An der Nuthe

Saarmund und die Nutheburgen


Noch einmal hob er seinen Blick, dann sagt er dumpf: »Die Spiegelung!

Ein Blendwerk, ärger als der Smum, bösartiger Geister Zeitvertreib;

Er schwieg, das Meteor verschwand.«

Freiligrath (Mirage)


Saarmund, ein Zauchestädtchen, ist an dem Wiedervereinigungspunkte zweier Nuthearme gelegen, von denen der kleinere, nur auf eine kurze Strecke hin abgezweigte, den Namen der Saare führt. Daher denn also Saarmund.

Die Nuthe selbst entspringt auf dem hohen Fläming bei Jüterbog in Nähe des historischen Dorfes Dennewitz, wendet sich nordwärts und fließt endlich bei Potsdam, unter Sumpf und Wiesen versteckt, in die Havel. Wer tagelang an Rhin oder Finow, an Stobber oder Löcknitz, an Nieplitz oder Notte herumgewandert ist, der blickt, wenn er eines Flusses, wie die Havel, wieder ansichtig wird, auf ihre blauen und seenreichen Flächen, als zöge die Wolga an ihm vorüber. Der Maßstab ist eben alles.

Und zu diesen Kleinsten, denen die bescheidene Aufgabe zufällt, andre Kleine zu heben oder groß zu machen, gehört denn auch die Nuthe, die nur das eine vor ihresgleichen voraus hat, schon in weit zurückliegender Zeit (ja damals mehr denn später) ein Grenzfluß, eine Trennungslinie gewesen zu sein.

Alles was die Nuthe trennte, hieß zwar nur Teltow und Zauche, wird mithin in den großen Büchern nicht verzeichnet stehn; aber es traf sich nichtsdestoweniger, daß, auf ein ganzes Jahrhundert hin, diese zwei Namen zwei Welten bedeuteten und schieden. Die Zauche, durch Albrecht den Bären unterworfen, war christlich und deutsch, der Teltow, den alten Göttern treu verblieben, stak noch in Heiden- und Wendentum. Das war die Zeit, als die Nuthe ihre großen historischen Tage zählte; das war das Jahrhundert der »Nutheburgen«. Ob diese letzteren Aggressiv- oder Defensivpunkte waren, ob sie die Deutschen bauten, um von der Zauche her den Teltow zu erobern, oder ob sie die Wenden bauten, um der vordringenden Eroberung einen Damm entgegenzusetzen, – diese Fragen werden nie mehr gelöst werden; alle Aufzeichnungen fehlen und die Schlüsse, die man aus diesem und jenem gezogen hat, bleiben einfach Hypothese. Die Nutheburgen jener ersten christlichen Epoche sind tot, hingeschwunden für immer. Aber um eben deshalb vielleicht zählen sie zu den Lieblingen märkisch-archäologischer Forschung. Es ist wenig mehr als ihre Namen, was man kennt. An den Flügeln lagen: Potsdam und Trebbin, im Zentrum: Beuthen und Saarmund.

 

*

 

Saarmund, unter diesen vier Nutheburgen vielleicht die verschollenste, genoß dafür des Vorzugs eines poetischen Namens. Daß er an diesem Punkt überhaupt entstehen konnte, war das Resultat einer Nuthe- Großtat. Arm aber edel, und vielleicht auch all das Herrliche vorahnend, das hier einstens erblühen werde, zweigte die Nuthe selbstsuchtslos einen Wasserarm von sich ab und wohl zugleich auch aus eigner schmerzlicher Erfahrung wissend, was eines Namens Wohlklang bedeute, gab sie diesem abgezweigten Arme den Namen Saare mit auf den Lebensweg. Und siehe da, die Vorahnung hatte nicht getrogen. An ebender Stelle, wo (wie schon erzählt) ins alte Nuthebett die kaum geborene Saare wieder einmündet, erwuchs Saarmund. Im Rücken der Stadt aber, an den Südhängen der Zauchehügel, entstanden Weinberge über Weinberge, so daß Deutschland ein paar Jahrhunderte lang der Auszeichnung genoß, einen doppelten Saarwein zu produzieren: einen Kur-Trierschen bei Saarbrück und einen Kur-Märkischen bei Saarmund. Unbestrittener an Ruhm waren freilich die Saarkrebse, die die Chronisten nicht müde werden zu preisen, »insonderheit auch die großen Alande, die noch angenehmer sind als Zander.«

Um Saarmund und seine Saare, so viel muß zugegeben werden, schwebt ein gefällig-romantischer Klang, aber die tiefere Poesie dieser Gegenden ist doch alte Nuthenpoesie. Die Nuthe herrscht hier, die Nuthe gibt den Charakter und breitet ihren Einsamkeitszauber über die sie begleitenden, endlosen Wiesengründe, gleichviel nun ob sie der Rotampfer sommerlang überblüht oder ob im November die Krähen mit naßschwerem Flügel drüberhin schweben. Hier, in den Kolken am Flusse hin, war bis vor kurzem noch der Biber zu Haus und der Fischadler tat reichen Fang. Sagenhafte Gestalten, groß und hager, und an Jahren weit über das Gedächtnis der ältesten Leute hinausragend, zogen mit ihrem Springstock über die tiefen Moore; wie Schatten schritten sie im Nebel, der Regenvogel pfiff in langen Pausen und das dumpfe Gurgeln der Rohrdommel klang vom Flusse her.

So war das Nuthetal und so ist es bis diesen Tag.

Zwei, drei Brücken haben wir noch auf der Saarmunder Straße zu passieren. Von der ersten aus, deren hochgewölbte Balken uns einen Blick nach rechts und links hin gestatten, schweift unser Auge das Tal hinauf und hinunter. Tiefe Stille; nur Wasser und Wiese; kein Floß, kein Kahn; nichts Lebendes, nichts als das weiße Gewölk, das, langsam ziehend, dem langsamen Zuge des Wassers folgt.

Nichts Lebendes. Und woher auch Leben? Wenn es wahr ist, daß man eine Großstadt auf Meilen hin in beinah rätselvoller Weise vorausfühlt, so muß die Wirkung, die Saarmund in die Ferne hin übt, eben die der Abgestorbenheit sein. Denn man kann nur mitteilen, was man hat. Und nichts Abgestorbneres und Stilleres als Saarmund. Über eine letzte Brücke hin rasselt unser Gefährt in die Stadt hinein; beschnittene Linden vor den Türen, über die Hof- und Gartenzäune strecken Holunderbäume die weißen Dolden und wenn dann und wann eine Haustür sich öffnet und der eigentümliche Klapperton einer schadhaften Klingel über die Straße klingt, so horcht die ganze Stadt.

Unser Wagen war ein Ereignis. Einer stürzte halbrasiert ans Fenster und der rückwärts gewandte Gruß, den ich ihm zuschickte, traf noch seine seifenschaumene Hälfte. Weiter. Endlich mündeten wir auf einen lindenumstellten Platz, der die »Freiheit« hieß. Wir nahmen es als selbstverständlich hin. Warum sollte hier nicht Freiheit sein?

Der Eindruck des Öden, den die ganze Stadt macht, an dieser Stelle steigert er sich, denn hier war einmal Leben. Unter den Fenstern des ersten Stockes hin ziehen sich lange Wirtshausschilder »Stadt Halle«, »Stadt Leipzig«, die sich fast wie Grabschriften lesen über einer Zeit, die nicht mehr ist. Hier führte vor fünfzig oder hundert Jahren die große Straße von Sachsen vorüber, hier war ein Hauptzollamt, und Saarmund hatte damals eine Bedeutung, etwa wie Wittenberge heut oder irgend sonst ein Platz, an dem der Koffer untersucht und die Sprache des deutschen Biedermannes in der Mauth- und Zollnuance gesprochen wird. Das ist nun alles dahin. Die geschlossenen Fenster zeigen nichts mehr als lange Rouleaus, deren in der Schräge schwebende Landschaften auf ein völlig gestörtes Roll- und Räderwerk deuten; alle Krippen stehen leer, und müde vom Warten haben sie sich an die Wand gelehnt. Die Hühner picken drum herum. Wo sie's hernehmen, Gott weiß.

Ein eignes Geschick ist um gewisse Städte, wie um gewisse Menschen her. Sie sind anmutig, alles scheint für sie zu sprechen und sie können es nichtsdestoweniger zu nichts bringen. So Saarmund. Einer der vielen Orte, die nicht leben und nicht sterben können und nur dazu da sind, im Herzen eines Vorüberfahrenden ein sentimentales Gefühl zu wecken.

An einem der Prellsteine von »Stadt Leipzig«, wo der Weg nach rechts hin abbiegt, stand ein Mann in mittleren Jahren, mit einem guten, zuverlässigen Gesicht. Seine Kappe hatte den Schnitt einer alten Landwehrmütze, sein Rock aber einen Stehkragen von dunkler Farbe. Eine Art Nachtwächterblau. Mir lagen immer noch die »Nutheburgen« im Kopf, nach denen ich meine Suche nicht ohne weiteres aufgeben wollte. Das ist dein Mann, dacht' ich, und ließ halten.

»Sind Sie von hier?«

»Ja.«

»Das ist schön. Da kennen Sie gewiß die Nutheburgen?«

Der Ausdruck seines Gesichts ließ keinen Zweifel darüber, daß dieses Wort mit dem balladesken Doppel-U zum ersten Male sein Ohr traf. In seiner Antwort geriet er vom Hundertsten ins Tausendste, stolperte zwischen allerhand Lokalbezeichnungen wie Burgwall und Nuthebrücke hin und her und erzählte mir Dinge, die, wie gewöhnlich, auf alles mögliche Rücksicht nahmen, nur nicht auf den Gegenstand meiner Sehnsucht. Ich sah bald, daß der älteren märkisch- wendischen Heimatskunde hier keine Quelle floß und war denn auch rasch entschlossen, durch eine Diversion jeder weiteren Verwirrung vorzubeugen.

»Ist sonst nichts da, das sich verlohnte?«

»Nichts als der Galgenberg.... Da haben Sie die beste Aussicht; das ganze Nuthetal. Links Potsdam und rechts Trebbin. Es soll auch ein Schatz...«

»Gut, gut.« Ich grüßte, gab dem Kutscher einen leisen Schlag, und im nächsten Moment ging es vom Straßendamm hinunter in den mahlenden Sand hinein.

Eine kurze Strecke Weges, da stieg der Berg mit dem ominösen Namen vor uns auf. Es war ein heißer Tag und Mittagsstunde; wir hielten deshalb und stiegen aus. Die Sonne fiel glühend auf den Abhang, den wir hinauf mußten. Vor uns weideten ein paar magere Schafe, die sich ihrer Magerkeit an dieser Stelle nicht zu schämen hatten; nur halbverbranntes, moosartig kurzes Gras zog sich über den Sand hin und nichts grünte als die Wolfsmilch. Endlich oben.

Es lohnte sich schon. Wie um dem Missetäter das Scheiden doppelt schwer zu machen, stellte das Mittelalter seinen Dreibaum immer auf die höchsten und schönsten Punkte.

Und wieder stand ein Dreibaum dort oben vor uns, aber freilich das Kind einer andern Zeit: ein Vermessungsinstrument spreizte seine drei mageren Beine.

Das helle Licht hinderte den Blick; nur mitunter kam eine leise Trübung und das Auge konnte alsdann die Landschaft umfassen. Zu Füßen Saarmund mit seinen roten Dächern und rotem Turm; dahinter die Wiesen und die Nuthe; jenseits aber die stillen Dörfer des Teltow und diesseits die stilleren Berge der Zauche.

Wer nach uns an diese Stelle tritt, der freue sich des Bildes und der allgemeinen Vorstellung: an diesem Wasserlauf entlang lagen also die Nutheburgen! Und er nehme dies Bild und diese Vorstellung in Dankbarkeit mit heim. Aber er hüte sich auf weitere Forschungen und Entdeckungen ausziehen zu wollen. Die Nutheburgen necken ihn nur und sind wie die Fata Morgana dieser Zauchewüste. Wenn er sie zu haben glaubt, so hört er den Mittagsgeist lachen, das Bild zerrinnt und – die Nutheburgen sind ihm ferner denn zuvor.




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 © textlog.de 2004 • 24.06.2017 05:44:44 •
Seite zuletzt aktualisiert: 10.11.2007 
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