Werneuchen.
Schmidt von Werneuchen


So sah es im Sommer 1809 in Werneuchen aus, allwo der vielgenannte »Pastor Schmidt von Werneuchen« damals im Amte war. Ich glaubte den Mann, dem diese Darstellung gilt, nicht besser einführen zu können, als durch ein Bild, das ihn uns in Wald und Feld und im Kreise der Seinen zeigt. Eine kindliche Natur, hing sein Herz an dem Stilleben der Familie.

Bevor ich seine Charakteristik versuche, schicke ich eine Zusammenstellung des biographischen Materials vorauf, das ich über den äußerlichen Gang seines Lebens erkalten konnte.

Friedrich Wilhelm August Schmidt, genannt Schmidt von Werneuchen, wurde den 23. März (nicht Mai) 1764 in dem reizend gelegenen Dorfe Fahrland 27) bei Potsdam geboren. Sein Vater war Pfarrer daselbst. Von den glücklichen Tagen seiner Kindheit erzählt uns eine seiner gelungensten Idyllen: »An das Dorf Fahrland«:

 

Ach, ich kenne dich noch, als hätt' ich dich gestern verlassen;

Kenne das hangende Pfarrhaus noch mit verwittertem Rohrdach,

Wo die treu'ste der Mütter die erste Nahrung mir schenkte.

 

Es scheint, daß er den Vater frühzeitig verlor, denn er kam schon um 1775 auf das Schindlersche Waisenhaus nach Berlin, wo der spätere, gleichfalls als Dichter ausgezeichnete Staatsrat Friedrich August von Stägemann, eines Uckermärkischen Predigers Sohn, sein Mitschüler war. Ob er, wie dieser, auf dem »Grauen Kloster« oder aber auf einer andern Schule seine Gymnasialbildung vollendete, konnt' ich nicht ersehen. Etwa um 1785 ging er nach Halle, daselbst Theologie zu studieren. Seine Lage muß um jene Zeit eine ziemlich bedrängte gewesen sein, wie die Anfangszeilen einer poetischen Epistel an seinen Freund Christian Heinrich Schultze, Prediger in Döberitz, vermuten lassen. Diese lauten:

 

Du mir teuer, seit bei magrer Krume

Und beim Wasserglas der Freundschaft Band

Uns umschlungen an der Saale Strand usw.

 

Anfangs der neunziger Jahre scheint er die Stellung als Prediger am Berliner Invalidenhause erhalten zu haben. In diese Zeit fällt auch seine Verlobung mit seiner geliebten, in vielen Liedern gefeierten Henriette, mit der er dann 1795 die glücklichste Ehe schloß. 1796 erhielt er die Werneuchner Pfarre. Die Jahre vor und kurz nach seiner Verheiratung bilden auch die Epoche seines frischesten poetischen Schaffens. Die Lieder an »Henriette« gehören selbstverständlich dieser Zeit an, aber auch seine Vorliebe für das Beschreibende zeigte sich schon damals, vor allem der ihn charakterisierende Hang für das Abmalen jener Natur, die ihm vor der Tür lag, die er stündlich um ihre Eigenart befragen konnte. Den Wunsch, seine Werneuchner Pfarre mit einer anderen zu vertauschen, scheint er nie gehabt zu haben. Sein Wesen war Genügsamkeit, Zufriedenheit mit dem Lose, das ihm gefallen. Eine Reihe von Kindern ward ihm geboren; sie waren der Sonnenschein des Hauses. Den jüngsten Knaben, Ulrich, verlor er frühzeitig; kurz vorher oder nachher starb auch die Mutter. Mit ihr begrub er die Freudigkeit seines Herzens. Eine Reihe von Liedern verrät uns, wie tief er ihren Tod beklagte. Später vermählte er sich zum zweiten Male. Seine zweite Gattin überlebte ihn und errichtete ihm das Denkmal, ein gußeisernes Kreuz, auf dem Werneuchner Kirchhof, das, von einem schlichten Holzgitter eingefaßt, folgende Inschrift trägt: »F. W. A. Schmidt, Prediger zu Werneuchen und Freudenberg, geb. den 23. März 1764, gest. den 26. April 1838.« Rückseite: »Ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen.« Ihm zur Seite ruhen, unter überwachsenen Efeuhügeln, seine erste Gattin (Henriette) und sein Lieblingssohn Ulrich.

Diesen kurzen biographischen Notizen laß ich eine Reihe mir zugegangener kleiner Mitteilungen folgen, ohne weitere Zutat von meiner Seite.

Den Pfarracker hatte er verpachtet, weil er, wie er sagte, nicht »verbauern« wollte. Aber wenn er auch seine Ehre und seine Aufgabe darin setzte, nicht selbst ein Bauer zu werden, so liebte er doch die Landleute sehr und sprach gern und eingehend mit ihnen. Die Landwirtschaft, als ein Großes und Ganzes, hatte er beiseit' getan, aber sein Garten war seine beständige Freude. Er hätte ohne diese tägliche Berührung mit dem Leben der Natur nicht sein können.

Der Garten lag unmittelbar hinter dem Hause, rechts von der Kirchhofsmauer, über die die Grabkreuze hinwegragten, links von Nachbarsgärten eingefaßt; nach hinten zu ging der Blick ins Feld. Schneeball- und Holunderbosketts empfingen den Besucher, der aus der geräumigen Küche mit ihren blank gescheuerten Kesseln in den unmittelbar dahinter gelegenen Garten eintrat. Die besondere Sehenswürdigkeit darin war ein alter Birnbaum, der noch jetzt existiert und schon damals als einer der ältesten in den Brandenburgischen Marken galt; der größte Schmuck des Gartens aber waren seine vier Lauben. Drei davon, die dem Hause zunächst lagen, waren Fliederlauben, in denen je nach der Tageszeit und dem Stand der Sonne, der Besuch empfangen und der Kaffee getrunken wurde, die vierte dagegen, die mehr eine hohe, kreisrunde Blühdornhecke, als eine eigentliche Laube war, erhob sich auf einer kleinen Anhöhe am äußersten Ende des Gartens und führte den Namen »Sieh dich um.« In diese Hecke waren kleine Fensteröffnungen eingeschnitten, die nun, je nachdem man seine Wahl traf, die reizendsten Aussichten auf Kirchhof, Gärten oder blühende Felder gestatteten. Rote und weiße Rosen faßten überall die Steige ein, eine der Lauben aber, und zwar die, die sich an die Kirchhofsmauer lehnte, führte deutungsreich den Namen »Henriettens Ruh«.

In diesem Garten arbeiten war unseres Freundes Lust. Mit einer Art von Befriedigung pflegte er sich aufzurichten und seinem Sohne zuzurufen: »Heute tut mir der Rücken weh vom Bücken.« Hühner und Sperlinge vom Garten abzuhalten, war die stets gern erfüllte Pflicht der Kinder.

Der Sommer war schön, aber der schönste Monat des Jahres war doch der Dezember. »Das Weihnachtsgefühl, die hohe Vorfreude des Festes in uns zu wecken«, so schrieb mir der Sohn, »verstand er vortrefflich. Er tat es in lochender, die Einbildungskraft anregender Weise, teils durch Töne von Kinderinstrumenten, teils durch Proben von Weihnachtsgebäck, welches von bepelzter Hand durch die knapp geöffnete und im Hui wieder geschlossene Tür in die Kinderstube geworfen wurde. Ließ einmal Knecht Ruprecht gar nichts von sich hören und sehen, so baten wir singend an der hoffnungsreichen Pforte um sein Erscheinen und seine Gaben. Waren wir artig gewesen, so gewährte er; andernfalls prasselten Nußschalen oder faule Äpfel durch die Türöffnung herein.« Den Jubel am Heiligen Abend hat er in einem seiner populärsten Gedichte selbst beschrieben:

 

Nußknacker stehn mit dickem Kopf

Bei Jud' und Schornsteinfeger;

Hier hängt ein Schrank mit Kell' und Topf,

Dort hetzt den Hirsch der Jäger.

Hier ruft ein Kuckuck, horch!

Und dort spaziert ein Storch,

Mit Äpfeln prangt der Taxusbaum

Und blinkt von Gold und Silberschaum.

Zu Pferde paradiert von Blei

Ein Regiment Soldaten;

Ein Sansfaçon sitzt frank und frei

Gekrümmt und münzt Dukaten.

Und alles schmaust und knarrt,

Trompet' und Fiedel schnarrt;

Fern stehn die Alten still erfreut

Und denken an die alte Zeit.

 

Das Leben auf der Pfarre war ein ziemlich bewegtes. Mit einigen Predigern in der Umgegend war er von früher her bekannt und diese besuchte er, wenn er auf geistige Anknüpfungspunkte rechnen konnte; sonst schwerlich. Unter den befreundeten Amtsbrüdern befand sich auch der Propst Gloerfeld in dem benachbarten Bernau. Dieser würdige und allgemein hochgeachtete Geistliche hatte einen schönen Tod. Er war ein großer Gartenfreund, wie die meisten Geistlichen in jener geldarmen Zeit, und empfing dann und wann Besuche von Personen, die seinen schönen Garten sehen wollten. Einmal erschien auch eine junge, durchreisende Dame, und als er sich bücken wollte, um ihr eine Rose zu pflücken, sank er tot zwischen die Blumenbeete nieder.

Schmidts Gedichte geben über den Kreis seiner Bekanntschaft die beste Auskunft. Es lag in der Natur seiner Muse, die einen durchaus häuslichen Charakter hatte und das Leben mehr erheitern als auf seine Höhen treiben wollte, daß er Dinge, die sich in Prosa ebenso gut hätten sagen lassen, in Versen abmachte. Beispielsweise Einladungen und Gratulationen. So lernen wir denn beim Lesen seiner Dichtungen auch seine Freunde und Bekannte kennen und zwar aus Näh' und Ferne: Pastor Schultz aus Döberitz im Havelland, Amtsaktuarius Bernhard aus Löhme (unser alter Freund aus dem Gamengrund her), Prediger Dapp in Klein-Schönebeck, Rudolf Agrikola, Frau Oberst von Valentini, Maler Heusinger und andere mehr, meist Personen, die mit mehr oder minder Dringlichkeit aufgefordert werden, der Werneuchner Pfarre, »die im grunde genommen viel hübscher sei als die Berliner Paläste«, ihren Besuch zu machen. Besonders nah stand ihm der Pastor Ahrendts in dem nur eine Meile entfernten Beiersdorf. Mit diesem hatte er zusammen studiert, beide waren in unmittelbarer Aufeinanderfolge Prediger im Berliner Invalidenhause gewesen, beide hatten zu Ende des vorigen Jahrhunderts ihre benachbarten Landpfarren erhalten und verblieben darauf bis zu ihrem Tode, nachdem beide kurz vorher ihr fünfzigjähriges Jubiläum gefeiert hatten, Schmidt 1837, Ahrendts 1838.

Unter den gelegentlich Einsprechenden waren auch einzelne Berliner Geistliche von der strengeren Richtung, wie Held und Hennefuß. Er teilte die Ansichten dieser Herren nicht und hatte dessen kein Hehl, war aber in der Art, wie er ernste Gespräche führte, von so feinen und anziehenden Formen, daß die Besuche weit öfter wiederholt wurden, als man hätte mutmaßen sollen. All dieser Zuspruch, weil er ihm geistige Nahrung und Anregung bot, erfreute ihn lebhaft, aber höchst unbequem waren ihm die affektierten Leute aus der großen Stadt, die sich aus Neugier oder aus Sentimentalität bei ihm blicken ließen, um hinterher von den »hohen Vorzügen des Landlebens« schwärmen zu können, und eines seiner humoristischen Gedichte, nachdem er diese Zudringlichen zuvor beschrieben, schließt denn auch mit dem Aufruf an Fortuna:

 

Send', o Göttin, naht ein solcher Schwall,

Uns zum Schutze Regen her in Bächen!

Türm' ein Wetter auf mit Blitz und Knall,

Oder laß ein Wagenrad zerbrechen.

 

Es erinnert dies an ähnliche Niedlichkeiten Mörikes, dessen Humor freilich um vieles mächtiger war.

Unter den klassischen Dichtern war ihm neben Homer, Virgil der liebste; seine Bukolika standen ihm außerordentlich hoch und mögen sein eigenes Dichten beeinflußt haben. Als der größte Dichter aller Zeiten aber erschien ihm Shakespeare, den er mit Passion las und dessen kühne und erhabene Bilder ihn immer wieder begeisterten.

Die Angriffe, die sein eigenes Dichten erfuhr, machten gar keinen Eindruck auf ihn, ergötzten ihn vielmehr. Es lag wohl darin, daß er eine durch und durch bescheidene Natur und niemals von dem eitlen Vermessen erfüllt war, neben den Heroen jener Zeit auch nur annähernd als ebenbürtig dastehen zu wollen. Er wollte wenig sein, aber daß er dies Wenige auch wirklich war, davon war er fest überzeugt; er hielt den Beweis davon, wenn er auf die Natur hinausblickte, gleichsam in Händen, und diese Überzeugung, die nebenher wissen mochte, daß ein kleines Blättchen vom Lorbeerkranz ihm früher oder später notwendig zufallen müsse, nahm seinem Auftreten jede Empfindlichkeit. Das bekannte gegen ihn gerichtete Goethesche Spottgedicht:

 

O wie freut es mich, mein Liebchen,

Daß du so natürlich bist,

Unsre Mädchen, unsre Bübchen

Spielen künftig auf dem Mist,

 

las er seinen Kindern vor und scherzte darüber mit ihnen. Seine Hochschätzung Goethes wurde durch diesen Angriff in nichts geschmälert, und seine Kinder mußten um dieselbe Zeit, als jenes Spottgedicht erschienen war, Goethesche Lieder und Balladen auswendig lernen.

Bis hierher hat uns, auch da noch, wo wir aus ihm zitierten, der Mensch beschäftigt; wir wenden uns nun dem Dichter zu. War er ein solcher überhaupt? Gewiß, und trotz einer starken prosaischen Beimischung, weit mehr als gemeinhin geglaubt wird. Der Ton, in dem man ihn anerkannte, pflegte dem zu gleichen, in dem in Vor-Klaus-Grothschen Tagen von unseren plattdeutschen Dichtern, zumal auch von unserem altmärkischen Landsmann Bornemann gesprochen wurde. In den Dichtungen des einen wie des andern vermißte man Idealität und ließ um eben deshalb beide nur als Dichterabarten gelten, als heitere, derbe, humoristische Erzählertalente, die zufällig in Reim statt in Prosa erzählten.

Es liegt darin, auch namentlich in dem Zusammenwerfen Schmidts von Werneuchen mit den plattdeutschen Dichtern der alten Schule, viel Wahres und Richtiges; viel Wahres, in das sich nur insoweit eine gewisse Unbilligkeit gegen unseren Werneuchner Deskriptivpoeten mit einmischt, als er anderer Klänge wie die sind, die zumeist aus ihm zitiert werden, sehr wohl fähig war. Die unbestreitbare Popularität der Zeilen:

 

Die Tafel ist gedeckt,

 

Wo nun der Schüsseln Duft die Lebensgeister weckt;

Schweinbraten, ach, nach dir, nach euch, geback'ne Pflaumen,

Sehnt sich die Braut schon längst! ihr glänzen beide Daumen –

 

ich sage, die Popularität dieser und ähnlicher Zeilen hat unser Dichter mit dem besseren Teil seines Ruhmes bezahlen müssen. Dieser Aufsatz soll kein literarhistorischer sein, er würde sich sonst die Aufgabe stellen, eine gewisse Verwandtschaft Schmidts von Werneuchen mit der späteren Platenschen und namentlich Freiligrathschen Schule nachzuweisen.

Schmidt von Werneuchen handhabte Vers und Reim mit großer Leichtigkeit und zählte zu den produktivsten Lyrikern jener Epoche. Man muß freilich hinzusetzen, er tat des Guten zuviel. In dem kurzen Zeitraum von sechs Jahren erschien er mit fünf Bänden »Gedichte« vor dem Publikum, Gedichte, die sich untereinander zum Teil so ähnlich sehen, daß es schwer hält, sie in der Vorstellung voneinander zu trennen. Sie erschienen in folgender Reihenfolge: »Kalender der Musen und Grazien«, 1796; »Gedichte«, erster Band, bei Haude und Spener, 1797; »Gedichte«, zweiter Band, bei Oehmigke jun., 1798; »Romantisch-ländliche Gedichte«, bei Oehmigke jun., 1798; »Almanach der Musen und Grazien« (Fortsetzung des »Kalenders der Musen und Grazien«), bei Oehmigke jun., 1802. Dies ist alles, was ich aus der Epoche von 1796 bis 1802 von seinen Veröffentlichungen in Händen gehabt habe; doch möcht' ich fast bezweifeln, daß die gegebene Aufzählung die Gesamtheit seiner damaligen Produktion umfaßt. Die Kluft zwischen 1798 und 1802 ist zu weit. Nach dem Jahre 1802 scheint er sein Harfenspiel an die Wand gehängt zu haben; nur aus dem Jahre 1815 begegnen wir noch schließlich einem schmalen Büchelchen, das den Titel »Neueste Gedichte« führt und in zwei Sonettenkränzen, eine Form, in der er sich auch früher schon versuchte, den Tod seiner ersten Gattin Henriette und das frühe Hinscheiden seines Lieblingssohnes Ulrich beklagt. Ich erwähnte dieser Lieder schon weiter oben.

Sehen wir von dem Jahrgange des Erscheinens ab und betrachten wir seine Dichtung als ein Ganzes, das wir nicht äußerlich nach Namen und Datum, sondern nach seinem inneren Gehalt zu teilen und zu trennen haben, so ergehen sich drei Hauptgruppen: Sonette, Balladen und Naturbeschreibungen, letztre vom kurzen Lied an bis zum ausgeführten Idyll.

Über die erste und zweite Gruppe (Sonette und Balladen) gehen wir so schnell als möglich hinweg. Er hatte weder von dem einen noch von dem andern auch nur eine Ahnung, und während ihm im Sonett, all seiner Reimgewandtheit unerachtet, alle Grazie der Form und des Gedankens fehlte, suchte er – die schwächeren und schwächsten Sachen Bürgers zum Vorbild nehmend – das Wesen der Ballade teils im Mordhaft-schauerlichen, teils in einem Gespenster- Apparate, der schon deshalb niemanden in Schrecken setzen konnte, weil er selber keinen Augenblick an das wirkliche Lebendigsein dieser seiner Figuren glaubte. So kam es, daß er in dieser Dichtungsart beständig den bekannten einen Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen tat und uns statt erschütternder Gestalten bloße Karikaturen vorführte. Um wenigstens eine Belagsstelle für dies mein Urteil zu zitieren, laß ich hier die erste Strophe der Spukballade »Graf Königsmark und sein Verwalter« folgen:

 

Graf Königsmark hatt' irgendwo

In Sachsen an der Saale

Ein Gut, wohin er gern entfloh

Der höfischen Kabale.

Die Wirtschaft dort besorgt ein treuer

Verständiger und frommer Meier.

 

Dies genüge. Dieselbe Ballade weist übrigens viel schlimmere Strophen auf. Keine Dichtungsart vielleicht kann die Verwechslung von Einfach-natürlichem mit Hausbacken-prosaischem so wenig vertragen wie die Ballade.

Schmidt von Werneuchen war kein Sonettist und noch weniger ein Minstrel, der es verstanden hätte, bei den Festmahlen alter Häuptlinge die heroischen Sagen des Clans zu singen, aber er war ein Naturbeobachter und Naturbeschreiber trotz einem. Nicht die Geßnersche Idylle war seine Stärke, bei den Niederländern schien er in die Schule gegangen zu sein, und wenn Friedrich Wilhelm I. einmal ausrufen durfte: »ich hab' ein treu-Holländisch-Herz«, so durfte Schmidt von Werneuchen sagen: »ich hab' ein gut- Holländisch Aug'«. Und wirklich, jetzt, wo man es liebt, die Künstler dadurch zu charakterisieren, daß man sie mit hervorragenden Erscheinungen einer verwandten Kunst vergleicht, möcht' es gestattet sein, Schmidt von Werneuchen einen märkischen Adrian von Ostade zu nennen. Beide haben in »Bauernhochzeiten« exzelliert.

Aber diese »Bauernhochzeiten« unseres märkischen Poeten waren doch, der Gesamtheit seines Schaffens gegenüber, nur die Staffage; er konnte ein Genremaler sein, wenn ihm der Sinn danach stand, vor allem indes war er ein Landschafter, oft freilich nur ein grober Realist, der die Natur rein äußerlich abschrieb, oft aber auch ein feinfühliger Künstler, der sich auf die leisesten landschaftlichen Stimmungen, auf den Ton und alle seine Nuancen verstand. Er war nicht immer der gereimte Prosaiker, der mit Freud' und Behagen niederschreiben konnte:

 

Die Küchlein ziepen:

Nestvögel piepen

Im Fliedergrün,

Und Frauen zieh'n

Mit Milch und Kiepen

Barfüßig hin

Zur Städterin –

 

er konnte sich auch sehr wesentlich über diese Spielereien, über dies rein äußerlich, Beschreibende erheben, und trotz eines leisen Anklangs an Bürgers »Pfarrerstochter zu Taubenhayn« zähl' ich doch beispielsweise folgende Strophe zu den gelungensten Schilderungen einer herbstlichen Landschaftsstimmung:

 

Es sauste der Herbstwind durch Felder und Busch,

Der Regen die Blätter vom Schlehdorn wusch,

Es flohen die Schwalben von dannen,

Es zogen die Störche weit über das Meer,

Da ward es im Lande öd und leer

Und die traurigen Tage begannen.

 

Am vorzüglichsten war er da, wo er in klassischer Einfachheit und in nie zu bekrittelnder Echtheit die märkische Natur beschrieb und den Ton schlichter Gemütlichkeit traf, ohne in Trivialität oder Sentimentalität zu verfallen. Unter seinen früheren Sachen finden sich nicht wenige, die diesen Charakter tragen, und wer sich der Arbeit unterziehen wollte, die Spreu vom Weizen zu sondern, der würd' imstande sein, dem Publikum ein Büchelchen zu bieten, das die gang und gäben Ansichten über den Dorfpoeten von Werneuchen sehr wesentlich modifizieren würde. Ich gebe nur eine solche Stelle, und zwar aus dem schon früher erwähnten Gedichte: »An das Dorf Fahrland«, jenes Dorf, in dem er geboren war.

 

Ach, ich kenne dich noch, als hätt' ich dich gestern verlassen,

Kenne das hangende Pfarrhaus noch mit verwittertem Rohrdach,

Kenne die Balken des Giebels, wo längst der Regen den Kalk schon

Losgewaschen, die Tür mit großen Nägeln beschlagen,

Kenne das Gärtchen vorn mit dem spitzen Staket, und die Laube

Schräg mit Latten benagelt, und rings vom Samen der dicken

Ulme des Nachbars umstreut, den gierig die Hühner sich pickten.

 

Und weiter dann:

 

O, wie warst du so schön, wenn die Fliegen der Stub' im September

Starben, und rot die Ebreschen am Hause des Jägers sich färbten;

Wenn die Reiher zur Flucht im einsam schwirrenden Seerohr,

Ahnend den Sturm, sich versammelten, wenn er am Gitter der Pfarre

Heulend die braunen Kastanien aus platzenden Schalen zur Erde

Warf und die schüchternen Krammetsvögel vom Felde zu Busch trieb;

Froher alsdann als der Sperling im Dach, dem von hinten die Federn

Über's Köpfchen der Sturmwind blies, unterhielt ich so gerne

In dem roten Kamine die Glut mit knisternden Spänen.

 

Dies genüge. Wer den Sinn für Naturbeschreibung hat, wird in diesen wenigen Zeilen Züge von ganz ungewöhnlicher Feinheit finden (z.B. die Schilderung des Sperlings in der zweit- und drittletzten Zeile) und nicht länger Lust haben, den Schmidt von Werneuchen zu den bloßen Reimschmieden zu werfen.

Übrigens muß er zu seiner Zeit, trotz aller Gegnerschaft, auch zahlreiche Freunde und Verehrer gehabt haben; selbst die Goetheschen Spottverse, die wohl nicht geschrieben worden wären, wenn nicht der Dichter, gegen den sie sich richteten, einer gewissen Popularität genossen hätte, deuten durch ihr bloßes Vorhandensein darauf hin. Deutlicher spricht dafür die äußere Ausstattung, in der seine Gedichte damals vor das Publikum traten: beneidenswert schöner Druck und die beiden ersten Sammlungen von der Hand Chodowieckis und seiner besten Schüler illustriert. Solche kostspielige Ausstattung wagten die Verleger wohl nur, wo das Ansehen des Poeten, oder wenigstens seine lokale Popularität, einen sichern Absatz in Aussicht stellte.

Diese lokale Popularität hatte er zweifellos, und wer das Wesen der Märker, insonderheit auch der Berliner, näher kennt, wird sich darüber nicht wundern. Die Märker lieben es, hinter ironischen Neckereien ihre Liebe zu verstecken, und während sie nicht müde werden, über die eigene Heimat, über die »Streusandbüchse« und die kahlen Plateaus, die »nichts als Gegend« sind, die spöttischsten und übertriebensten Bemerkungen zu machen, horchen sie doch mit innerlicher Befriedigung auf, wenn jemand den Mut hat, für »Sumpf und Sand« und für die Schönheit des märkischen Föhrenwalds in die Schranken zu treten. Und dies hat Schmidt von Werneuchen ehrlich getan. Er tat es zuerst und tat es immer wieder. Sein ganzes Dichten, Kleines und Großes, Gelungenes und Mißlungenes, einigt sich in dem einen Punkte, daß es überall die Liebe zur Heimat atmet und diese Liebe wecken will.

Und deshalb ein Hoch auf den alten Schmidt von Werneuchen!

 

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27) Vergl. »Fahrland« und die »Fahrlander Chronik« in Band III der »Wanderungen«. Diese Fahrlandkapitel wurden später geschrieben als das vorstehende Werneuchner und enthalten allerlei Details über die Schmidt von Werneuchenschen Eltern.




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 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 10:24:07 •
Seite zuletzt aktualisiert: 11.11.2007 
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