Der weiche Hermann Bahr


Der weiche Hermann Bahr, der sich von allem beeindrucken läßt, sogar von mir, und jedes Ding beim Namen nennt, außer mir, hat eine Vorlesung mit gemischtem Programm gegeben. Er las Tolstoi und Salten. Dazwischen waren Übergänge notwendig, umsomehr, als Tolstoi Urchrist und Salten nicht nur Zionist, sondern sogar Librettist ist. So las er denn Kürnberger. Aber zwischen Kürnberger und Salten waren wieder Übergänge notwendig. So las er denn den Bischof Kepler, der ein trostloses Buch über die Freude geschrieben haben soll. Aber selbst zwischen dem Bischof Kepler und Salten waren noch Übergänge notwendig. Und Bahr verzweifelte nicht, sondern las Kahane. Das ist ein Liedersänger. Ihm schenkte des Gesanges Gabe, der Lieder süßen Mund Apoll. Er wirkt, wie die Neue Freie Presse verrät, als Dramaturg bei Reinhardt; was aber ein rechtes Singvögelchen ist, verstummt auch in der Gefangenschaft nicht. Es war ein bunter Abend. Zum Schlusse sollen die Hörer den Eindruck gehabt haben, dass Herr Bahr eine »reiche Erscheinung« sei. Er lese seine Dichter so, »als entdecke er ihre Schönheiten zu seiner eigenen Verwunderung eben zum erstenmal«. Natürlich, setzt die Neue Freie Presse aufklärend hinzu, »hat er sie längst entdeckt«. Alle. Und wie er die Individualitäten auseinanderhält! Ein echtes weibliches Naturell ist im Verkehr mit einem geistlichen Herrn anders, als mit einem Kommerzienrat, und wieder anders mit einem Dichter. Nur die Zeugen werden ein wenig verwirrt. Später einmal sagt der schlechte Ruf, Herr Bahr habe sich mit dem Urchristen Salten, dem Librettisten Tolstoi und dem Erzbischof Kahane eingelassen.

 

 

Nr. 294/295, XI. Jahr

31. Januar 1910.


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