Idiotismen

Idiotismen. (Redende Künste) Wiewohl dieses Wort aus der griechischen Sprache zuerst in die Lateinische und danach auch in die neueren kritischen Sprachen übergegangen ist, so hat es seine Bedeutung ganz geändert. Die lateinischen Grammatiker, die dieses Wort von dem Wort Idiota (welches einen ganz gemeinen Menschen bedeutet) abgeleitet hatten, nannten einen mit guter Überlegung gewählten, niedrigen, recht einfältigen und naiven Ausdruck, einen Idiotismus. Itzt aber bedeutet es, das, was die Griechen und Römer durch das Wort Idioma ausdrückten; eine Redensart, einen Ausdruck oder eine Wendung, die einer Sprache so eigen ist, dass es nicht möglich ist, in einer anderen Sprache auf eine ähnliche Weise, dasselbe zu sagen. Doch kann man die Bedeutung des Wortes auch noch auf das ausdehnen, was die Sprache einzelner Menschen charakteristisches hat; das persönlich eigentümliche in der Sprache gewisser Dichter und Redner. Es gibt demnach nationale und persönliche Idiotismen. Beispiele der ersteren hat man an vielen Sprüchwörtern und Metaphern, die sich schlechterdings nicht übersetzen lassen. Wenn der gemeine Mann in Deutschland sagt: von Ort zu Ende, so kann man zwar den Sinn dieses Ausdrucks in jeder Sprache geben, aber nicht mit dem eigentümlichen desselben. Wenn ein Italiener sagt: Dall' un' all' altr' Aurora, so kann man zwar in jeder Sprache den Sinn dieser Worte angeben, aber nicht in jeder auf die Art, dass nur ein Substantivum, wie im Italienischen gebraucht werde.

 Die eigentümlichen wahren Idiotismen sind bloß grammatisch und das Idiomatische liegt nicht in den Gedanken oder in den Bildern. Denn eine Metapher, die wir nur darum nicht übersetzen können, weil wir das Bild, worauf sie sich gründet nicht kennen, ist so wenig ein Idiotismus als ein griechisches Wort, dessen Bedeutung wir nicht mehr wissen. Darum muss man Ausdrücke, die ihren Grund in einem Bilde, Gebrauch oder in einer Vorstellung haben, deswegen noch nicht für Idiotismen halten, weil sie in gewissen Sprachen so häufig vorkommen, dass man sich des Grundes, worauf sie beruhen, kaum mehr bewußt ist. Bei solchen Ausdrücken, sie seien in der römischen, griechischen oder in einer morgenländischen Sprache, kommt es darauf an, ob das Bild uns bekannt sei, und, wenn dieses ist, ob es bei uns, auf der Stelle, da es vorkommt, seine Wirkung tue.

 Wenn demnach einige Kunstrichter uns die Erinnerung geben, dass man dem morgenländischen Ausdruck in einer gewissen Entfernung folgen müsse, so sagen sie uns etwas so unbestimmtes, dass die Erinnerung völlig unnütze wird. Wollen sie sagen, dass man Personen aus unseren Zeiten, die in unserem Klima, bei un sern Gebräuchen und zu unserer Denkungsart erzogen sind, keine orientalische Bilder und Ausdrücke in den Mund legen soll, (ein gegründetes Verboth) so haben sie sich unrichtig ausgedrückt. Wollen sie aber verbieten, dass man morgenländische Personen, in orientalischen Redensarten soll sprechen lassen, so verwerfen sie etwas, das charakteristisch und gut ist. Man braucht überhaupt nicht zu verbieten, fremde Idiotismen in unsere Sprache einzuführen; denn wahre Idiotismen lassen sich nicht in andere Sprachen versetzen. Es scheint zwar, dass man fremde Idiotismen in seine Sprache aufnehmen könne: im Grund aber ist es nur ein Schein; weil kein Mensch sie versteht als insofern er sie wieder in die fremde Sprach, daraus sie genommen sind, übersetzt. Darum hat die Barbarei fremde Idiotismen zu gebrauchen nur da statt, wo zwei Sprachen gleich bekannt und geläufig sind; wo die redenden Personen in der einen denken und in der anderen sprechen. So hört man bisweilen in Berlin, den Ausdruck: er hat sich gut genommen, der den französischen Idiotismus il s'est bien pris ausdrückt. Aber der deutsche Ausdruck ist für den, der nicht französischen kann, vollkommen unverständlich. Indessen kann die Tyrannei der Gewohnheit bisweilen gewisse fremde Idiotismen allmählich verständlich und brauchbar machen. So hat die deutsche Sprache unzählige Idiotismen der lateinischen Sprache dadurch bekom

men, dass man gewisse Wörter, die in der lateinischen Sprach aus einer Präposition und einem anderen Wort zusammengesetzt worden, auf eine ähnliche Weise zusammengesetzt hat, wie z. B. Anfangen, von incipere, Vorwurff (anstatt Gegenstand) von objectum. Ursprünglich waren diese Idiotismen eben so unverständlich und barbarisch als wenn man das deutsche Wort Vormauer (Schutz) durch Antemurus oder Mannheit durch Virtus übersetzen wollte. Man sieht wohl dass diese Wörter durch die Mönchen, denen die lateinische Sprache geläufiger als die Deutsche war, wenn sie deutsch schreiben mussten, eingeführt worden sind. Wäre die lateinische Sprache nicht so durchgehends in Deutschland bekannt worden, so würden auch solche Wörter unverständlich geblieben sein.

 Man kann sagen, dass der Dichter oder Redner, welcher die Idiotismen seiner Sprache am glücklichsten zu brauchen weiß, seinen Ausdruck dadurch ausnehmend belebt und natürlich mache. Am allernotwendigsten wird dieses dem komischen Dichter, der sowohl das Nationale als das persönlich Idiomatische durchaus zu treffen sich befleißigen muss. Dann dadurch kann er den Zuhörer am meisten täuschen und ihn glauben machen, dass er die Natur selbst vor sich sehe. Man kann dem komischen Dichter nie genug empfehlen, dass er gewissen Personen keine Wörter in den Mund lege, die wirkliche Idiotismen einer ganz anderen Gat tung von Menschen sind. So ist es höchst unnatürlich, wenn man Menschen, die, nach ihrem Stand und nach ihrer Lebensart bloß sinnliche Begriffe haben können, philosophische oder aus der Sprache einer verfeinerten Lebensart entlehnte Ausdrücke in den Mund legt; wie wenn man einen Helden aus den trojanischen Zeiten das Wort Tugend, in dem Verstand, in welchem es unsere Moralisten nehmen, wollte brauchen lassen. Man hat um so viel mehr Ursache den Dichtern, die für die Schaubühne arbeiten, die genaueste Beobachtung des Ausdrucks und der Sprache, die jeder Klasse der Menschen einigermaßen idiomatisch sind, zu empfehlen, da auch die besten Dichter hierin vielfältig fehlen. Man wird in den gelobtesten französischen Trauerspielen die Helden des Altertums oft die Sprache eines französischen Hoffmannes reden hören und auf unserer deutschen Schaubühne hört man nur gar zu oft vornehmere und gemeinere Personen eine Sprache reden, die von der Sprache des Umganges der geringern oder vornehmern Welt, völlig verschieden und die eigentlich die Sprache der Schriftsteller ist.

Ilias. Ein Heldengedicht, darin Homer die fatalen Folgen der Entzweiung zwischen Agamemnon und Achilles, bei der Belagerung der Stadt Troja, besingt. Die Personen des Gedichts fallen also in ein sehr entferntes Weltalter und der Dichter selbst ist uns nicht merklich näher. Er erzählt Begebenheiten, schildert Menschen und Sachen, die uns in mancherlei Absichten ganz fremd sind. Man wird dadurch mit Sitten, Künsten, Wissenschaften, Politik und Staaten bekannt, die von den Unsrigen sehr entfernt sind. Das Gedicht enthält eine bewunderungswürdige Menge und Verschiedenheit von Begebenheiten, von kriegerischen und politischen Taten und macht uns mit sehr viel Menschen von merkwürdigen Charakteren genau bekannt. Wir lernen fast alle Häupter der so zahlreichen griechischen Stämme und kleiner Völkerschaften, jeden nach seinen eigentümlichen Charakter, kennen. Die Begebenheiten fließen in einer sehr genauen Verknüpfung aus einander und sind mit der größten Geschicklichkeit angebracht, diese in das volleste Licht zu setzen. Die Charaktere sind gleichsam der Reihe nach geordnet und eigene Teile des Gedichts scheinen gewidmet gewisse besondere Stücke in jedem auszuarbeiten.

Die meisten Personen dieses Gedichts sind von hohem Mut, ungestühmen Neigungen, voll von Na tional- oder Familienstoltz und sind in der gewalttätigen Unternehmung, ein mächtiges Volk auszurotten, zusammen verbunden. Alles was Kühnheit, Rache, Eigensinn, kriegerische Ruhmbegierde in Menschen, die von keinem Zwang wissen, hervorbringen kann, erscheint in diesem wunderbaren Gedicht in seiner eigentlichsten Gestalt, mit den natürlichsten Farben und durch die kräftigste Zeichnung ausgedrückt.

 Ihre Religion und ihre Sitten zeugen von der Einfalt der rohen Natur und von unüberlegten oder noch nicht verfeinerten, Empfindungen, einer noch halb wilden Nation. Eben so einfältig, wild und unabgemessen ist auch das Genie des Dichters, der von seiner Materie ganz angefüllt sich hinreißen lässt und selten Zeit nimmt, sich umzusehen oder seine Schritte abzumessen. Unbekümmert ob ihm jemand zuhörn und was andere dabei fühlen können, singt er mit voller Stimme, was er fühlt. Man stellt sich immer dabei vor, dass er alles, was er erzählt, jetzt wirklich vor seinen Augen entstehen sehe und allemal mit dem richtigsten Ausdruck beschreibe. Er sieht aber alles als ein Mensch, dem von den Sitten, der Gemütsart der Personen, von den Künsten und von den Ländern seiner Zeit nichts unbekannt ist.

 Der erste Held der Ilias, auf dessen Charakter sich alles gründet, ist Achilles, ein höchst ungestühmer, zorniger, trotziger und äußerst eigensinniger Jüngling. Er stößt alles vor sich her zu Boden und je größer der Tumult wird, desto mehr glänzt er. So groß dieser im kriegerischen Mut ist, so groß ist Ulysses in Politik und Verschlagenheit und Nestor in gesetzter Weißheit eines, durch mancherlei Erfahrungen klugen Alters. Neben diesen sehen wir eine ganze Schaar anderer Helden, deren jeder der Anführer eines besonderen Stammes ist und der seine, ihm völlig eigene Art zu denken und zu handeln hat. Wir lernen nicht nur alle diese Helden, sondern auch die Völker, die sie anführen, die Länder aus denen sie hergekommen, vieles von ihren besonderen Sitten und Gebräuchen, kennen. Alle diese Helden haben sich vereinigt einen mächtigen Staat zu zerstören, den selbst viele Götter aus allen Kräften unterstützen, dem mehrere Nationen zu Hilfe kommen, dessen Haupt ein ehrwürdiger Greis ist, für welchen eine Schaar Helden, die seine Söhne sind, ihr Leben mit Freuden wagen. Alles, was im Himmel und auf Erden an Macht, an kriegerischem Mut und an politischer Verschlagenheit, groß ist, kommt hier, bald als Angreifer, bald als Verteidiger, dem Leser so vors Gesicht, dass er alles mit Augen zu sehen und mit Ohren zu hören glaubt.

 Das menschliche Genie hat nichts hervorgebracht, dass diesem Werk an Mannigfaltigkeit der Erfindung und an Lebhaftigkeit der Abbildungen gleich komme und im Ganzen genommen wird die Ilias vermutlich das erste Werk des poetischen Genies bleiben. Denn wenn auch ein zweiter oder größerer Homer aufstehen sollte, so würde es ihm allem Ansehen nach, an einem Stoffe fehlen, der ihm Gelegenheit gäbe, so viel berühmte Helden und Häupter so vieler wirklich merkwürdiger und mit so völliger innerer Freiheit handelnder Völker, auf den Schauplatz treten zu lassen

 


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