Natur und Kopie


[A 70] Die Kritiker lehren uns, uns an die Natur zu halten, und die Schriftsteller lesen es, sie halten es aber immer für sicherer, sich an Schriftsteller zu halten, die sich an die Natur gehalten haben. Die meisten lesen die Regeln des Home und wenn sie schreiben wollen, denken sie an eine Stelle des Shakespeare. Es ist freilich gut, ein so großes Original vor Augen zu haben, allein es ist klar, dass, wenn man eine solche Kopie nicht erreicht, die Entfernung davon nach der Seite zu geschieht, die von der Natur noch weiter abweicht, oder es muß ein großes Genie sein, das sich der Natur noch mehr nähert als die erste Kopie derselben. Geschieht aber dieses, so muß notwendig der Verfasser mehr die Natur als die Kopie zu erreichen gesucht haben, und man kann eigentlich alsdann nicht mehr sagen, dass er nach einer Malerei gezeichnet hat, sondern er bedient sich derselben nur so, wie man sich in der praktischen Geometrie des Augenmaßes zuweilen bedient, Messungen zu probieren, nicht um dadurch überhaupt zu sehen, ob man genau gemessen hat, sondern zu sehen, ob man nicht durch einen Irrtum in der Rechnung einen Fehler begangen hat, der die Hälfte des Gesuchten beträgt.

 


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