Allgemein - Universalistischer Realismus


Zunächst geben wir die Geschichte des universalistischen Realismus in seinen verschiedenen Schattierungen. Er beginnt mit der Lehre PLATOS von den an sich (kath' hauto) seienden Ideen (s. d.). ARISTOTELES dagegen setzt das Allgemeine als den Dingen immanent (Met. VII 10, 1035b 27). Es ist dasjenige, was einer Vielheit von Dingen naturgemäß zukommt: legô de katholou men ho epi pleionôn pephyke katêgoreisthai, kath' hekaston de ho mê (De interpr. VII, 17a 39), ho an kata pantos te hyparchê kai kath' hauto kai hê hauto (Anal. post. I 4, 73b 26). Begrifflich-wesenhaft (kata ton logon) ist das Allgemeine das Prius, in der Erkenntnis aber das Spätere, erst aus dem Einzelnen Gewonnene (Met. VII, 1018b 33). Ein wahres Wissen gibt es nur vom Allgemeinen (hê d' epistêmê tôn katholou, De an. II, 5). PORPHYR betont, hoti ta men onta kai ta toutôn genê kai ta eidê kai hai diaphorai pragmata asti, kai ou phônai ('Exêgêsis f. 3a; Prantl I, 632).

Nach JOH. SCOTUS ERIUGENA sind die Universalien (als Ideen, s. d.) sowohl vor als in den Einzeldingen; nach BERNHARD VON CHARTRES bestehen sie für sich, so auch nach WILHELM von CHAMPEAUX (vgl. Prantl, Gesch. d. L. II, 118 ff.). Nach JOHANN VON SALISBURY sind die Universalien in den Dingen, aus denen sie durch Abstraction erkannt werden (so schon GILBERTUS PORRETANUS). ALFÂRÂBI bestimmt das Allgemeine als »unum de multis et in multis«, das »non habet esse separatum a multis« (bei Alb. Magnus, De praed. II, 5). Nach AVERROËS sind die Universalien in den Dingen (Ep. met. 2, p. 42), aber als Universalien werden sie erst vom Intellect gesetzt. »Intellectus officium est, abstrahere formam a materia individuata« (l.c. p. 54). »Accidit in intellectu ipsa universalitas« (l.c. p. 55; schon AVICENA sagt: »intellectus in formis agit universalitatem«, vgl. Prantl, G. d. L. II, 348 f.). VINCENZ VON BEADVAIS: »Universalia non solum in intellectu sunt, sed et in re« (Specul. doctr. III, 9). ALBERTUS MAGNUS: »Universalis dicitur ratio, non ideo quia tantum fit in nobis, sive in mente nostra: sed ideo quia est res non in uno absolute accepta, sed quae in collatione accipitur, quae est in multis et de multis, quam collationem facit ratio« (Sum. th. I, qu. 42, 2). Das Allgemeine, das »immutabile« ist (l.c. qu. 3, 3), ist »ante rem, in re et post rem« (qu. 4, 1); es ist (wie schon ABAELARD sagt) das von vielen Dingen Aussagbare (De praed. II, 1). »Universale naturae producitur in esse ab agente intelligentia, quae operatur per suum intellectuale lumen in omni natura« (Prantl, G. d. L. III, 99; vgl. Hauréau II, 1, p. 232). THOMAS definiert das Allgemeine als »quod est aptum natum de pluribus praedicari« (1 perih. 10a), »quod est semper et ubique« (1 anal. 42b). »Universalia... non sunt res subsistentes, sed habent esse solum in singularibus« (Contr. gent. I, 65). Vor den Dingen sind die Universalien im »intellectus aeternus« Gottes (Sum. th. I, qu. 16, 7). »Intellectus agens causat universale abstrahendo a materia« (Sum. th. I, qu. 9, 5). »Universale fit per abstractionem a materia individuali« (Sum. th. I, II, 29, 6c). »Quod est commune multis, non est aliquid praeter multa, nisi sola ratione« (Cont. gent. I, 26, 4). »Cognitio singularium est prior quoad nos, quam cognitio universalium« (Sum. th. I, 85, 3); »scientia est universalium« (De an. II, 12b). »Universalia non movent, sed particularia« (Cont. gent. III, 6). (Vgl. Log. I, 1 u. C. gent. I, 32.) DURAND VON ST. POURÇAIN: »Universale, i.e. ratio vel intentio universalitatis... est aliquid formatum per operationen intelligendi, per quam res secundum considerationem abstrabitur a condicionibus individuantibus« (In I. sent. 1, d. 3, 5). »Universale non est primum obiectum intellectus nec praeexistit intellectioni, sed est aliquid formatum per operationem intelligendi, per quam res secundum considerationem abstrahitur a conditionibus individuantibus« (ib.). Nach RICHARD VON MIDDLETON sind die Universalien 1) »in causando«, (in Gott), 2) »in essendo«, 3) »in repraesentando«, 4) »in praedicando« (l c. 2, d. 3, 3, qu. 1). Dem Universale entspricht ein »fundamentum in re« - dies behaupten die Thomisten insgesamt. Aber anch DUNS SCOTUS: »Universale est ab intellectu,... universali autem aliquid extra correspondet, a quo movetur intellectus ad causandum talem intentionem... Effective est ab intellectu, sed materialiter sive originaliter sive occasionaliter est a proprietate in re, figmentum vero minime est« (Qu. sup. Porph. 4; Prantl, G. d. L. III, 207). Universale »non autem est in intellectu subiective, sed tantum obiective« (Qu. de an. 17, 14; Prantl III, 208). SUAREZ: »Naturas fieri actu universales solum opere intellectus, praecedente fundamento aliquo ex parte ipsarum rerum, propter quod dicuntur esse a parte rei potentia universales...« (Met. disp. 6, sct. 2, 1). Es gibt ein »universale physicum«, »u. metaphysicum«, »u. logicum«. »Primam, qua a parte rei dicitur universalis; alteram, quam habet ab intellectu per extrinsecam denominationem et abstractionem, iuxta quam ipsa natura repraesentatur ut communis et indifferens; tertiam relationis« (De an. IV, 3, 22).

NICOLAUS CUSANUS erklärt: »Habent... universalia ordine naturae quoddam esse universale, contrahibile per singulare... non sunt solum entia rationis... non sunt nisi in corpore,« »Intellectus tamen facit eas extra res per abstractionem esse, quae quidem abstractio est ens rationis« (De doct. ign. II, 6). Nach SPINOZA ist das Allgemeinste, das All oder Gott (s. d.) das wahrhaft Wirkliche. So auch nach SCHELLING, SCHOPENHAUER, HEGEL. Dieser sagt: »Das Allgemeine der Dinge ist nicht ein Subjektives, das uns zukäme, sondern vielmehr als ein dem transitorischen Phänomen entgegengesetztes Noumen das Wahre, Objektive, Wirkliche der Dinge selbst, wie die Platonischen Ideen, die nicht irgendwo in der Ferne, sondern als die substantiellen Gattungen in den einzelnen Dingen existieren« (Naturph. S. 16 f.). Das Allgemeine im Denken ist die Bestimmtheit oder Form der Gedanken (Encykl. §. 54). Nach K. L. MICHELET ist das Allgemeine das Wesen der Dinge, das wahrhaft Seiende (Vorles. ü. d. Pers. Gottes, S. 81). K. ROSENKRANZ: »Das Allgemeine ist der Begriff des Seins an sich, die in sieh als Identität mit sich bestimmte Wirklichkeit, die Beziehung der unbedingten Gleichheit des Seins auf sich«, es ist die »Tätigkeit, sich von sich zu unterscheiden« (Syst. d. Wiss. S. 99). Das Besondere ist »der Unterschied des Allgemeinen von sich selber« (l.c. S. 100). DROBISCH unterscheidet (wie HEGEL) abstrakte und konkrete Allgemeinheit (Gattung - Art, Neue Darst. d. Log.5, § l9). Nach LOTZE ist das Allgemeine das »was in mehreren voneinander verschiedenen Vorstellungen gemeinsam, gleichartig vorkommt« (Grdz. d. Log. S. 11). A. LANGE findet das Allgemeine schon in den Empfindungen enthalten (G. d. Mat. II5, 80). J. BAUMANN erblickt in der »Allgemeinheit« nur »eine mehr oder minder verbreitete Tatsächlichkeit« (Ph. als Or. S. 154). DÜHRING: »Die Gattungen und Arten, also überhaupt die gegenständlich fixierten Allgemeinheiten, sind das, was sie sind, nicht bloß durch Einerleiheit, sondern auch durch Ursächlichkeit« (Log. S. 196 f.). von KIRCHMANN versteht unter dem Allgemeinen sowohl eine Beziehungsform als auch das damit Bezogene, d.h. die Begriffe und Gegensätze, welche in den Gebieten der betreffenden Wissenschaft bestehen (Kat. d. Phil. S. 61). SCHUPPE definiert »allgemein« als »etwas, was vielen gemeinsam sein kann« (Log. S. 79). Im Unterschiede vom numerisch Allgemeinen ist das inhaltlich Allgemeine »das Vorgestellte, sofern es durch seinen Inhalt das verschiedenen Gegenständen Gemeinsame umfaßt« (l.c. S. 89); »es zerfällt in das unbestimmt, erweitert, typisch und abstract Allgemeine« (l.c. S. 89 ff.). Das Allgemeine ist schon, als ein Stock der Wirklichkeit, im Einzelnen enthalten (l.c. S. 92). So auch VON SCHUBERT SOLDERN, nach welchem das Allgemeine nicht erst durch Induktion gefunden wird (Viertelj. f. w. Ph. Bd. 21, S. 151). Nach HUSSERL ist das Allgemeine ein Gegenstand des Denkens, es hat ein ideales Sein unabhängig vom Denken (Log. Unt. II, 111, 123 f., 146 ff., 210). Die Allgemeinheit des Wortes besagt, »daß ein und dasselbe Wort durch seinen einheitlichen Sinn eine ideell festbegrenzte Mannigfaltigkeit möglicher Anschauungen so umspannt.., daß jede dieser Anschauungen als Grundlage eines gleichsinnigen nominalen Erkenntnisaktes fungieren kann« (l.c. II, 501).


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