1. Rauen und die Markgrafensteine


Es ging, weil die Spree hier sieben Arme hat, über sieben Brücken, und als die letzte Brücke hinter uns lag, lag auch schon die weite Landschaft vor uns, hell und klar und sonnig, und so trocken, daß der Staub aufwirbelte, wie zur Sommerzeit. Aber ein Blick auf die Bäume zeigte zur Genüge, daß der Sommer noch ausstand, und daß nichts heraus war als ein paar ärmliche Palmsonntagskätzchen.

Ich hatte gleich anfangs meinen Platz neben dem Kutscher genommen, der eigentlich kein Kutscher war, sondern ein Fuhrherr, und durch gute Haltung in jedem Augenblicke den Beweis führte, daß er bei den Potsdamer Ulanen gestanden. Er hieß Moll, entsprach durchaus seinem Namen und gab was auf Bildung, Bücher und Zeitungen. Aber er hatte sich seinen guten Verstand und sein eigenes Urteil nicht weggelesen und hielt vielmehr umgekehrt mit einem gewissen Eigensinn an seinen einmal gefaßten Ansichten fest. Selbstverständlich immer unter Wahrung artiger Formen. Er war gesprächig und mitteilsam, aber doch zugleich auch reserviert und lächelte viel.

Als wir aus der Flußniederung auf die Höhe gekommen waren, wies ich auf einen Hügelzug, der sich in geringer Entfernung vor uns ausdehnte: »Was sind das für Berge?«

»Die Rauenschen.«

»I, die Rauenschen. Wo die Braunkohlen herkommen?«

Er stimmte zu.

»Das ist mir lieb, die mal zu sehen, obwohl ich keine brenne; sie stauben zu sehr. Dann ist wohl auch Rauen selbst hier ganz in der Nähe?«

»Versteht sich. Der dicke Turm da. Das is es.«

»Na, dann vorwärts. Aber in Rauen müssen wir einen Augenblick halten. Ich glaube, da gibt es was.«

Er war einverstanden und zeigte nur dann und wann mit dem Peitschenstock auf das eigentümliche Treiben an dem uns immer näher kommenden Hügelabhang. Ein einziges Pferd zog eine lange Reihe von Wagen und ließ mich erkennen, daß dort ein aus irgendeinem Bergstollen herausführendes Schienengeleise liegen mußte. Von der entgegengesetzten Seite her kamen leere Wagen zurück, und in einem dem Höhenzuge vorgelegenen Sumpfstücke stand ein Storch und sah sich ernst und nachdenklich um. Es war, als such' er nach einem Wahr- und Erkennungszeichen und könne nicht einig mit sich werden, ob es auch die rechte Gegend sei.

Moll, dem ich meine Bemerkung mitteilte, fand es auch und verbreitete sich dann eingehender über Störche, namentlich aber darüber, daß es doch eigentlich ein merkwürdiger und zugleich auch höchst anspruchsloser Vogel sei, der immer wieder ins Beeskow-Storkowsche komme, während ihm doch die ganze Welt offenstehe.

All das sprach er in sehr gebildetem Deutsch, mit einem Dialektanklange, der weder märkisch noch berlinisch war, obwohl er von beiden einen Beisatz hatte. Dies fiel mir natürlich auf und ich sagte: »Sie sprechen so anders, Moll; wo sind Sie eigentlich her?«

»Ich? Ich bin aus Hinterpommern.«

»Ist es möglich?«

»Ja, was will man machen.«

»Und von wo denn?«

»Von Köslin. Das heißt ein bißchen ab, so nach'm Gollenberg zu.«

»Da sind Sie ja Nachbar von Bismarck.«

»Nei, der liegt mehr rechts weg, so zwischen Rummelsburg und Schlawe. Meine Gegend ist doch noch anders. Und ich sag' Ihnen, eine propre Gegend.«

»Ich dacht immer, es wäre da nicht viel los.«

»Ja, das haben mir schon viele gesagt. Aber es ist nicht so. Da is mehr los als hier. Denn was haben Sie denn hier? Eine Kussel und dann wieder 'ne Kussel. Und mal 'ne Kräh und wenn's hochkommt 'ne Bockmühle.«

»Nu gut. Aber was haben Sie denn? Ist es denn besser bei Ihnen?«

»Nu, besser is es schon, denn schlechter is nich möglich. Und das macht alles der Charakter. Der Charakter ist immer die Hauptsache. Sehen Sie, bei uns gibt es lauter orntliche Menschen.«

»Und alle zehn Schritt 'nen Edelmann.«

»Ach, lieber Herr, ein Edelmann is gar nich so schlimm. Ich bin auch für Freiheit; aber was so'n richtiger Edelmann is, na, viel tut er woll freilich auch nich, aber er tut doch immer was. Und der Bauer is auch janz anders bei uns.«

»Ich hab' immer gefunden, der Bauer ist überall derselbe. Der Bauer ist überall hart.«

»Is schon richtig. Aber doch alles mit'n Unterschied. Un warum is er hier so hart, ich meine so schlimm-hart? Weil er selber nichts hat. Es is ja die reine Hungerleiderei. Sehen Sie sich doch diesen Weg und diese Schonung an. Der reine gelbe Sand. Und wo der reine gelbe Sand is, is auch immer der reine gelbe Neid. Und gönnt keiner dem andern was. Und von was geben oder helfen steht nu schon gar nichts drin.«

»Hören Sie, Moll, ich bin zwar selber ein Märker, aber ich glaube wahrhaftig, Sie haben ein bißchen recht.«

»I, freilich hab' ich recht. Es ist alles pauvre hier und von's Pauvre-sein is noch nie nich was Gutes gekommen.«

Unter solchen Gesprächen waren wir bis in Rauen selbst hineingefahren. Auch dieses, wie der Hügelabhang draußen, zeigte den Bergwerkscharakter; alle Häuser sahen rußig und schmucklos aus, und nur eine modische Petroleumlampe mit blauem Ständer und weißer Milchglasglocke war überall als einziges Zierstück in die Fenster gestellt.

In der Kirche, die für das Fest geputzt und gesäubert wurde, trafen wir einen Ortsangesessenen, an den ich mich alsbald mit der Frage wandte: »was die Rauensche Kirche denn wohl habe?«

»Wir haben gar nichts als den alten Grabstein vorm Altar. Alles was in Schnörkelbuchstaben daraufstand, ist weggetreten; aber die Rauener sagen, es wäre ein Bischof gewesen. Und ich denke mir, es wird wohl ein Bischof gewesen sein.«

»Ein Bischof? Hören Sie...«

»Ja, warum soll es kein Bischof gewesen sein? Es waren ihrer ja so viele. Welche liegen in Fürstenwalde, welche liegen in Beeskow, und warum soll nicht wenigstens einer in Rauen liegen? Er kann ja 'ne Vorliebe für Rauen gehabt haben.«

»Glauben Sie?«

Diese letzten Worte waren schon vor dem vorerwähnten Altar gesprochen worden, und wir schoben jetzt eine längliche Strohdecke fort, unter der der angebliche Bischofsstein gelegen war. Er war wirklich ganz abgetreten, bis auf eine einzige den Schriftzügen oder Buchstaben nach aus der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts herstammende Zeile, die durch einen schmalen, nur etwa zwei Zoll breiten Vorsprung der Altarstufe geschützt und gerettet worden war. Diese Zeile lautete: »v. Wulffen, Tempelb...« Es war also ein Tempelberger Wulffen, der hier begraben lag und kein Bischof dieses Namens. Wie denn solcher überhaupt nicht existiert hat, was sich aus dem vollständigen, uns von Wohlbrück in seinem Geschichtswerke gegebenen Verzeichnisse der Lebuser Bischöfe mit Sicherheit ersehen läßt.

Aus dem Dorfe Rauen fuhren wir abermals in eine Schonung ein, zwischen deren Krüppelkiefern eine Fahrstraße sich ängstlich hin und her schlängelte, fast als ob jeder einzelne Baum zu schonen gewesen wäre. Wo so wenig ist, ist auch eine Kiefer etwas. Endlich aber passierten wir eine halb offne Stelle, die durch mehrere hier sich kreuzende Waldwege gebildet wurde.

»Das ist er«, sagte Moll, und hielt sein Fuhrwerk an.

»Wer?«

»Der große Stein.«

»Der Markgrafenstein?«

Er nickte bloß und überließ mich meinem Staunen, das weniger an den rechten Flügel der Bewunderung als an den linken der Enttäuschung grenzte. Wirklich, ich war enttäuscht und würde, wenn es Moll vorgezogen hätte schlechtweg daran vorüber zu fahren, im günstigsten Falle gedacht haben: »ei, ein großer Stein.« Und das sollte nun einer der berühmten Markgrafensteine sein, eines der sieben märkischen Weltwunder! Ich hatte mir diese Steine halb memnonssäulenartig oder doch wenigstens als ein paar von der Natur gebildete Riesenobelisken gedacht und sah nun etwas Zusammengekauertes daliegen, das genau den Eindruck eines toten Elefanten auf mich machte. Nun sind Elefanten ja unzweifelhaft große Tiere, wenn ihnen aber obliegt, als Berg- und Felstrümmer landschaftlich zu funktionieren, so kommt die Landschaft und kommen sie selber zu kurz.

»Ist er es denn wirklich?« bracht' ich endlich heraus. »Es ist wohl bloß der kleine; es sollen ja zwei sein.«

»Ja zwei sind es, und der andre war auch größer. Aber den haben sie ja zersprengt, und was nu noch davon da is, das is nicht viel, un is bloß Scheibenständer und Kugelfang, wenn die Rauener ihr Freischießen haben.«

»Aber im Granit kann sich doch keine Kugel fangen.«

»Is schon richtig. Aber das ist ja gerade das Gute. Sehen Sie, so'n richtiger Kugelfang is eigentlich gar kein Kugelfang. Das heißt, er is es zu sehr.«

»Wie denn?«

»Ja, wie soll ich es sagen? Es is damit wie mit dem Schiffsjungen, dem der silberne Teekessel ins Meer gefallen war, und der dann ärgerlich und pfiffig fragte: »Is das verloren, wovon man weiß, wo's is?« Und so kann man auch beim richtigen Kugelfang fragen. In'n Sand stecken sie drin, und jeder weiß ganz genau, wo sie sind. Aber weg sind sie doch. Und nun sehen Sie sich die klugen Rauener an! An den Granit schlägt die Kugel und klatsch, da liegt sie. Und wenn sie mit Schießen fertig sind, suchen sie die platten Kugeln wieder auf. Und liegen alle da wie die Pflaumenkerne.«

»Hören Sie, Moll, das gefällt mir. Können wir diesen Kugelfang nicht sehen? Ich meine den Stein.«

»O gewiß. Er liegt ja hier gleich nebenan. Und ich brauch' auch nicht abzusträngen. In den Sand hier stehen die Pferde wie 'ne Mauer.«

Diese prusteten und rieben sich vergnügt und wie zum Zeichen des Einverständnisses die Köpfe, Moll und ich aber gingen nach rechts in das Gehölz hinein, wo wir alsbald auch den andern Stein fanden, der mal der größere gewesen war. In seiner Front erkannt' ich leicht die beiden Erdwandungen einer mehr als hundert Schritt langen Schießallee, während sich am Stein selber unzählige Kugelspuren zeigten.

»Und dies ist also der große Stein. War er viel größer als der andere?«

»Nein, ich hab' ihn zwar nicht mehr gesehn, aber die Leute sagen es ja.«

»Was?«

»Nu, daß er nich viel größer war... Und so um die zwanziger Jahre rum wurd' er in drei Stücke gesprengt, gerad so wie Sie 'ne Birn' in drei Stücke schneiden: links 'ne Backe un rechts 'ne Backe, und in der Mitte das Mittelstück. Un aus 's Mittelstück haben sie ja nu die große Schale gemacht, die jetzt auf'n Berliner Lustgarten steht, und die linke Backe, das is das Stück, das wir hier sehen, un die rechte Backe, die werd' ich Ihnen nachher zeigen.«

»Ist es nötig, sie zu sehen?«

»Ja, die müssen Sie sehen. Ich zeig Ihnen alles, wie sich's gehört. Und es heißt auch die ›Schöne Aussicht‹.«

Alsbald saßen wir wieder in unsrem Wagen und fuhren jetzt im Zickzack auf eine sandige Höhe hinauf. An höchster Stelle hielten die Pferde wie von selbst und Moll sagte: »Hier ist es. Dies ist die ›Schöne Aussicht‹.«

»Und die Backe?«

»Die liegt hier.« Und dabei wies er auf ein sonderbares Granitmobiliar, das mich, auf den ersten Blick wenigstens, an Stonehenge erinnerte, jenen alten Druidenplatz in der Nähe von Salisbury, den man in Kunstatlassen und illustrierten Architekturgeschichten abgebildet findet. Im Quadrat standen vier Steinbänke, dazwischen präsentierte sich ein großer, runder Steintisch, alles aus dem Granitstück gefertigt, das man von dem Stein unten abgesprengt hatte.

Der Wagenplatz, auf dem ich saß, war höher als das Steinmobiliar und gönnte mir einen freieren Umblick. Alles in der Welt aber hat sein Gesetz, und wer auf der »Schönen Aussicht« ist, hat nun mal die Pflicht, sich auf den Steintisch zu stellen, um von ihm aus und nur von ihm aus die Landschaft zu mustern. Und so tat ich denn wie mir geboten und genoß auch von diesem niedrigen Standpunkt aus, eines immer noch entzückenden Rundblicks, ein weitgespanntes Panorama. Die Dürftigkeiten verschwanden, alles Hübsche drängte sich zusammen und nach Westen hin traten die Türme Berlins aus einem Nebelschleier hervor.

Aber mehr als die Fernsicht interessierte mich, was in verhältnismäßiger Nähe gelegen war, und ich rief Moll, auf daß er mir die Namen der bunt umhergestreuten Ortschaften nenne.

»Da der Turm hier hinten dem Rauenschen«, hob er ciceronehaft an, »is der von Markgraf-Piesk, und der hier unten über die Pieskesche Heide weg, das ist der von Schermeusel-Piesk.«

»Ich glaube, Sie spaßen.«

»I, wie werd' ich denn! Es gibt hier lauter solche Namen, un is einem orntlich ein bißchen genierlich.«

»Und hier links der Turm zwischen den zwei Pappeln?«

»Das is Pfaffendorf; na das geht noch. Aber das andere, gleich dicht daneben, das is Sauen, und hier rechts weg is 'ne Kolonie von des Alten Fritzen Zeiten her und heißt Schweinebraten!«

»Aber Moll, ist es denn möglich?«

»Ach Gott, hier is alles möglich. Und warum heißt es so? Weil sie keinen haben. Und wollen sich wenigstens einen vorstellen oder dran erinnern.«

»Aber warum sich erinnern an das, was man nicht haben kann. Ich finde, das ist gegen die Lebensweisheit. Freilich jeder hat so seine eigne. Und nun sagen Sie mir, das große Wasser hier vor uns, was ist das?«

»Das ist der Schermützel.«

»Ah, das ist schön. Und das daneben, das sind wohl die Güter, die die Löschebrands hier hatten?«

Er bejahte.

»Nun sehen Sie, da müssen wir hin. Ich denke mir, daß ich da vielerlei finden werde: Gräber und Türkenglocken, und Denkmäler und Inschriften. Und vielleicht auch einen Pfeiler mit ein paar eingemauerten Nonnen, oder 'ne Sakristei mit 'nem vergrabenen Schatz.«

Er lachte. »Nei, so viel finden Sie nich. Un 'nen vergrabenen Schatz erst recht nich. Oh, du meine Güte...«

»Nun, wir wollen sehen, Moll.«

Und damit fuhren wir weiter auf den Schermützel zu.




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 © textlog.de 2004 • 19.11.2017 09:56:55 •
Seite zuletzt aktualisiert: 28.10.2007 
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