Aufmerksamkeit - Hobbes, Condillac, Ribot


Eine Reihe von Philosophen betrachtet die Aufmerksamkeit bloß als Zustand, Verstärkung eines Bewußtseinsinhalts, Hemmung anderer Inhalte, ohne spezifische innere Tätigkeit. Die Hemmung der übrigen Vorstellungen infolge vorherrschender Erregung des Seelenorgans für eine bestimmte Vorstellung betont schon HOBBES (De corp. 25, 6). Nach CONDILLAC ist die Aufmerksamkeit nur »une sensation plus vive que toutes les autres« (Tr. des sens. p. 37); er unterscheidet eine passive und aktive Aufmerksamkeit (l. ch. c. 2, § 11, p. 14). HERBART bestimmt die Aufmerksamkeit als »die Fähigkeit, einen Zuwachs des Vorstellens zu erzeugen« (Psych. a. Wiss. II, § 128). Die Aufmerksamkeit ist unwillkürlich = passiv, oder willkürlich = aktiv (Lehrb. zur Psych.3, S. 147). Die erstere hat ihren Grund »zum Teil in der augenblicklichen Lage des Geistes während des Merkens; andernteils wird sie bestimmt durch die älteren Vorstellungen, welche das Gemerkte reproduziert« (l.c. S. 148). »Attentus dicitur is, qui mente sic est dispositus, ut eius notiones incrementi quid capere possint« (De attent. mensura 1822). Es wird bei den Herbartianern auch zwischen »sinnlicher« und »intellektueller« Aufmerksamkeit unterschieden; bei der letzteren werden Eindrücke vor andern durch »Vorstellungshülfen«, Apperzeptionsmassen (s. d.) bevorzugt. WAITZ versteht unter Aufmerken »ein scharfes und genaues Perzipieren von Einzelnem« (Lehrb. d. Psych. S. 624 ff.), ein gespanntes Erwarten (l.c. S. 637). Nach VOLKMANN heißt aufmerksam sein, »eine Vorstellung, Vorstellungsreihe oder Vorstellungsmasse dem Drange zum Sinken entgegen unverrückt festhalten« (Lehrb. d. Psych. II4, 204). GEORGE versteht unter Aufmerksamkeit die Konzentration des allgemeinen Wachseins auf ein Einzelnes (Lehrb. d. Psych. S. 84). CZOLBE: »Aufmerksamkeit ist nur Isolation der intensiveren Empfindungen aus der Menge gleichzeitig stattfindender, von denen wir deshalb abstrahieren« (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 222). Nach LIPPS ist die Aufmerksamkeit keine besondere Kraft, sondern die sich konzentrierende Reproduktionstätigkeit selbst mit Hilfe begünstigender Vorstellungen (Gr. d. Seel. S. 620, 123). Im Zustande der Aufmerksamkeit finden wir in uns »den Gegenstand, daneben die subjektiven Strebungs- und Spannungsempfindungen samt den so oder so gearteten Lust- und Unlustgefühlen« (l.c. S. 46). Nach H. E. KOHN ist die Aufmerksamkeit in irgend einem Grade mit jedem Bewußtseinsinhalte verbunden (Zur Theor. d. Aufm. 1895, S. 19). Nach REHMKE ist zu unterscheiden zwischen »Deutlichhaben« und »Deutlichhabenwollen« (Allg. Psych. S. 524 f.). Unwillkürliche Aufmerksamkeit ist »dasjenige 'Bemerken', dessen besondere Bedingung allein der in dem Gegebenen zusammen sich bietende Gegensatz der Unterschiedenen ist, willkürliche Aufmerksamkeit dagegen dasjenige Bemerken, dessen besondere Bedingung überdies noch das bemerkenwollende Bewußtsein ist« (l.c. S. 526). Ähnlich TH. KERRL (Lehre von der Aufmerks. S. 71). SCHUPPE bestreitet den Tätigkeitscharakter der Aufmerksamkeit. »Wessen wir uns dabei bewußt werden, das ist nur das Gefühl des Interesses an den gemeinten Vorstellungen oder an der auszuführenden Bewegung, und höchstens noch eine nicht weiter definierbare Regung, die als Wille bezeichnet werden kann... Von einem Tun - ist nichts zu entdecken« (Log. S. 143). Nach EBBINGHAUS besteht die Aufmerksamkeit »in dem lebhaften Hervortreten und Wirksamwerden einzelner seelischer Gebilde auf Kosten anderer« (Gr. d. Psychol. S. 575). Sie ist »das Resultat eines Selektionsprozesses; sie besteht in einer Einschränkung oder Konzentration der Seele auf eine gewisse Anzahl der ihr den obwaltenden Umständen nach überhaupt möglichen Empfindungen und Vorstellungen« (ib.). Nach H. CORNELIUS besteht das Beachten eines Wahrnehmungsinhalts »nur in der Unterscheidung desselben von seiner Umgebung und in seinem Wiedererkennen«, die »intellektuelle« Aufmerksamkeit nur in einem Festhalten eines Gedächtnisbildes, woran sich »eine mehr oder minder bestimmte Erkenntnis der Ähnlichkeit des betreffenden Inhalts mit Gruppen anderweitiger von früher her bekannter Inhalte« anschließt (Einl. in d. Phil. S. 218). Die Leistung der sinnlichen Aufmerksamkeit ist die Zerlegung eines Inhalts (Psych. S. 168 ff.).

Im Gefühle (Interesse) erblickt besonders TH. ZIEGLER das Agens der Aufmerksamkeit. Das Gefühl ist »der tragende Hintergrund, aus dem die Vorstellung in das helle Licht des Bewußtseins tritt« (D. Gef.2, S. 47). Durch den Gefühlston erzwingt sich die Vorstellung die Aufmerksamkeit (l.c. S. 50). STUMPF identifiziert die Aufmerksamkeit mit dem Interesse, bestimmt sie als »Lust am Bemerken selbst« (Tonpsychol. I, S. 68, 279). Der Wille ist die Aufmerksamkeit (l.c. S. 69, 281).

RIBOT bestimmt als die ursprüngliche Form der Aufmerksamkeit die »spontane« Aufmerksamkeit (»attention spontanée, naturelle« im Unterschied von der »attention volontaire, artificielle«) (Psych. de l'att. p. 3). Der »Mechanismus« der Aufmerksamkeit ist wesentlich motorischer Art, besteht in einem »arrêt« auf die Muskeln (l.c. p. 3). Die Einheit des Bewußtseins ist die Quelle der Aufmerksamkeit (l.c. p. 4). Diese ist ein auf die motorische Kraft übertragener Affektzustand, der in Gefühlen und Strebungen wurzelt (l.c. p. 12). Sie ist ein »monoïdéisme intellectuel avec adaptation spontanée ou artificielle de l'individu«, d.h. eine Konzentration auf einen Zustand des Bewußtseins (l.c. p. 6). Bei der »attention volontaire« ist das Ziel gewollt, gewählt; sie ist begleitet von einem »sentiment d'effort« (l.c. p. 47 f.).

Eine biologische Begründung der Aufmerksamkeit findet sich bei K. GROOS. Sie ist nach ihm ursprünglich »ein Mittel in dem körperlichen Kampfe ums Dasein«. Der »Instinkt des Lauerns« ist die Urform der Aufmerksamkeit. Aus dieser »motorischen« hat sich die »theoretische« Aufmerksamkeit entwickelt. Die Grundform der Aufmerksamkeit ist die »Erwartung des Zukünftigen« (Spiele d. Mensch. S. 180 f., Spiele d. Tiere S. 210 f., vgl. damit die Definition der Aufmerksamkeit als »die sich mit einer Vorstellung verknüpfende Frage nach dem, was in Zukunft in Beziehung auf dieses Vorgestellte vorgehen wird«, bei FORTLAGE, Psych. I, § 9, S. 78). Ähnlich JERUSALEM, nach dem die Aufmerksamkeit »in einer Art Konzentration des ganzen Organismus auf einen erwarteten Eindruck« besteht (Lehrb. d. Psych.3, S. 83). »Wir müssen wissen, wessen wir uns von den Dingen unserer Umgebung... zu versehen haben. Zu diesem Zwecke müssen wir alle unsere psychischen Kräfte anstrengen, und eben diese Anspannung nennen wir Aufmerksamkeit« (ib.). Die Aufmerksamkeit hängt sehr eng mit dem Interesse zusammen (l.c. S. 84). Als Wirkungen der Aufmerksamkeit zählt JERUSALEM auf: die auswählende Tätigkeit, Verengerung des inneren Gesichtsfeldes, Zerlegung der Vorstellungen, Abstraktion, Apperzeption (l.c. S. 85 ff.).

Verschiedene Assoziationspsychologen führen die Aufmerksamkeit auf eine Summe von Spannungsempfindungen zurück, die mit bestimmten Bewußtseinszuständen sich verknüpfen. So z.B. ZIEHEN (Leitfad. d. phys. Psych.2, S. 166). Vgl. Apperzeption.


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