§ 26. Platons Schule oder die ältere Akademie.


Die von Platon gestiftete wissenschaftliche Genossenschaft, die unter dem Namen »Akademie« an der durch den Meister geweihten Stätte blieb, hat sich durch ihre feste Organisation länger als irgendeine andere antike Philosophenschule, fast ein Jahrtausend, erhalten. Freilich nur unter mannigfacher Umbildung der Lehre. Man unterscheidet in dieser Beziehung unter den vorchristlichen Platonikern drei Richtungen: die ältere, mittlere und neuere Akademie. Die beiden letzteren gehören indes erst der nacharistotelischen Periode der griechischen Philosophie an (s. § 43). Als Scholarchen oder Schulhäupter der älteren Akademie werden genannt: Platos Neffe Speusippos (347-339), Xenokrates (339-314), Polemon (314-270) und Krates. Neben ihnen ragten Heraklides der Pontiker, Philipp von Opus, Hermodor und Krantor hervor.

Gemeinsam ist diesen älteren Akademikern einmal, dass sie die mystischen Neigungen und pythagorisierenden Tendenzen von Platons Alter, kurz das weniger Dauerhafte in Platos Lehre pflegen und weiter ausbilden, während die erkenntnistheoretische Grundrichtung der Ideenlehre zurücktritt, und zweitens, dass sie sich, ähnlich den »unvollkommenen Sokratikern«, vorzugsweise den praktisch-ethischen Untersuchungen (meist mit religiöser Färbung) zuwenden. Übrigens läßt die hier wieder beginnende Dürftigkeit der Überlieferung keine genauere Charakteristik dieser »unvollkommenen Platoniker«, wie ich sie nennen möchte, zu.

Ein von Speusippos erhaltenes Bruchstück klingt ganz pythagoreisch. Die höchste Realität schreibt er nicht den Ideen, sondern den Zahlen zu. Das Gute erscheint ihm nicht als Urgrund und Anfang, sondern als Endzweck und dereinstiger Entwicklungsabschluß des Sinnlichen und Unvollkommenen. Im übrigen scheint er eifrig biologische Studien getrieben zu haben, deren Ergebnisse er in einem größeren Werke über die Ähnlichkeiten (Homoia) zusammenfaßte. Sein Nachfolger Xenokrates (eine Sammlung der Fragmente nebst Darstellung der Lehre gibt R. Heinze, Leipzig 1892) wird als eine ernste und strenge, wenn auch im Denken etwas schwerfällige, Persönlichkeit gerühmt. Die Ideen oder (!) Zahlen gehen ihm aus dem Urgrund des Einen und der unbestimmten Zweiheit hervor, aus ihnen die sich selbstbewegende Weltseele, aus dieser wiederum eine unendliche. Stufenreihe von Kräften und Wesen, die zum Teil mit den Namen von Göttern und Dämonen bezeichnet werden, bis hinab zu dem Niedersten und Unvollkommensten. Auch die menschliche Seele ist ihm eine sich selbst bewegende Zahl. Er hat die Philosophie zuerst in Physik, Logik und Ethik gegliedert. Ähnliches wie er lehrte Philipp von Opus, der höchstwahrscheinlich die gewöhnlich hinter Platos Gesetzen abgedruckte Epinomis verfaßt und ersteres Werk herausgegeben, vielleicht auch überarbeitet hat.

Wichtiger als ihre an Platons Timäus sich anlehnende phantastische Metaphysik sind die mathematischen und astronomischen Leistungen dieser Platoniker, von denen der vielseitige Heraklides bereits die tägliche Achsendrehung der Erde und den Stillstand des Fixsternhimmels gelehrt hat. Populäre Ethik trieben außer Xenokrates namentlich der zum Zynismus neigende Polemon und Krantor, letzterer zugleich der früheste Ausleger des Timäus und Verfasser einer von Cicero gerühmten Trostschrift »Über die Trauer«. Wie viel wissenschaftliches Streben und sittliche Tüchtigkeit aber auch in diesen wackeren Männern der älteren Akademie gewohnt haben mag, so hat doch keiner von ihnen die Weiterentwicklung der Philosophie nennenswert gefördert. Der bedeutendste von Platos Schülern schied verhältnismäßig früh aus dem Schulverbande und stellte ein eigenes System auf: Aristoteles.


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