine, dass es den Menschen dazu treibt, sich das Bewußtsein einer Schmach zu betäuben, und dass man in den meisten Fällen über ein großes Unglück nicht anders hinwegkommt, als dadurch, dass man sich dem Trunk ergibt. Nur in der Narkose kann man heute überstehen, was uns von den energischen Flachköpfen, denen die Kultur ans Messer geliefert ist, tagtäglich angetan wird. Ich werde mich zu Haschisch entschließen. Denn es ist mir viel lieber, ich sehe den Popo einer Huri in Mohammeds Paradies als das Gesicht des Herrn Paul Goldmann. Aber ich fürchte, es wird nichts helfen. Denn wenn ich mich schon vor ihm gerettet habe, wie schütze ich mich gegen Herrn Hugo Wittmann, der ihn lobt? Dass an einem Sonntag in der 'Neuen Freien Presse' eine Berliner Theaternachricht abgedruckt wird, in der es über ein Werk Gerhart Hauptmanns heißt: »Das neue Drama Hauptmanns ist nicht so schlecht wie seine Dramen aus den letzten Jahren«; es enthält sogar »einige hübsche Szenen«, deren Stoff »vielleicht zu einem Einakter ausreichen würde« — also gut, es ist traurig, aber darüber komme ich hinweg. Dass aber an demselben Sonntag in der 'Neuen Freien Presse' und dicht daneben ein Artikel erscheint, in dem uns nicht nur mitgeteilt wird, dass Herr Goldmann seine Feuilletons zu einem Buch gesammelt hat, nein, in dem gesagt wird, Herr Goldmann gehöre »zu den wenigen Kritikern deutscher Nation, auf deren Stimme man hören muß«, das kann uns wirklich noch um den Rest der Lebensfreude bringen, den uns die 'Neue Freie Presse' bisher in jenem Erbarmen, dessen auch die wildeste Bestie fähig ist, gelassen hat. Was sollen wir tun, wenn uns über Herrn Goldmann gesagt wird: »Noch in späten Jahren wird der Literarhistoriker diese drei Bände zur Hand nehmen müssen, wenn er sich über die Entwicklung der deutschen Bühne am Ende des neunzehnten und am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wird unterrichten wollen, und wenn ihm daraus der lebendige Nachhall eines verschollenen Tages entgegentönt, so wird er auch das Urteil eines Kunstrichters darin finden, der sich vom Tage niemals unterjochen ließ, sondern gegen alle Launen und Moden des Zeitgeschmacks in stolzer Unabhängigkeit zu verharren wußte.« Was sollen wir tun, wenn uns von den Geräuschen der geistigen Verdauung eines der hartleibigsten Kunstphilister gesagt wird: »Bekannte Töne sind es, die unser Ohr berühren, und doch wirken sie, als erklängen sie zum erstenmal. Hat man diese Blätter einzeln gelesen, wie sie der Tag einst herbeigeweht, so gewährt es nun einen höchst feinen Genuß, sie im Zusammenhang nochmals durchzukosten und diesen Zusammenhang aufzudecken.« Wir wollen uns gerade schön bedanken, da werden wir noch aufgefordert, das »geistige Band«, das die Aufsätze des Herrn Goldmann verbinden soll, »in seiner Festigkeit zu fühlen und zu prüfen«. Ja, tun wir das, — und man zeige mir den Mann, der nicht sofort den geistigen Bandwurm agnoszierte, wie er feuilletonweise herauskommt. Es könnte aber auch ein echter Zwirnsfaden seh), und welchem lebensüberdrüssigen Leser wäre es nicht bekannt, dass man sich auch mit einem Zwirnsfaden erdrosseln kann? Wenn man zum Beispiel liest, dass eine der bedeutendsten Wahrheiten des Herrn Goldmann jene sei, die er über die modernen Dramatiker ausgesprochen hat: »Sie wissen nichts von den Ideen und Problemen der Zeit«, nichts »von Klerikalismus und Antiklerikalismus, vom alten, nie beendeten Kriege zwischen dem freien Gedanken und der Macht der Kirche«, nichts »vom Kampfe der Frau für ihre Rechte, ihre Freiheit«; sondern sie schreiben Glashüttenmärchen ... Dass solch ein Flachkopf nicht spürt, dass im Glashüttenmärchen eines Gerhart Hauptmann mehr von den Problemen der Zeit enthalten ist als in solch einen Flachkopf hineingeht, braucht einen nicht aufzuregen. Auch nicht, dass er in einem Drama Wedekinds den »Kampf der Frau für ihre Rechte« vermißt, den er in einer Rede des Fräuleins Fickert unfehlbar spüren würde. Aber das Fürchterliche ist, dass sich im Nu ein anderer Flachkopf findet, der derlei Erkenntnisse vor einer Öffentlichkeit von Hunderttausenden lobpreist, so dass die Verflachung der Köpfe chimborassoartige Dimensionen annimmt. Als ob es nicht genug Esel gäbe, die schon vor Herrn Goldmann der Ansicht waren, dass der Dramatiker Ohorn, der wirklich etwas »von Klerikalismus und Antiklerikalismus« weiß, ein größerer Geist sei als Gerhart Hauptmann. Und Herr Kadelburg ein besserer Moralist als Wedekind. Denn, »wenn gesunde Sinnlichkeit in schwüle Erotik ausartet«, ruft der Verehrer des Herrn Goldmann, »verhüllt sogar ein so frei und unabhängig denkender Mann, wie er, sein          «. Ja, was denn? Das Wort ist im Druck der 'Neuen Freien Presse' tatsächlich nicht herausgekommen. Die Setzer haben die Leere ausgedrückt ... Sie können sich helfen. Was aber sollen wir tun? Uns versagen die Narkotika. Das geistige Band her, das die Aufsätze des Herrn Paul Goldmann verbindet! Auch mit einem Zwirnsfaden kann man sich umbringen!

Karl Kraus.

 

 

Nr. 244, IX. Jahr

17. Februar 1908.


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