Der Hanswurst


Unter dem Zauberstab der liberalen Intelligenz vollziehen sich merkwürdige Metamorphosen. Man kann blind darauf wetten, dass ihre Propheten Hanswurste und ihre Hanswurste Propheten sind. Es gibt ein Vorurteil, gegen dessen Sieghaftigkeit keine empirische Wahrheit aufkommt: dass alle Größe, die von Gnaden des demokratischen Geistes besteht, Humbug ist und dass eine Faser echten Wertes dort zu finden sein muß, wo es dem gebildeten Ungeist unserer Kultur dafür steht, zu höhnen oder zu hassen. Es könnte ja ausnahmsweise der Fall sein, dass ein Liebling der 'Neuen Freien Presse' ein Genie und ein Verstoßener ein Schafskopf ist. Aber seien wir nur ungerecht, stören wir uns die Regelhaftigkeit unserer Abneigungen nicht durch die Betrachtung der Fälle, in denen durch einen heillosen Irrtum eine Wahrheit zur Welt gekommen ist. Unser Vorurteil ist noch immer gerechter als das intellektuelle Urteil. Wenn auf dem Leichenfeld der liberalen Meinung Auferstehung gefeiert würde, eine Legion gesunder Kerle würde uns die Verluste ermessen lehren, die die Siege des Fortschritts bedeuten. Ich könnte nicht sagen, dass die christlich-soziale Politik, die den Stolz auf die Defekte des österreichischen Wesens zum Parteiprogramm macht, meinem Herzen nahe steht. Aber als Reaktion auf einen Liberalismus, der den Stolz auf die Defekte des Menschentums vertritt, ist sie beinahe ein Kulturfaktor. Am stärksten dort, wo sie dem Schwindelgeist, der es auf die Taschen so gut wie auf die Gehirne abgesehen hat, einen der gefährlichsten Vorwände entwinden hilft: die »Bildung«. Die Tendenz zur Wiederherstellung des Chaos ist gegenüber einer korrupten Ordnung der geistigen und wirtschaftlichen Dinge ein Zeichen kultureller Besinnung. Der unverhüllte Barbarismus bricht in die elektrisch beleuchtete, mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattete Barbarei ein. Er wird die Maschinen nicht zum Stillstand bringen, aber er wird den Betrieb einer Intelligenz wohltätig stören, die auf dem besten Wege ist, den Geist auszuhungern. Sie mag nun die ungünstige Meinung, die sie von mir und meinem Wirken hat, getrost zu einem Bannfluch steigern, wenn ich ihr zum Beispiel sage, dass ich Herrn Bielohlawek für einen ehrlicheren Diener des kulturellen Fortschritts halte, als Herrn Benedikt. Ich kenne den Mann nicht; und dass das sozialdemokratische Blatt den ganzen Hochmut eines nationalökonomisch geschulten Handlungsgehilfentums an jedem Tag der letzten zehn Jahre gegen ihn auffahren läßt, könnte mir ihn noch nicht sympathisch machen, weil die Qualität einer agitatorischen Kraft, die der Haß der feindlichen Partei bescheinigt, nicht mein Interesse hat. Wenn ihm der Schalk der 'Arbeiter-Zeitung' rednerischen Unsinn, den er nie gesprochen hat, immer wieder in den Mund legt und einer tatsächlichen Berichtigung mit der Ausrede der satirischen Absicht begegnet, so beweist der Getroffene schon durch die Abwehr, dass er dem Fassungsvermögen der Volkskreise näher steht als eine Redaktion, die es mit ironischen Glossen regaliert. Volkstümlichkeit ist ein Wert, der den Rang in der Partei bestimmen mag; mir ist es gleichgiltig, ob Herr Bielohlawek ein Mundwerk hat, um das ihn Herr Schuhmeier beneidet oder umgekehrt. Mir erscheint der Mann erst betrachtenswert, wenn seine Position nicht vom sozialdemokratischen Haß, sondern vom liberalen Hohn — der natürlich auch in jenem durchschlägt — angebohrt wird. Er hat einmal den Ausspruch gewagt, dass er die Bücherweisheit »schon gefressen« habe, zu deutsch: nicht fressen wolle. Ein guter Ausspruch. Selbst wenn er sich nicht ausdrücklich gegen die Kompilatoren und Abschreiber nationalökonomischer Gelehrtheit gerichtet hätte. Ein Wort, das erlösend wirkt wie jede kulturelle Selbstverständlichkeit, die man heute unterdrücken muß. Wo einem zwischen Bern und Budapest die Visage des Herrn Professors Ludwig Stein aufsteigt, muß man für solche Erkenntnisse dankbar sein. Sie können von den Höhen der Kultur oder aus den Tiefen der Nichtkultur kommen: sie sind wertvoll, weil sie einem über die öde Mittellage der Unkultur hinweghelfen. Auf die geistige Bedeutung des Redners muß man aus ihnen nicht schließen, wohl aber auf seinen Mut. Die Pächter der Bildung schreien in jedem Fall auf, knüppeln den Zeitgenossen mit ihrem ganzen Vorrat an Schlagworten nieder, und sie würden es auch tun, wenn er sich am Ende den Scherz machte, ihnen zu verraten, dass im stenographischen Protokoll als die Quelle solcher Erkenntnis Schopenhauer oder Lichtenberg zitiert ist. Wenn die Bildung in Gefahr ist; stellt jeder Trottel seinen Mann. Und darum ist es Herrn Bielohlawek bestimmt, seit Jahren die Rubriken des liberalen Zeitungsspottes zu füllen. Würden sich unsere Schwachköpfe damit begnügen, die Reden des Mannes wortgetreu zu zitieren, so käme wohl manches vernünftige Wort in die liberale Presse. Da durfte man zum Beispiel in einem erst um sechs Uhr, also wenn's schon finster wird, erscheinenden Blatte die folgenden Sätze lesen: »Man kann es ruhig aussprechen, dass die wirkliche Freiheit zu keiner Zeit so mit Füßen getreten wurde, als dies seit der Zeit der Einführung der freiheitlichen Verfassung der Fall ist. Der Volksbetrug ist viel ärger als zu den sogenannten reaktionären Zeiten, aber er wird in schmackhafterer Form serviert«. »Unter Freiheit versteht man heute jegliche Rechtsbeugung und Niedertrampelung aller Autorität.« »Der Liberalismus war der Volksbetrug von oben, die Sozialdemokratie ist der Volksbetrug von unten.« Von diesen und anderen Sätzen behauptet das Blatt, das sie unter der Spitzmarke »Authentisches von Bielohlawek« zitiert, sie seien »durch ihren unfreiwilligen Humor überwältigend«, und es bezeichnet die vernünftigsten Stellen noch extra durch höhnischen Sperrdruck. Der Redner habe sich beklagt, dass man seine Worte entstellt wiedergebe. Nun zitiere man sie nach einem authentischen Bericht. Man hofft, dass er sich von dieser Blamage nicht mehr erholen werde. Aber der Leser sieht! erstaunt eine triumphierende Miene, die über die eigene Blamage zu jubeln scheint. Noch nie sind! um sechs Uhr Abend so gute Ansichten in Wien verbreitet worden. Auch nicht so gut geformte. Die ganze intellektuelle Opferfähigkeit des Intellektualismus prägt sich in solcher Ahnungslosigkeit einer Selbstpersiflage aus. Dieser Bielohlawek könnte viel gescheiter sein als er ist: er hat nicht die Gabe, den liberalen Gegnern ihre Dummheit zum Bewußtsein zu bringen. Er ist nun einmal der Hanswurst des Liberalismus. Er könnte also ganz gut auch ein Prophet sein. Ich weiß es nicht. Aber warum ihn gerade seine Vergangenheit als »Greißler« dazu verdorben haben soll, und dass er als gewesener Kommis eher Aussicht hätte, ernst genommen zu werden, sehe ich auch nicht ein.

Karl Kraus.

 

 

Nr. 245, IX. Jahr

28. Februar 1908.


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