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Jean Jacques Rousseau
(1712-1778)


Rousseau, Jean Jacques, geb. 1712 in Genf, gest. 1778 in Ermenonville bei Paris.

Rousseau, dessen Hauptbedeutung auf literarisch-kulturellem Gebiete liegt, und dessen politische Anschauungen in der französischen Revolution (Robespierre) zur Geltung gekommen sind, gehört teils der Aufklärung an, teils ist er ein Gegner derselben, nämlich des in ihr liegenden Intellektualismus und Rationalismus. Diesem gegenüber betont er das Recht des Gefühls, die Ansprüche des Gemütes und des schlichten, natürlichen Menschenverstandes. Er ist ein Lobpreiser des Natürlichen. Die Preisaufgabe der Akademie zu Dijon beantwortet er dahin, daß die Wissenschaften und Künste zur Verbesserung der Sitten gar nichts beigetragen haben. Die Kultur mit ihrer Künstlichkeit und Unnatur hat den Menschen verdorben, der mit guten Anlagen aus der Natur hervorgegangen ist: »Tout est bien sortant des mains de l'auteur des choses, tout dégenère entre les mains de l'homme«. Das Ideal ist, sich dem Naturzustande möglichst zu nähern, alles fernzuhalten, was den Menschen verbildet. Unter dem Einfluß Lockes stellt Rousseau im »Emil« sein Erziehungsideal auf: naturgemäße Entfaltung der Anlagen des Individuums, Fernhalten von allem Zwang, von allem, was die von Natur gut gerichteten Kräfte der Individualität hemmen oder verbilden kann.

Im vierten Buche des »Emil« bringt Rousseau seine deistische Weltanschauung zum Ausdruck. Die immer weitergehende ursächliche Reihe der Bewegungen in der Natur weist schließlich auf einen Willen hin, der alles bewegt, und die Materie verrät durch ihre Gesetze eine Weltintelligenz. »Ich glaube also, daß ein Wille das Weltall bewegt und die Natur beseelt.« »Weist die bewegte Materie einen Willen nach, so deutet die nach bestimmten Gesetzen bewegte Materie auf einen Verstand hin.« Gottes Wesen erkennen wir nicht, aber seine Existenz gibt sich uns im Gemüte kund. »Ich glaube demnach, daß die Welt von einem mächtigen und weisen Willen regiert wird; ich sehe es oder empfinde es vielmehr.« Gott ist das Wesen, welches das Weltall bewegt und alle Dinge ordnet. Gott hat Macht, Willen und Güte. Der Kultus der Gottheit ist mir von der Natur selbst eingegeben, er entspringt Gefühlen der Liebe und Dankbarkeit. Sicher steht auch meine Willensfreiheit als Freiheit, das zu wollen, was mir heilsam ist. Der Mensch ist in seinen Handlungen frei und von einer immateriellen Seele beseelt, welche unsterblich ist. Gott ist die absolute Anschauung, er sieht alles, was ist und sein kann in Einem. Je weniger ich Gott begreife, desto mehr bete ich ihn an. Alles, von dem mir mein Gefühl sagt, daß es gut ist, ist auch wirklich gut. Das Gewissen ist die Stimme der Seele, es täuscht, uns niemals. In der Tiefe der Seele liegt ein angeborenes Prinzip der Gerechtigkeit und Tugend, ein angeborenes Gefühl für das Gute, welches unabhängig von der Vernunft ist. Das alles sind Grundsätze der natürlichen Religion, Gott verlangt als Kultus nur den Dienst des Herzens. Es gibt keine Religion, die von den Pflichten der Moral entbindet, diese macht das eigentliche Wesen der Religion aus. Von zwei Extremen muß man sich fernhalten: »Die hochmütige Philosophie führt zur Freigeisterei, wie blinde Frömmigkeit zum Fanatismus«. Darauf kommt es an, daß der Mensch hienieden seine Pflichten erfüllt (vgl. Kant).

Im »Contrat social« zeigt Rousseau, wie die Unmöglichkeit der Erhaltung des Naturzustandes zu einem ( stillschweigenden, fiktiven) Gesellschaftsvertrage führt, durch welchen die Gesamtheit der Wollenden ihre Freiheit auf einen Gesamtwillen (»volonté générale«) überträgt. Die persönliche Freiheit ordnet sich so der Gemeinschaft unter (einem »corps moral et collectif«), dem Staate als dem Organe des Volkswillens, der allen gleiche Rechte gewähren muß. Das Wohl der Individuen ist der Zweck der Gesellschaft: Freiheit und Gleichheit sind der Zweck staatlicher Gesetzgebung. Die Souveränität, die legislative Gewalt gehört dem Volke, welches der Regierung die exekutive Gewalt verleiht.

Der Einfluß Rousseaus war ein nachhaltiger. In Deutschland haben von ihm Herder, Hamann, Goethe, Kant, Schiller u. a. Einwirkungen erfahren.

 

Schriften: Discours sur les sciences et les arts, 1749 (Preisschrift). - Discours sur l'origine et les fondements de l'inégalité parmi les hommes, 1753, 1755. - La nouvelle Héloise, 1761. - Emile on sur l'éducation, 1762; deutsch in der Univ.-Bibl. - Du contrat social, 1762, - Confessions, 1782 u. ö.; deutsch 1907, u. a. - Oeuvres, 1764, 1782, 1818-20, 1868. - Werke, 1840-41; Ausgewählte Werke, deutsch von Heusinger, 1897. - Vgl. BROCKERHOFF, Rousseau, 1863-74. - J. MORLEY, Rousseau, 1873. - HÖFFDING, Rousseau u. seine Philosophie, 1897; 3. A. 1905 (Frommanns Klassik, d. Philos.). - F. HAGMANN, Rousseaus Sozialphilosophie, 1898. - F. MACDONALD, R, 1906.

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(Aus: Rudolf Eisler (1876-1927): Philosophen-Lexikon. Leben, Werke und Lehren der Denker, 1912)


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