Assoziation - Wundt, Kulpe, Jerusalem, Stein


HÖFFDING entfernt sieh schon von der reinen Assoziationspsychologie, indem er eine synthetische Tätigkeit des Bewußtseins annimmt. Das Gefühl und damit auch der Trieb, der Wille erweist sich bei der Assoziation mit wirksam (Psych.2, S. 445 ff.). Die Assoziationen erfolgen (besonders) nach Ähnlichkeit, (auch nach) Berührung, Verhältnis von Teil und Ganzem (l.c. S. 208 ff.; Vierteljahrsschr. f. w. Ph. Bd. 13-14; Phil. Stud. Bd. V); dagegen erkennt A. LEHMANN nur das Berührungs-Prinzip an (Phil. Stud. Bd. VII-VIII). ZIEGLER betrachtet als das »Bestimmende und Ausschlaggebende« der Assoziation das Gefühl (D. Gef.2, S. 152). »Solche Vorstellungen werden reproduziert, welche mit unsern jeweiligen Stimmungen und Gefühlen harmonieren, dadurch selbst Gefühlswert erhalten und durch diesen sich eben jetzt den Eintritt in das Bewußtsein erzwingen. Und fürs zweite: Was einmal zusammen unser Interesse erregt hat, uns angenehm oder unangenehm war, das kehrt auch zusammen wieder« (l.c. S. 151). Ähnlich WINDELBAND. »In dem Turniere des Seelenlebens sind die Vorstellungen nur die Masken, hinter denen sich die wahren Streiter, die Gefühle, vor dem Auge des Bewußtseins verbergen« (Prälud. S. 190 ff.). Auf den Willen führt die Assoziation schon SCHOPENHAUER zurück: »Was aber die Gesamtorganisation selbst... in Tätigkeit versetzt, ist in letzter Instanz oder im Geheimen unsers Innern der Wille« (W. a. W. u. V. Bd. II, C. 14). Die Assoziation beruht »entweder auf einem Verhältnis von Grund und Folge... oder aber auf Ähnlichkeit, auch bloßer Analogie; oder endlich auf Gleichzeitigkeit..., welche wieder in der räumlichen Nachbarschaft ihren Grund haben kann« (ib.). O. LIEBMANN ist Gegner der Assoziationspsychologie (Anal. d. Wirkl.2, S. 466, vgl. S. 435 ff.), auch L. BUSSE. RENOUVIER führt die Assoziation auf die Gewohnheit, die »loi de l'habitude«, zurück (Nouv. Monadol. p. 83 f.). Nach E. V. HARTMANN fällt der Assoziationsvorgang als kausaler Prozess ins bewußtseinstranszendente Gebiet (Mod. Psych.). Materielle und psychische Ursachen kooperieren dabei (Ph. d. Unb.10, I, 245 f., III, 101 ff.). Die psychische Ursache ist in den Interessen und Willenslichtungen, welche der Auswahl der Vorstellungen bestimmte Ziele stecken, zu suchen (l.c. I, 246 f., III, 123 f.). Die bewußte Vorstellung wirkt nur als Motiv mit, welches den Willen zur Produktion einer anderen Vorstellung auslöst (Mod. Psych. S. 133).

Dazu kommen moleculare Gehirndispositionen, körperlich bedingte Stimmungen (Ph. d. Unb.10, I, 245 f., III, 101 f.). Die physiologische Assoziationstheorie »hat darin Recht, daß die Regelmäßigkeit in dem unmittelbaren Zusammenhang der Bewußtseinsinhalte nur ein passives Ergebnis aus gesetzmäßigen Vorgängen ist, die sich hinter dem Bewußtsein abspielen, und daß ein wesentlicher Faktor des gegebenen Produkts in der physiologischen Grundlage des bewußten Geistes zu suchen ist; aber sie hat unrecht, indem sie einen Faktor für die Gesamtheit der Faktoren hält und aus ihm allein das Produkt erklären will« (Mod. Psych. S. 171).

WUNDT betont zunächst, »daß den gewöhnlich allein so genannten Assoziationen zusammengesetzter Vorstellungen elementarere Assoziationsprozesse zwischen ihren Bestandteilen vorausgehen« und daß die gewöhnlichen Assoziationen »nur die komplexen Produkte solcher elementarer Assoziationen sein können« (Gr. d. Psych.5, S. 269). »Mit dieser doppelten Folgerung schwindet dann zugleich Jede Berechtigung, diejenigen elementaren Verbindungen, deren Produkte nicht sukzessive, sondern simultane Vorstellungen sind, von dem Begriff der Assoziation auszuschließen, und ebenso liegt durchaus kein Grund für die Beschränkung dieses Begriffs auf die Vorstellungsprozesse vor« (ib.). Die simultanen Assoziationen sind: die Verschmelzung, die Assimilation, die Komplikation (s d. a.). Die sukzessive Assoziation unterscheidet sich von der simultanen »nur durch die Nebenbedingung, da, der Verbindungsvorgang, welcher dort in einem zeitlich für die unmittelbare Beobachtung unteilbaren Acte vor sich geht, hier eine Verzögerung erfährt, vermöge deren er sich deutlich in zwei Acte sondert. Der erste dieser Acte entspricht dem Auftreten der reproduzierenden, der zweite dem der reproduzierten Elemente« (l.c. S. 289). Seltener kommt es zu einer ganzen Assoziationsreihe (l.c. S. 284). Die sukzessiven Assoziationen liegen den sinnlichen Wiedererkennungs- und Erkennungsvorgängen (s. d.) sowie den Erinnerungsvorgängen (s. d.) zugrunde (»Erinnerungsassoziation«). Die »mittelbare Assoziation« ist nicht prinzipiell von den gewöhnlichen Assoziationen unterschieden. Nur kann die Vermittlung unter unbewußt oder bewußt erfolgen; im ersten Falle hat man es mit »latenten Assoziationen« zu tun (l.c. S. 291 f.; vgl. SCRIPTURE, Phil. Stud. VII, CORDES, Phil. Stud. XVII). Die sogenannten Assoziationsgesetze sind nichts als allgemeine Klassen von Verbindungen elementarer Assoziationen (Log. II2, 2, S. 159 f.), ihre Schemata sind teils unzutreffend, teils viel zu allgemein und unbestimmt (Gr. d. Psych.5, S. 294). »Geht man auf die elementaren Prozesse zurück, in die sich hierbei der Erinnerungs- wie jeder zusammengesetzte Assoziationsvorgang zerlegen läßt, so ergeben sieh als solche stets Gleichheits- und Berührungsverbindungen« (l.c. S. 293). Der Ausdruck »Ähnlichkeitsassoziation« ist unpassend, »weil vor allen Dingen gleiche Elementarprozesse assimilierend aufeinander einwirken« (l.c. S. 294). Je nachdem die Gleichheits- oder die Berührungsverbindungen überwiegen, entstehen zusammengesetzte Ähnlichkeits- (Gleichheits-) und Berührungsassoziationen. Die Gleichheit wirkt unmittelbar, die Berührung mittelbar (Log. I2, S. 25 f.; Vorles.2, S. 316 ff.; Grdz. d. ph. Psych. II4, S. 454, 466 ff.). Da den Assoziationen Verbindungen zentraler Innervationsvorgänge »parallel« gehen, so sind alle Assoziationen psychophysische Vorgänge (Grdz. d. ph. Psych. II4, S. 474 f.; Log. I2, S. 27). Die Assoziationen werden als »passive Erlebnisse« aufgefaßt. »Denn das für die Willens- und Aufmerksamkeitsvorgänge charakteristische Tätigkeitsgefühl greift immer nur in der Weise in sie ein, daß es bei der Apperzeption gegebener psychischer Inhalte an die bereits gebildeten Verbindungen sich anschließt« (Gr. d. Psych.5, S. 301). Die Assoziationen sind diejenigen Verbindungen von Bewußtseinsinhalten, die sich »bei passivem Zustande der Aufmerksamkeit« bilden (Vorles.2, S. 306; Log. I2, S. 13). Doch liegt ihnen schon der Wille, aber nur in der einfachen, triebmäßigen Form zugrunde, sie sind Triebvorgänge (Vorles.2, S. 338; Syst. d. Phil.2, S. 583). Erst die Apperzeption (s. d.) aber reguliert den Assoziationsverlauf zur planmäßig geistigen Tätigkeit. - KULPE gibt eine Kritik der überkommenen Assoziationslehre (Gr. d. Psych. S. 191 f.). Das »Gesetz der Assoziation« besagt allgemein nur, »daß zwei Vorstellungen a und b unter gewissen Umständen eine solche Verbindung miteinander eingehen, daß das Auftreten der einen von ihnen (a) die Reproduktion der andern (b) bewirke« (l.c. S. 191). Mehrfach versteht man unter Assoziation »nicht eine Bedingung der Assoziation, sondern diese selbst« (l.c. S. 198). Külpe formuliert: »Empfindungen, die einmal im Bewußtsein zusammen waren, begründen eine Tendenz zur Reproduktion in dem Sinne, daß, wenn die eine von ihnen wieder erregt wird, auch eine der andern ähnliche zu entstehen pflegt« (l.c. S. 202). Die Stärke der Reproduktionstendenz hängt ab »von der eine einheitliche Auffassung und Beurteilung erleichternden oder erschwerenden Art des Zusammenhangs, der Verbindung der Empfindungen im Bewußtsein« (l.c. S. 202 f.). Eine ganze Reihe von Bedingungen bestimmt den Grad der Reproduktionstendenz (l.c. S. 203 ff.). Was man sonst Assoziation nennt, bezeichnet Külpe als »empirisch motivierte Reproduktion« (l.c. S. 206). An WUNDT schließt sich genau an HELLPACH (Grenzwiss. d. Psych. S. 3 ff.), während HUGHES (Mim. d. Mensch.) noch stärker den Willenscharakter auch des assoziativen Geschehens betont. Nach H. CORNELIUS sind die Assoziationsgesetze »notwendige Folgen der Bedingungen..., ohne welche die Einheit unseres Bewußtseins nicht gedacht werden kann« (Einl. in d. Phil. S. 204). Von verschiedenen Assoziationen in Bezug auf denselben Inhalt ist ceteris paribus diejenige die wahrscheinlichste, welche mehr eingeübt ist (l.c. S. 228). Sowohl das Gesetz der Berührungs- als das der Ähnlichkeitsassoziation sind »Konsequenzen der Faktoren, ohne welche auch der einfachste Fall einheitlichen Bewußtseinsverlaufes nicht einmal gedacht werden kann« (l.c. S. 231; vgl. Psych. S. 38 ff.). EBBINGHAUS erklärt: »Wenn beliebige seelische Gebilde einmal gleichzeitig oder in naher Aufeinanderfolge das Bewußtsein erfüllt haben, so ruft hinterher die Wiederkehr einiger Glieder des früheren Erlebnisses Vorstellungen auch der übrigen Glieder hervor, ohne daß für sie die ursprünglichen Ursachen gegeben zu sein brauchen« (Gr. d. Psychol. I, S. 607). »Die Seele erweitert und bereichert jederzeit das unmittelbar Gegebene auf Grund früherer Erfahrungen: sie stellt fortwährend, soweit sie es durch Vorstellungen vermag, die umfassenderen Verbände und größeren Einheiten wieder her, in denen sie das gegenwärtig fragmentarisch und lückenhaft in ihr Hervorgerufene früher erlebt hat« (l.c. S. 607). Nach REHMKE kann Gleichheit nur als Ähnlichkeit reproduzierend wirken und das »Aneinander« nicht ohne Gleichheit der reproduzierenden Vorstellung (Lehrb. d. allg. Psych. S. 291). W. JERUSALEM nennt den Vorstellungsverlauf insofern er durch frühere Erfahrungen allein bestimmt wird, den »assoziativen Verlauf« (Lehrb. d. Psych.3, S. 73). Er ist aber schon eine Abstraktion (ib.). Es gibt Assoziationen durch Berührung und durch Ähnlichkeit (l.c. S. 74). Nach L. STEIN sind schon Assoziationsbahnen »durch Vererbung übertragen und durch Selektion verschärft und verfeinert« (An d. Wende d. Jahrh. S. 27). Vgl. über Assoziation: Mind, Vol. X u. XII. Vgl. Erinnerung, Reproduktion.


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