§ 18. Euklid und die Megariker.


1. Euklid und seine Schüler (die »Eristiker«).

 

Einer der ältesten und treuesten Schüler des Sokrates war Euklid (Eukleides) von Megara (nicht zu verwechseln mit dem um 300 zu Alexandria lebenden Mathematiker gleichen Namens). Er besuchte den Meister auch dann, als die dorischen Megarer den Aufenthalt in dem feindlichen Athen bei Todesstrafe untersagt hatten, und öffnete nach Sokrates' Tod den flüchtigen Freunden sein Haus in Megara. Dort entstand seine, wie es scheint, durch das ganze 4. Jahrhundert hindurch blühende Schule. Von seiner Lehre wissen wir leider sehr wenig, zumal da es streitig ist, ob die in Platos Dialog Sophistes 246 ff. entwickelte Lehre auf ihn zu beziehen ist. Nur das scheint sicher, dass Euklid eine Verbindung des eleatischen' En mit dem sokratischen' Agathon erstrebte, somit die »eleatische Metaphysik ethisierte, die sokratische Ethik objektivierte« (Gomperz). Es gibt, lehrte er, nur ein Seiendes, nämlich das Gute, das unveränderlich und sich selbst gleich ist, wenn es auch mit verschiedenen Namen wie Einsicht, Gott, Vernunft u. a. genannt wird.

Gegner dieser Ansicht, welche die Unvereinbarkeit einer solchen Einheit mit der tatsächlichen Vielheit der Einzeldinge betonten, suchte Euklid, mehr noch dann seine Schüler, die Megariker, in Zenos (§ 6) Art durch scharfsinnige Dialektik zu bekämpfen.

Diodoros Kronos aus Karien (• 307) z.B. suchte die zenonischen Beweise gegen die Bewegung noch zu verstärken und den Begriff der Möglichkeit aufzuheben, indem er behauptete: Nur das Notwendige sei wirklich, möglich aber nur, was wirklich sei oder doch wirklich sein werde.

Wegen ihrer Vorliebe für solche Polemik erhielten die Megariker den Beinamen »Eristiker« (Streithähne). Von den sogenannten »Fangschlüssen«, deren sie sich dabei gern bedienten, waren besonders berühmt:

1. der Sorites (= Kornhaufen): Ein Körnchen bewirkt keinen Haufen, 2-3 auch nicht; wann fängt der Haufen an? 2. Der »Gehörnte«, dem wir bereits bei der Sophistik (§ 12) begegnet sind. 3. Der »Lügnerü: Ist es eine Lüge, wenn man lügt und dabei sagt, dass man lüge? Die Disputation über solche Fangschlüsse gehörte zu den Lieblingsbeschäftigungen der alten Griechen. So soll über die Auflösung des »Lügners« Theophrast drei, Chrysipp zwölf Bücher geschrieben haben und Philetas von Kos gar an den vergeblichen Anstrengungen zur Lösung gestorben sein.

 

2. Stilpon aus Megara,

 

der um 330 v. Chr. zu Athen lehrte, verband die megarische mit der zynischen Lehre. Von ersterem Standpunkte aus bekämpfte er die platonische Ideenlehre. In der Ethik huldigte er einem gemilderten Zynismus und stellte die Leidenschaftslosigkeit (Apathie, apatheia) als höchstes Ziel des Weisen auf. Um seiner Vorträge und seiner Sittenreinheit willen war er hochgeachtet in ganz Griechenland. Sein und des Krates Schüler Zeno von Kition begründete die stoische Schule (§ 36). Auch die ersten Skeptiker, Pyrrhon und Timon, scheinen Anregungen von ihm empfangen zu haben.

 

3. Andere Abzweigungen.

 

Mit der megarischen war die elische Schule verwandt. Sie ward begründet durch Phaidon (Phädo), den bekannten Lieblingsschüler des Sokrates, dessen Namen Plato durch den nach ihm benannten Dialog unsterblich gemacht hat. Doch wissen wir über seine Lehre nichts Bestimmteres.

Der edle und gastfreundliche Philosoph und Staatsmann Menedemos verpflanzte um 300 die elisch-megarische Lehre, mit Stilpos ethischem Zynismus durchsetzt, nach seiner Heimat Eretria auf Euböa. Nach Cicero erblickten diese »Eretriker« das höchste Gut in der Geistesschärfe; sie scheinen einen gesunden Wissenschaftssinn gepflegt zu haben.

Eine dauernde philosophische Nachwirkung hat die megarisch-eretrische Schule nicht erzielt, während die cyrenaische und zynische in Epikureismus und Stoa ihre bedeutendere Fortsetzung fanden. Unter den »einseitigen Sokratikern« befinden sich kultur- und sittengeschichtlich höchst interessante Gestalten, die zum Teil bereits ganz moderne Gedanken geäußert haben. Dagegen erscheint ihre Philosophie vom methodischen Standpunkt aus ziemlich wertlos. Eine wissenschaftliche Begründung des Einzigen, was sie mit Eifer treiben, der Ethik, wozu Sokrates schon den Anlauf genommen, geben sie auf, um sich ganz der Moralpredigt, nach der einen oder anderen Seite hin, zu widmen. Wenn auch in ethischer Beziehung den Sophisten zum Teil ganz entgegengesetzt, sind sie theoretisch kaum über dieselben hinausgekommen, wie sich in der protagoreischen Erkenntnislehre des Aristipp, der gorgianischen des Antisthenes, der Eristik der Megariker zeigt. Durch sie lernen wir den einzigen Schüler des Sokrates nur um so höher schätzen, der den Meister nicht bloß voll begriff, sondern an philosophischer Vertiefung übertraf, den ersten Schöpfer eines großen philosophischen Systems, den Begründer des Idealismus: Plato.


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