Dritte Szene

Saal im herzoglichen Palast.

Der Herzog und die Senatoren an einer Tafel sitzend.


HERZOG.

In diesen Briefen fehlt Zusammenhang,

Der sie beglaubigt.

ERSTER SENATOR.

Jawohl, sie weichen von einander ab;

Mein Schreiben nennt mir hundertsechs Galeeren.

HERZOG.

Und meines hundertvierzig.

ZWEITER SENATOR.

Meins, zweihundert.

Doch stimmt die Zahl auch nicht genau zusammen –

Wie insgemein, wenn sie Gerüchte melden,

Der Inhalt abweicht –, doch erwähnen alle

Der türk'schen Flotte, die gen Cypern segelt.

HERZOG.

Gewiß, erwägen wir's, so scheint es glaublich;

Ich will mich nicht im Irrtum sicher schätzen,

Vielmehr den Hauptartikel halt' ich wahr,

Und Furcht ergreift mich.

MATROSE draußen.

Ho! hallo! hallo! –

 

Ein Beamter tritt auf, dem ein Matrose folgt.

 

BEAMTER.

Botschaft von den Galeeren!

HERZOG.

Nun? Was gibt's?

MATROSE.

Der Türken Kriegsbewegung geht auf Rhodus;

So ward mir Auftrag, dem Senat zu melden,

Vom Signor Angelo.

HERZOG.

Wie dünkt der Wechsel euch? –

ERSTER SENATOR.

So kann's nicht sein,

Nach keinem Grund und Fug; es ist 'ne Maske,

Den Blick uns fehl zu leiten. Denken wir,

Wie wichtig Cypern für den Türken sei,

Und wiederum, gestehn wir selber ein,

Daß, wie's dem Türken mehr verlohnt als Rhodus,

Er auch mit leichterm Aufwand sich's erobert,

Dieweil es nicht so kriegsgerüstet steht

Und aller Wehr und Festigkeit entbehrt,

Mit der sich Rhodus schirmt: wer dies erwägt,

Der wird den Türken nicht so töricht achten,

Das Nächstgelegne bis zuletzt zu sparen

Und, leichten Vorteil und Gewinn versäumend,

Nutzlos Gefahr zum Kampfe sich zu wecken.

HERZOG.

Ja, seid gewiß, er denkt an Rhodus nicht.

BEAMTER.

Seht! Neue Botschaft!

 

Ein Bote tritt auf.

 

BOTE.

Die Ottomanen, weise, gnäd'ge Herrn,

In gradem Lauf zur Insel Rhodus steuernd,

Vereinten dort sich mit der Nebenflotte.

ERSTER SENATOR.

Nun ja, so dacht' ich mir's; – wie stark an Zahl?

BOTE.

An dreißig Segel; und jetzt wenden sie

Rücklaufend ihren Lauf, und ohne Hehl

Gilt ihre Absicht Cypern. Herr Montano,

Eu'r sehr getreuer und beherzter Diener,

Entbeut, mit seiner Pflicht, Euch diese Nachricht,

Und hofft, Ihr schenkt ihm Glauben.

HERZOG.

Nach Cypern dann gewiß. –

Marcus Lucchese, ist er in Venedig? –

ERSTER SENATOR.

Er reiste nach Florenz.

HERZOG.

Schreibt ihm von uns; schnell, windschnell komm' er; eilt!

ERSTER SENATOR.

Hier kommt Brabantio und der tapfre Mohr.

 

Brabantio, Othello, Jago, Rodrigo und Gerichtsdiener treten auf.

 

HERZOG.

Tapfrer Othello, Ihr müßt gleich ins Feld

Wider den allgemeinen Feind, den Türken. –

 

Zu Brabantio.

 

Ich sah Euch nicht; willkommen, edler Herr!

Uns fehlt' Eu'r Rat und Beistand diese Nacht.

BRABANTIO.

Und Eurer mir, mein güt'ger Fürst, verzeiht mir!

Nicht Amtsberuf noch Nachricht von Geschäften

Trieb mich vom Bett; nicht allgemeine Sorge

Erfüllt mich jetzt: denn mein besondrer Gram

Gleich einer Springflut strömt so wild dahin,

Daß er verschluckt und einschlingt jede Sorge,

Nur seiner sich bewußt.

HERZOG.

Nun, was geschah? –

BRABANTIO.

O Tochter! Tochter!

ERSTER SENATOR.

Starb sie? –

BRABANTIO.

Ja, für mich.

Sie ist beschimpft, entführt mir und verderbt

Durch Hexenkünste und Quacksalbertränke;

Denn daß Natur so widersinnig irre,

Da sie nicht stumpf, noch blind, noch blöden Sinns,

Geschah nicht ohne Zauberkraft. –

HERZOG.

Wer es auch sei, der auf so schnödem Wege

So Eure Tochter um sich selbst betrog,

Und Euch um sie, – das blut'ge Buch des Rechts,

Ihr sollt es selbst in herbster Strenge deuten,

Nach eignem Sinn, und wär' es unser Sohn,

Den Eure Klage trifft.

BRABANTIO.

Ich dank' in Demut!

Hier dieser ist's, der Mohr, den jetzt, so scheint's,

Eu'r dringendes Gebot im Dienst des Staats

Hieher berief.

ALLE.

Das tut uns herzlich leid.

HERZOG zu Othello.

Was, Eurerseits, vermögt Ihr zu erwidern? –

BRABANTIO.

Nichts, als daß dies die Wahrheit.

OTHELLO.

Ehrwürd'ger, mächt'ger und erlauchter Rat,

Sehr edle, wohlerprobte, gute Herrn, –

Daß ich dem alten Mann die Tochter nahm,

Ist völlig wahr; wahr, sie ist mir vermählt.

Der Tatbestand und Umfang meiner Schuld

Reicht so weit, weiter nicht. Ich bin von rauhem Wort,

Und schlecht begabt mit milder Friedensrede.

Seit siebenjähr'ge Kraft mein Arm gewann,

Bis vor neun Monden etwa, übt' er stets

Nur Kriegestat im Felde wie im Lager;

Und wenig lernt' ich von dem Lauf der Welt,

Als was zum Streit gehört und Werk der Schlacht;

Drum wenig Schmuck wohl leih' ich meiner Sache,

Red' ich für mich. Dennoch, mit eurer Gunst,

Erzähl' ich schlicht und ungefärbt den Hergang

Von meiner Liebe; was für Tränk' und Künste,

Was für Beschwörung, welches Zaubers Kraft

– Denn solcher Mittel steh' ich angeklagt –

Die Jungfrau mir gewann.

BRABANTIO.

Ein Mädchen, schüchtern,

Von Geist so still und sanft, daß jede Regung

Errötend schwieg, – die sollte, trotz Natur

Und Jugend, Vaterland und Stand, und allem,

Das lieben, was ihr Grauen schuf zu sehn? –

Ein krankes Urteil wär's, ein unvollkommnes,

Das wähnt', es irre so Vollkommenheit,

Ganz der Natur entgegen: schwören muß man,

Daß nur des Teufels Kunst und List dies alles

Zu tun vermocht. Noch einmal denn behaupt' ich,

Daß er mit Tränken, ihrem Blut verderblich,

Und Zauberkraft, geweiht zu solchem Bann,

Auf sie gewirkt.

HERZOG.

Behauptung, nicht Beweis:

Steht Euch kein klarer Zeugnis zu Gebot,

Als solch unhaltbar Meinen, solch armsel'ger

Scheingrund ihn zu beschuldigen vermag?

ERSTER SENATOR.

Doch sagt, Othello:

Habt Ihr durch Nebenweg' und künstlich zwingend

Der Jungfrau Sinn erobert und vergiftet?

Oder durch Antrag und erlaubtes Werben,

Wie Herz an Herz sich wendet? –

OTHELLO.

Ich ersuch' euch,

Zum »Schützen« sendet, ruft das Fräulein her,

Und vor dem Vater mag sie von mir zeugen!

Und werd' ich falsch erfunden durch ihr Wort:

Nicht nur Vertraun und Amt, das ihr mir gabt,

Mögt ihr mir nehmen, ja es treff' eu'r Spruch

Mein Leben selbst.

HERZOG.

Holt Desdemona her!

 

Einige vom Gefolge gehen hinaus.

 

OTHELLO.

Fähndrich, geht mit, Ihr wißt den Ort am besten.

 

Jago ab.

 

Und bis sie kommt, so wahr, wie ich dem Himmel

Bekenne meines Blutes sünd'ge Fehle,

So treulich meld' ich euerm ernsten Ohr,

Wie ich gewann der schönen Jungfrau Herz,

Und sie das meine.

HERZOG.

Sprecht, Othello!

OTHELLO.

Ihr Vater liebte mich, lud oft mich ein,

Erforschte meines Lebens Lauf von Jahr

Zu Jahr: die Schlachten, Stürme, Schicksalswechsel,

So ich bestand.

Ich ging es durch, vom Knabenalter her,

Bis auf den Augenblick, wo er gefragt.

So sprach ich denn von manchem harten Fall,

Von schreckender Gefahr zu See und Land;

Wie ich ums Haar dem droh'nden Tod entrann;

Wie mich der stolze Feind gefangen nahm,

Und mich als Sklav' verkauft; wie ich erlöst

Und meiner Reisen wundervolle Fahrt:

Wobei von weiten Höhlen, wüsten Steppen,

Steinbrüchen, Felsen, himmelhohen Bergen

Zu melden war im Fortgang der Geschichte;

Von Kannibalen, die einander schlachten,

Anthropophagen, Völkern, deren Kopf

Wächst unter ihrer Schulter: das zu hören

War Desdemona eifrig stets geneigt.

Oft aber rief ein Hausgeschäft sie ab;

Und immer, wenn sie eilig dies vollbracht,

Gleich kam sie wieder, und mit durst'gem Ohr

Verschlang sie meine Rede. Dies bemerkend,

Ersah ich einst die günst'ge Stund' und gab

Ihr Anlaß, daß sie mich recht herzlich bat,

Die ganze Pilgerschaft ihr zu erzählen,

Von der sie stückweis einzelnes gehört,

Doch nicht in strenger Folge. Ich begann,

Und oftmals hatt' ich Tränen ihr entlockt,

Wenn ich ein leidvoll Abenteu'r berichtet

Aus meiner Jugend. Als ich nun geendigt,

Gab sie zum Lohn mir eine Welt von Seufzern:

Sie schwur – in Wahrheit, seltsam! Wunderseltsam!

Und rührend war's! unendlich rührend war's! –

Sie wünschte, daß sie's nicht gehört; doch wünschte sie,

Der Himmel habe sie als solchen Mann

Geschaffen, und sie dankte mir, und bat mich,

Wenn je ein Freund von mir sie lieben sollte,

Ich mög' ihn die Geschicht' erzählen lehren,

Das würde sie gewinnen. Auf den Wink

Erklärt' ich mich:

Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand;

Ich liebte sie um ihres Mitleids willen:

Das ist der ganze Zauber, den ich brauchte;

Hier kommt das Fräulein, laßt sie dies bezeugen!

 

Desdemona, Jago und Gefolge treten auf.

 

HERZOG.

Nun, die Geschichte hätt' auch meine Tochter

Gewonnen. Würdiger Brabantio,

Nehmt, was versehn ward, von der besten Seite:

Man ficht doch lieber mit zerbrochnem Schwert,

Als mit der bloßen Hand.

BRABANTIO.

Hört sie, ich bitt' Euch:

Bekennt sie, daß sie halb ihm kam entgegen,

Fluch auf mein Haupt, wenn meine bittre Klage

Den Mann verunglimpft! – Komm her, junge Dame:

Wen siehst du hier in diesem edlen Kreis,

Dem du zumeist Gehorsam schuldig bist?

DESDEMONA.

Mein edler Vater,

Ich sehe hier zwiefach geteilte Pflicht:

Euch muß ich Leben danken und Erziehung,

Und Leben und Erziehung lehren mich

Euch ehren; Ihr seid Herrscher meiner Pflicht,

Wie ich Euch Tochter. Doch hier steht mein Gatte,

Und so viel Pflicht, als meine Mutter Euch

Gezeigt, da sie Euch vorzog ihrem Vater,

So viel muß ich auch meinem Gatten widmen,

Dem Mohren, meinem Herrn.

BRABANTIO.

Gott sei mit dir!

Ich bin zu Ende –

Geliebt's Eu'r Hoheit, jetzt zu Staatsgeschäften –

O zeugt' ich nie ein Kind, und wählt' ein fremdes! –

Tritt näher, Mohr! –

Hier geb' ich dir von ganzem Herzen hin,

Was, hätt'st du's nicht, ich dir von ganzem Herzen

Verweigerte. – Um deinetwillen, Kleinod,

Erfreut's mich, daß kein zweites Kind mir ward;

Durch deine Flucht wär' ich tyrannisch worden,

Und legt' ihr Ketten an. – Ich bin zu Ende.

HERZOG.

Ich red' an Eurer Statt und fäll' ein Urteil,

Das einer Staffel gleich den Liebenden

Behülflich sei.

Wem nichts mehr hilft, der muß nicht Gram verschwenden,

Und wer das Schlimmste sah, die Hoffnung enden;

Unheil beklagen, das nicht mehr zu bessern,

Heißt um so mehr das Unheil nur vergrößern.

Was nicht zu retten, laß dem falschen Glück,

Und gib Geduld für Kränkung ihm zurück!

Zum Raube lächeln, heißt den Dieb bestehlen,

Doch selbst beraubst du dich durch nutzlos Quälen.

BRABANTIO.

So mögt Ihr Cypern nur den Türken gönnen;

Wir haben's noch, solang' wir lächeln können.

Leicht trägt den Spruch, wen andre Last nicht drückt,

Und wen der selbstgefundne Trost erquickt;

Doch fühlt er sein Gewicht bei wahren Sorgen,

Wenn's gilt, von der Geduld die Zahlung borgen.

Bitter und süß sind all derlei Sentenzen,

Die, so gebraucht, an Recht und Unrecht grenzen;

Doch Wort bleibt Wort – noch hab' ich nie gelesen,

Daß durch das Ohr ein krankes Herz genesen.

– Ich bitt' Euch inständig, gehn wir an die Staatsgeschäfte!

HERZOG. Der Türke segelt mit gewaltiger Kriegsrüstung gegen Cypern. Othello, Euch ist die Festigkeit des Orts am besten bekannt, und obgleich wir dort einen Statthalter von unbestrittner Fähigkeit besitzen, so hegt doch die öffentliche Meinung, jene unbeschränkte Gebieterin des Erfolgs, eine größere Zuversicht zu Euch. Ihr müßt Euch deshalb gefallen lassen, den Glanz Eures neuen Glücks durch diese rauhe und stürmische Unternehmung zu verdunkeln.

OTHELLO.

Die eiserne Gewohnheit, edle Herrn,

Schuf mir des Krieges Stahl- und Felsenbett

Zum allerweichsten Flaum; ich rühme mich

Natürlicher und rascher Munterkeit

Im schwersten Ungemach, und bin bereit

Zum jetz'gen Feldzug mit dem Muselmann.

In Demut drum mich neigend dem Senat,

Verlang' ich Sorg' und Schutz für mein Gemahl,

Anständ'ge Rücksicht ihrem Rang und Aufwand,

Und solche Wohnung, solche Dienerschaft,

Als ihrem Stand geziemt.

HERZOG.

Wenn's Euch genehm,

Bei ihrem Vater.

BRABANTIO.

Nimmer geb' ich's zu.

OTHELLO.

Noch ich.

DESDEMONA.

Noch ich; nicht gern verweilt' ich dort

Und reizte meines Vaters Ungeduld,

Wär' ich ihm stets vor Augen. – Güt'ger Fürst,

Leiht meinem Vortrag ein geneigtes Ohr,

Und laßt mir Eure Gunst als Freibrief gelten,

Mein schüchtern Wort zu kräft'gen!

HERZOG.

Was wünscht Ihr, Desdemona?

DESDEMONA.

Daß ich den Mohren liebt', um ihm zu leben,

Mag meines Glücks gewaltsam jäher Sturm

Der Welt zurufen: ja, mein Herz ergab sich

Ganz unbedingt an meines Herrn Beruf.

Mir war Othellos Antlitz sein Gemüt,

Und seinem Ruhm, und seinem Heldensinn

Hab' ich die Seel' und irdisch Glück geweiht.

Drum, würd'ge Herrn, läßt man mich hier zurück,

Als Friedensmotte, weil er zieht ins Feld,

So raubt man meiner Liebe teures Recht,

Und läßt mir eine schwere Zwischenzeit,

Dem Liebsten fern: drum laßt mich mit ihm ziehn!

OTHELLO.

Stimmt bei, ihr Herrn: ich bitt' euch drum; gewährt

Ihr freie Willkür!

Der Himmel zeuge mir's, dies bitt' ich nicht,

Den Gaum zu reizen meiner Sinnenlust,

Noch heißem Blut zu Liebe (jungen Trieben

Selbstsücht'ger Lüste, die jetzt schweigen müssen), –

Nur ihrem Wunsch willfährig hold zu sein;

Und Gott verhüt', eu'r Edeln möchten wähnen,

Ich werd' eu'r ernst und groß Geschäft versäumen,

Weil sie mir folgt – Nein, wenn der leere Tand

Des flücht'gen Amor mir mit üpp'ger Trägheit

Des Geistes und der Tatkraft Schärfe stumpft,

Und mich Genuß entnervt und schwächt mein Wirken,

Mach' eine Hausfrau meinen Helm zum Kessel,

Und jedes niedre und unwürd'ge Zeugnis

Erstehe wider mich und meinen Ruhm! –

HERZOG.

Es sei, wie ihr's mitsammen festgesetzt:

Sie folg' Euch, oder bleibe; das Geschäft

Heischt dringend Eil' – zu Nacht noch müßt Ihr fort.

DESDEMONA.

Heut nacht, mein Fürst?

HERZOG.

Heut nacht.

OTHELLO.

Von ganzem Herzen.

HERZOG.

Um neun Uhr früh versammeln wir uns wieder.

Othello, laßt 'nen Offizier zurück,

Der Eure Vollmacht Euch kann überbringen,

Und was noch sonst Eu'r Amt und Dienstverhältnis

Betrifft.

OTHELLO.

Gefällt's Eu'r Hoheit, hier mein Fähndrich;

Er ist ein Mann von Ehr' und Redlichkeit.

Und seiner Führung lass' ich meine Frau,

Und was Eu'r Hoheit sonst für nötig achtet,

Mir nachzusenden.

HERZOG.

So mag es sein. – Gut' Nacht jetzt insgesamt!

 

Zu Brabantio.

 

Und, würd'ger Herr,

Wenn man die Tugend muß als schön erkennen,

Dürft Ihr nicht häßlich Euern Eidam nennen.

ERSTER SENATOR.

Lebt wohl, Mohr! Liebt und ehret Desdemona!

BRABANTIO.

Sei wachsam, Mohr! Hast Augen du zu sehn:

Den Vater trog sie, so mag dir's geschehn!

 

Herzog und Senatoren ab.

 

OTHELLO.

Mein Kopf für ihre Treu'! Hör', wackrer Jago,

Ich muß dir meine Desdemona lassen;

Ich bitt' dich, gib dein Weib ihr zu Gesellschaft,

Und bringe sie mir nach, sobald du kannst. –

Komm, Desdemona: nur ein Stündchen bleibt,

Der Lieb' und unserm häuslichen Geschäft

Zu widmen uns: laß uns der Zeit gehorchen!

 

Othello und Desdemona ab.

 

RODRIGO. Jago. –

JAGO. Was sagst du, edles Herz? –

RODRIGO. Was werd' ich jetzt tun, meinst du?

JAGO. Nun, zu Bette gehn und schlafen.

RODRIGO. Auf der Stelle ersäufen werd' ich mich.

JAGO. Nun, wenn du das tust, so ist's mit meiner Freundschaft auf ewig aus. Ei, du alberner, junger Herr!

RODRIGO. Es ist Albernheit, zu leben, wenn das Leben eine Qual wird, und wir haben die Vorschrift, zu sterben, wenn Tod unser Arzt ist.

JAGO. O über die Erbärmlichkeit! Ich habe der Welt an die viermal sieben Jahre zugesehn, und seit ich einen Unterschied zu finden wußte zwischen Wohltat und Beleidigung, bin ich noch keinem begegnet, der's verstanden hätte, sich selbst zu lieben. Eh' ich sagte, ich wollte mich einem Puthühnchen zu Liebe ersäufen, eh' tauscht' ich meine Menschheit mit einem Pavian.

RODRIGO. Was soll ich tun? Ich gestehe, es macht mir Schande, so sehr verliebt zu sein; aber meine Tugend reicht nicht hin, dem abzuhelfen.

JAGO. Tugend! Abgeschmackt! – In uns selber liegt's, ob wir so sind, oder anders. Unser Körper ist ein Garten, und unser Wille der Gärtner, so daß, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen, Ysop aufziehn oder Thymian ausjäten, ihn dürftig mit einerlei Kraut besetzen oder mit mancherlei Gewächs aussaugen, ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten, – ei, das Vermögen dazu und die bessernde Macht liegt durchaus in unserm freien Willen. Hätte der Waagbalken unsres Lebens nicht eine Schale von Vernunft, um eine andre von Sinnlichkeit aufzuwiegen, so würde unser Blut und die Bösartigkeit unsrer Triebe uns zu den ausschweifendsten Verkehrtheiten führen; aber wir haben die Vernunft, um die tobenden Leidenschaften, die fleischlichen Triebe, die zügellosen Lüste zu kühlen, und daraus schließe ich: was du Liebe nennst, sei ein Pfropfreis, ein Ableger.

RODRIGO. Das kann nicht sein.

JAGO. Es ist nur ein Gelüst des Bluts, eine Nachgiebigkeit des Willens. Auf! Sei ein Mann! Dich ersäufen? Ersäufe Katzen und junge Hunde! Ich nenne mich deinen Freund und erkläre mich an dein Verdienst geknüpft mit dem Ankertau der ausdauerndsten Festigkeit; nie konnte ich dir besser beistehn als jetzt. Tu' Geld in deinen Beutel, zieh' mit in diesen Krieg, verstelle dein Gesicht durch einen falschen Bart; ich sage dir: tu' Geld in deinen Beutel! Es ist undenkbar, daß Desdemona den Mohren auf die Dauer lieben sollte, – tu' Geld in deinen Beutel! – noch der Mohr sie – es war ein gewaltsames Beginnen, und du wirst sehn, die Katastrophe wird eine ähnliche sein. Tu' nur Geld in deinen Beutel: – so ein Mohr ist veränderlich in seinen Neigungen; fülle deinen Beutel mit Geld; – die Speise, die ihm jetzt so würzig schmeckt als Süßholz, wird ihn bald bittrer dünken als Koloquinthen. Sie muß sich ändern, denn sie ist jung, und hat sie ihn erst satt, so wird sie den Irrtum ihrer Wahl einsehn. Sie muß Abwechslung haben, das muß sie; darum tu' Geld in deinen Beutel! Wenn du durchaus zum Teufel fahren willst, so tu' es auf angenehmerem Wege als durch Ersäufen! Schaff' dir Geld, so viel du kannst! Wenn des Priesters Segen und ein hohles Gelübde zwischen einem abenteuernden Afrikaner und einer überlistigen Venetianerin für meinen Witz und die ganze Sippschaft der Hölle nicht zu hart sind, so sollst du sie besitzen; darum schaff' dir Geld! Zum Henker mit dem Ersäufen! Das liegt weit ab von deinem Wege. Denke du lieber drauf zu hängen, indem du deine Lust büßest, als dich zu ersäufen und sie fahren zu lassen!

RODRIGO. Soll ich meine Hoffnung auf dich bauen, wenn ich's drauf wage? –

JAGO. Auf mich kannst du zählen; – geh, schaffe dir Geld; – ich habe dir's oft gesagt, und wiederhole es aber und abermals, ich hasse den Mohren; mein Grund kommt von Herzen, der deinige liegt ebenso tief: laß uns fest in unsrer Rache zusammen halten! Kannst du ihm Hörner aufsetzen, so machst du dir eine Lust, und mir einen Spaß. Es ruht noch manches im Schoß der Zeit, das zur Geburt will. Grade durch! – Fort! Treib' dir Geld auf! Wir wollen es morgen weiter verhandeln. Leb wohl! –

RODRIGO. Wo treffen wir uns morgen früh?

JAGO. In meiner Wohnung.

RODRIGO. Ich werde zeitig dort sein.

JAGO. Gut, leb wohl! – Höre doch, Rodrigo!

RODRIGO. Was sagst du? –

JAGO. Nichts von Ersäufen! Hörst du? –

RODRIGO. Ich denke jetzt anders. Ich will alle meine Güter verkaufen.

JAGO.

Nur zu; tu' nur Geld genug in deinen Beutel!

 

Rodrigo ab.

 

So muß mein Narr mir stets zum Seckel werden:

Mein reifes Urteil würd' ich ja entweihn,

Vertändelt' ich den Tag mit solchem Gimpel,

Mir ohne Nutz und Spaß. – Den Mohren hass' ich;

Die Rede geht, er hab' in meinem Bett

Mein Amt verwaltet – möglich, daß es falsch:

Doch ich, auf bloßen Argwohn in dem Fall,

Will tun, als wär's gewiß. Er hat mich gern:

Um so viel besser wird mein Plan gedeihn.

Der Cassio ist ein hübscher Mann – laßt sehn!

Sein Amt erhaschen, mein Gelüste büßen, –

Ein doppelt Schelmstück! Wie nur? Laßt mich sehn: –

Nach ein'ger Zeit Othellos Ohr betören,

Er sei mit seinem Weibe zu vertraut –

Der Bursch ist wohlgebaut, von schmeid'ger Art,

Recht für den Argwohn, recht den Frau'n gefährlich.

Der Mohr nun hat ein grad' und frei Gemüt,

Das ehrlich jeden hält, scheint er nur so;

Und läßt sich sänftlich an der Nase führen,

Wie Esel tun.

Ich hab's, es ist erzeugt; aus Höll' und Nacht

Sei diese Untat an das Licht gebracht!

 

Er geht ab.

 


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 07:54:19 •
Seite zuletzt aktualisiert: 06.10.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright