Empfindung - Kant, Schelling


Nach KANT ist die Empfindung »die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit, sofern wir von demselben affiziert werden« (Kr. d. r. Vern. S. 48). »Eine Perzeption, die sich lediglich auf das Subjekt als die Modifikation seines Zustandes bezieht, ist Empfindung« (l.c. S. 2.8). Sie setzt die »wirkliche Gegenwart des Gegenstandes« voraus (l.c. S. 76). Ihr »korrespondiert« die »Materie« (s. d.) der Erscheinung. Empfindung hat einen subjektiven und, vorzugsweise, einen objektiven Sinn. »Wenn eine Bestimmung des Gefühls der Lust oder Unlust Empfindung genannt wird, so bedeutet dieser Ausdruck etwas ganz anderes, als wenn ich eine Vorstellung einer Sache (durch Sinne, als eine zum Erkenntnis gehörige Rezeptivität) Empfindung nenne. Denn im letzteren Falle wird die Vorstellung auf das Objekt, im erstern aber lediglich auf das Subjekt bezogen...« K. will daher die subjektive Empfindung »Gefühl« (s. d.) nennen. »Die grüne Farbe der Wiesen gehört zur objektiven Empfindung, als Wahrnehmung eines Gegenstandes des Sinnes« (Kr. d. Urt. § 3).

S. MAIMON erblickt in der Empfindung eine »Modifikation des Erkenntnisvermögens«, ein » Leiden«, eine »bloße Idee, zu der wir uns durch Verminderung des Bewußtseins immer nähern« (Vers. S. 168). Nach J. G. FICHTE ist die Empfindung eine (unbewußte) geistige Funktion, »eine Handlung des Ich, durch welche dasselbe etwas in sich aufgefundenes Fremdartiges auf sich bezieht, sich zueignet, in sich setzt« (Gr. d. g. Wiss. S. 351). »Die aufgehobene, vernichtete Tätigkeit des Ich ist das Empfundene« (l.c. S. 349). (Diese active Auffassung der Empfindung steht im Gegensatz zur passiven Natur der Empfindung bei KANT.) Ähnlich lehrt SCHELLING, indem er die Empfindung aus einer Selbstbegrenzung des Ich ableitet (Syst. d. tr. Ideal. S. 102). Empfinden ist »Selbstanschauen in der Begrenztheit« (l.c. S. 108, 111). »Wenn wir empfinden, empfinden wir nie das Objekt; keine Empfindung gibt uns einen Begriff von einem Objekt, sie ist das schlechthin Entgegengesetzte des Begriffs (der Handlung), also Negation von Tätigkeit« (l.c. S. 110). Das Ich empfindet, »wenn es in sich findet etwas ihm Entgegengesetztes, d.h. weil das Ich nur Tätigkeit ist, eine reelle Negation der Tätigkeit, ein Afficiertsein« (l.c. S. 123). »Alle Realität der Erkenntnis haftet an der Empfindung« (l.c. S. 114). L. OKEN bestimmt die Empfindung als »unendliche, centrifugale Tätigkeit«, HEGEL als ein »Sich-selbst-in-sich-finden« ( Naturphilos. S. 429). Sie ist die unterste Stufe des Zu-sich-kommens der »Idee« (s. d.), nämlich die »Form des dumpfen Webens des Geistes in seiner bewußt- und verstandlosen Individualität, in der alle Bestimmtheit noch unmittelbar ist« (Encykl. § 400). Empfinden ist ein »Verinnerlichen und zugleich Verleiblichen« der ursprünglichen Bestimmtheit, das » gesunde Mitleben des individuellen Geistes in seiner Leiblichkeit« (l.c. § 401). Nach J. E. ERDMANN ist Empfinden ein »In-sich-finden« der Leibeszustände (Psychol. Br.4, S. 162 ff.). Empfindung ist ein Zustand, der durch das Zusammentreffen eines Afficierenden und eines Empfindenden entsteht (Gr. d. Psychol. § 69). K. ROSENKRANZ erklärt: »Das Empfinden setzt immer: 1) ein Subjekt voraus, das empfinden, 2) einen Inhalt, der von demselben empfunden werden kann. Beide sind an sich als Möglichkeiten voneinander getrennte Existenzen. Das Empfinden selbst ist der Prozess, in welchem die Möglichkeit der Einheit des Empfindbaren und des Empfindenden sich verwirklicht« (Psychol.3, S. 126). Das Empfinden ist »Vergeistigung der von außen kommenden organischen Erregungen, welche sich durch die Vermittelung der sensitiven Nerven individualisieren« und »Verleiblichung der von innen... entstehenden Erregungen« (l.c. S. 127). »Die Empfindung ist das unmittelbare Dasein des Geistes in seiner, unmittelbaren Identität mit der Natur, worin er sich ebensosehr durch sie als durch sich bestimmt findet.« »Die Empfindung ist zunächst die durch die Affektion des Organismus gesetzte Bewegung: die äußere Empfindung; sodann aber umgekehrt die durch die Spontaneität des Geistes gesetzte Bewegung: die innere Empfindung« (l.c. S. 129). Nach HILLEBRAND hat sich die Seele in der Empfindung »als beziehungslose, unmittelbare, endlich-bestimmte Einheit mit der Natur« (Phil. d. Geist. I, 143). Die Empfindung ist ein Akt der Seele (l.c. S. 144). Alle besonderen Empfindungen sind »Modifikationen einer Ur- und Zentralempfindung«, d.h. der Individual- oder Selbstempfindung (l.c. S. 148). Die Empfindungen sind »das Resultat des Wechselwirkens mehrerer Substanzen,« beruhen auf objektiver Aktion und subjektiver Reaktion (l.c. S. 154). Es gibt Existentialempfindungen (Vital-, Virtualempfindungen) und Actualempfindungen (l.c. S. 148 ff.). Nach SCHLEIERMACHER liegt der Empfindung ein Aufnehmenwollen des Reizes seitens der Seele zugrunde (Dial. S. 420). Die Empfindung ist eine Aktion des Geistes selbst; durch dessen »Geöffnetsein« nach außen entsteht mittelst der »organischen Funktion« die Mannigfaltigkeit der Empfindungen (l.c. S. 386 ff.). BENEKE: betont, die Empfindungen enthielten schon eine » Selbstbetätigung des Geistes« (Log. II, 24, 28); es gehen ihnen Aneignungskräfte in der Seele voraus (s. Wahrnehmung). GEORGE unterscheidet Empfindung und Vorstellung (s. d.). Erstere ist »der Eindruck, welchen die sensiblen Nerven durch die Reize der Außenwelt erfahren« (Lehrb. d. Psychol. S. 44). FORTLAGE findet in jeder Empfindung schon einen Trieb (s. d.) enthalten. Nach J. H. FICHTE ist die Empfindung ein Produkt des Geistes, das auf Trieben beruht (Psychol. I, S. 195 ff.). Sie ist ein »Innewerden des unwillkürlichen Gebundenseins durch einen unmittelbar sich aufdrängenden Inhalt« (l.c. S. 260). Nach ULRICI ist die Empfindung ein Produkt und zugleich ein Leiden der Seele (Leib u. Seele S. 282). LOTZE versteht unter einfacher Empfindung das »bewußte Empfinden einer einfachen Sinnesqualität« (Med. Psychol. § 16, S. 180). Die Empfindungen sind »Erscheinungen in uns, welche zwar die Folge von äußeren Reizen, aber nicht die Abbilder derselben sind« (Gr. d. Psychol. § 13). FECHNER bemerkt, die einfache Empfindung sei an zusammengesetzte physische Vorgänge gebunden (Elem. d. Psychophys. II, C. 37, Üb. d. Seelenfr. S. 212). Nach FROHSCHAMMER ist die Empfindung »das Sich-inne-finden als Subjekt und das Innewerden des eigenen teleologisch organisierten Wesens«, ein »Formbilden, ein Sich-gestalten nach innen zu« (Monad. u. Weltphant. S. 36 f.).


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