Der Kollegentag.*)


Zu den Greueln des gesellschaftlichen Lebens gehört die Institution der sogenannten Kollegentage. Erwachsene Männer, die einander mindestens fünfundzwanzig Jahre nicht gesehen haben und von denen viele aus Schuljungen schon ganz große Esel geworden sind, finden sich auf ein gegebenes Zeichen in einem Hotelsaal zusammen, um die Erinnerung an die Zeit zu feiern, da sie einander noch einsagten, bei Kompositionen halfen oder mutuelle Hilfe bei Arbeiten gewährten, die mehr dem Schüler als dem Lehrer zur Befriedigung gereichten. Ich kann mir eine trostlosere Form von Kindheitserinnerungen nicht denken. Freilich ist es jene, die der Phantasiearmut unentbehrlich ist. Denn die Phantasiearmut ist erst dann beruhigt, wenn ihr der Primus der Klasse mit einem Vollbart vorgeführt wird. Nein, wie der sich verändert hat! Den hab' ich doch noch gekannt, wie er (Geste!) so klein war, und jetzt ist er schon Rechnungsrat ... Es ist zugleich die peinlichste Form von Kindheitserinnerungen. Denn manch ein Rechnungsrat steht beschämt neben einem Sektionschef, und mißt den Zeitraum, den beide zurückgelegt haben, mit der Elle einer Karriere, die er nicht gemacht hat. Und das Bewußtsein, gemeinsam die Schulbank gedrückt zu haben, kann wieder jene nicht beseligen, die bloß die Erinnerung bewahren, dass die Schulbank sie gedrückt hat. Wozu sollen sie die soundsovielte Wiederkehr des Tages der Matura feiern, deren Andenken sie seit damals ohnedies in jeder Nacht verfolgt? Der Satz »Maturam expellas furca, tamen usque recurret«, hat sich leider infolge eines Druckfehlers in anderer Lesart erhalten. Wie immer dem sei, es ist eine Vorstellung, die selbst wieder ein Alpdrücken erzeugen könnte; dass Männer mit Glatzen beisammensitzen und sich gemeinsam an die Zeit erinnern, da sie noch nichts waren, aber noch etwas werden konnten. Jetzt sind sie etwas geworden, aber sie sind noch immer nichts. Immerhin hatten sie fünfundzwanzig Jahre Zeit, um sich Brillen, Bärte und Bäuche anzuschaffen. Die Veränderung für ein Maskenfest wirkt nicht spaßhafter, sie ist nur rascher durchgeführt. Auch hier ist der Geist jung geblieben, Rechnungsräte erscheinen als Wickelkinder, und was der Fasching entschuldigt, hebt der Zeitungsbericht rühmend hervor.

Der letzte Kollegentag, der gefeiert wurde, hat aber schon deshalb auch jene Kreise des Publikums, die nicht aus dem Akademischen Gymnasium hervorgegangen sind, interessiert, weil unter seinen Teilnehmern zwei ausgewachsene Minister waren. Da sich nämlich im neuesten österreichischen Kabinett auch ein Mann befindet, von dem es eine Zeitlang nicht ganz sicher war, ob er die Gesetze mit seinem Namen oder mit drei Kreuzein unterschreiben werde, mußte die Beteiligung zweier Minister an einem Kollegentag als bedeutsame politische Demonstration erscheinen. Zwei haben also das Gymnasium absolviert. Dass seit damals Jahre vergangen sind, beweisen die Kollegentage, die sie arrangieren, viel besser, als die Gesetze, die sie machen. Es sind vielleicht sogar Vorzugsschüler, von denen wir regiert werden, und die Zeit, da sie es zum erstenmal waren, ist weder ihnen noch uns entschwunden. Die Lebenserfahrung, die man bis zum Austritt aus dem Gymnasium erwirbt, prägt sich deutlich in jenem Geiste aus, der unsere öffentlichen Angelegenheiten verwaltet, so wie sich der Geist, der unsere gymnasiale Erziehung leitet, in der Mahnung auszudrücken scheint: Wenn Sie ins Leben hinaustreten, werden Sie Kollegentage feiern!... Wen sollte es wundern, dass der Justizminister dabei war? Was könnte er anderes tun in einem Staate, dessen Strafgesetzgebung die Zweiteilung des Menschengeschlechts noch nicht zur Kenntnis genommen hat, dessen Richter nicht Urteile, sondern Sittennoten ausstellen und etwa die Mutterschaft einer Dreizehnjährigen, die in den Lesebüchern nicht vorgesehen ist, als eine qualifizierte Verletzung des Schamgefühls auffassen? Es ist statistisch nachgewiesen, dass in Österreich auf hundert Polizeikommissäre höchstens drei Lebemänner kommen, und auch diese wissen von der Liebe nichts weiter, als dass es einmal einen Salon Riehl gegeben hat.

Überblickt man freilich die Karrieren, die in so einen Kollegentag zusammenlaufen, so fühlt man, dass es außer der Liebe noch eine andere Naturkraft gibt, die das Getriebe erhält, nämlich das Avancement. Dass die schöne Frau eines Hofrats auf Bällen bei weitem nicht so heiß umworben ist wie die häßliche Frau eines Sektionschefs, ist einer der tiefsten philosophischen Erfahrungssätze, die den Zusammenhang von Geschlecht und Charakter überzeugender enthüllen als ein ganzes Buch der Erkenntnis. Die häßliche Frau des Vorgesetzten gehört zu jenen beliebten erotischen Hemmungen, die der Karriere eines Staatsbeamten förderlich sind. Das Vorwärtskommen vollzieht sich allerdings noch schneller, wenn es einem in unmittelbarem Verkehr mit dem Minister gelingt, rückwärts zu kommen. Wie immer nun die Sitzordnung im Gymnasium war, die Rangordnung im Ministerium kann durch jene Intimität, die an Kollegentagen zu sentimentalem Ausdruck gelangt, nicht unwesentlich beeinflußt werden. Nun wäre wohl nichts dagegen einzuwenden, dass das Verdienst eines Beamten, der schon seit der Schulzeit seinem Minister die schriftlichen Aufgaben macht, endlich in der Protektion seine sichtbare Anerkennung finde. Aber Kindheitserinnerungen sind ein trüglicher Maßstab für die Beurteilung einer Fähigkeit, und man kann es den Völkern, die ja das Schulgeld bezahlen, nicht verdenken, dass sie von Lehrern geführt sein wollen und nicht von Männern, die man sich ein- für allemal in kurzen Hosen vorstellt, weil sie Wert darauf legen, ihre Erinnerung an das Akademische Gymnasium coram publico zu feiern. Sie mögen noch so hoch aufgestiegen sein, man wird immer nur sagen, dass sie nicht durchgefallen sind. Bismarck hat es peinlich vermieden, einen Kollegentag zu veranstalten, und darum werden ihm noch die Gymnasiasten der kommenden Jahrhunderte die Gründung des Deutschen Reiches glauben. Dagegen hat der österreichische Ministerpräsident — wir hörten es aus dem Munde eines Sektionschefs vom Akademischen Gymnasium — »während der harten Ausgleichsmühen die Anregung zur Einberufung des Kollegentages gegeben«. Wenn es einem Gymnasiasten gelänge, unter der Bank das Problem des österreichisch-ungarischen Ausgleichs zu lösen, er würde nachsichtslos mit dem consilium abeundi bedacht werden. An einen Ministerpräsidenten, der in den Tagen des Ausgleichs die Anregung zu einem Kollegentag gibt, ergeht nicht einmal die Weisung, sich sofort in die letzte Ministerbank zu setzen. Immerhin sieht man, wie dringend notwendig die Mittelschulreform ist. Denn der Ministerpräsident brachte einen Trinkspruch aus, der allgemeinen Beifall gefunden hat, wiewohl er vor fünfunddreißig Jahren vermutlich nur die Note »kaum genügend« gefunden hätte. Redner, der früher nicht bloß im Gymnasium, sondern auch im Ackerbauministerium war, glaubte sich deshalb mit Cincinnatus vergleichen zu müssen, der den Acker bebaute und das Vieh züchtete, ehe er zur Leitung der Staatsgeschäfte berufen wurde. Ein beliebtes Aufsatzthema. Nur stimmt der Vergleich nicht ganz. Denn Herr Baron Beck hat zwar nicht den Acker bebaut, bevor er die Regierung übernahm, aber Cincinnatus hat, als er zur Leitung der Staatsgeschäfte berufen wurde, aufgehört, das Vieh zu züchten. Da jedoch ein richtiger Schulaufsatz es bei nur einem Vergleich nicht bewenden läßt, fuhr der Ministerpräsident fort: »Wie ein Bienenschwarm sein Haus wechselt, so sind Sie alle nach der Matura ins Leben geeilt, der eine seinen Neigungen, der andere seinem Geschick, ja oft dem Zufall folgend. So wie der Bienenschwarm an einem einigenden Punkte hängt, an der Königin, dem Weisel, so haben Sie einen einigenden Gedanken gefunden in dem königlichen Gefühle der Zusammengehörigkeit, in der Erinnerung an die gemeinsame Jugend u. s. w.« Schon hatte man zu verstehen geglaubt, dass der Weisel niemand anderer als der Ministerpräsident sein könne, aber wir erfuhren, dass der nur ein Kollege unter den vielen ist, die das königliche Gefühl der Zusammengehörigkeit verbindet. Freilich hätte man auch gedacht, dass das Gefühl der Zusammengehörigkeit das Gefühl der Untertanen sei, nicht das der Könige, das Gefühl der Subalternen und nicht das der Minister.

Es war ein schönes Fest der Erinnerung. Gespräche von einer geistigen Höhe wurden geführt, auf der alle Regierungssorgen vergessen sind und nur mehr die Schwierigkeiten einer Übersetzung aus dem Tacitus wieder fühlbar werden, nebst dem erlösenden Bewußtsein, dass es in der Pause Würstel gibt. Wenn das der selige Ordinarius erlebt hätte! Alles war wie damals. Und als der Ministerpräsident sprach, war auch jener den Hörern nah. Man glaubte ordentlich die tiefe Stimme zu hören, die einen so unangenehm überraschen konnte, wenn sie mitten in die Gemütlichkeit hineinrief: Beck, nicht schwätzen!

Karl Kraus.

 

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*) Aus dem 'Simplizissimus'.

 

 

Nr. 245, IX. Jahr

28. Februar 1908.


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