Idee - Schopenhauer, Hegel, Carriere


SCHOPENHAUER nennt Idee jede »bestimmte Stufe der Objektivation des Willens« (W. a. W. u. V. I. Bd., § 26). Die Ideen sind »Stufen der Objektivation des Willens«, die »Musterbilder« der Individuen, die »ewigen Formen« der Dinge, »nicht selbst in Zeit und Raum, das Medium der Individuen, eintretend, sondern feststehend, keinem Wechsel unterworfen, immer seiend und geworden« (l.c. § 25). Die Ideen liegen außer der Zeit (l.c. § 28), werden vom Satze des Grundes (s. d.) nicht berührt (l.c. § 30). Die Dinge sind nur getrübte Erscheinungen der Ideen. Reine Erkenntnis würde nur Idee erfassen (l.c. § 32). Zur Idee wird das Objekt erhoben, indem wir zum interesselosen, überindividuellen »reinen Subjekt des Erkennens« werden (l.c. § 34). Die Kunst »wiederholt die durch reine Contemplation aufgefaßten ewigen Ideen, das Wesentliche und Bleibende aller Erscheinungen der Welt«, denn »sie reißt das Objekt ihrer Contemplation heraus aus dem Strome des Weltlaufs und hat es isoliert vor sich: und dieses Einzelne, was in jenem Strom ein verschwindend kleiner Teil war, wird ihr ein Repräsentant des Ganzen, ein Äquivalent des in Raum und Zeit unendlich Vielen« (l.c. § 36). Die Kunst ist daher »die Betrachtsungsart der Dinge, unabhängig vom Satze des Grundes« (ib.).

HEGEL geht in der Hypostasierung des Begriffs (s. d.) so weit, daß ihm »die Idee« zum allein wahren, realen Sein, zum Weltprozess wird. Die »Idee« ist objektiver Begriff, objektiv seiende Vernunft, Logos, im Weltprocesse sich entfaltend und ihre eigenen Bestimmungen (dialektisch) setzend. Die Idee ist »der Begriff, die Realität des Begriffs und die Einheit beider«, »der in seiner Realität gegenwärtige und mit derselben in Einheit gesetzte Begriff« (Ästhetik I, 138). Sie ist der »adäquate Begriff«, das »objektiv Wahre«, das »wahrhafte Sein«, die »Einheit von Begriff und Realität« (Log. III, 236, 240). Sie ist logischer »Prozess« (der Diremtion und Synthese), »ewiges Erzeugen«, Leben, Erkennen, Wollen und Wissen (l.c. S. 242 f.). Natur und Geist sind nur verschiedene Weisen, das Dasein der »absoluten Idee«, der »sich wissenden Wahrheit«, darzustellen (l.c. S. 328). Die Idee existiert »an sich«, in ihrem »Anderssein« (als Natur), »für sich« (als Geist). Die »reine« Idee ist »die Idee im abstrakten Elemente des Denkens« als Gegenstand der Logik (Encykl. § 19). Die Idee ist aber »das Denken nicht als formales, sondern als die sich entwickelnde Totalität seiner eigentümlichen Bestimmungen und Gesetze, die es sich selbst gibt, nicht schon hat und in sich vorfindet« (ib.). »Die Idee ist das Wahre an und für sich, die absolute Einheit des Begriffs und der Objektivität. Ihr ideeller Inhalt ist kein anderer als der Begriff in seinen Bestimmungen; ihr reeller Inhalt ist nur seine Darstellung, die er sich in der Form äußerlichen Daseins gibt, und diese Gestalt, in seine Idealität eingeschlossen, in seine Macht, so sich in ihr erhält« (l.c. § 213). Alles Wirkliche ist die Idee, sie ist wahr nur durch sie und kraft ihrer. »Die Idee selbst ist nicht zu nehmen als eine Idee von irgend etwas... Das Absolute ist die allgemeine und eine Idee, welche als urteilend sich zum System der bestimmten Ideen besondert, die aber nur dies sind, in die eine Idee, in ihre Wahrheit zurückzugehen. Aus diesem Urteil ist es, daß die Idee, zunächst nur die eine, allgemeine Substanz ist, aber ihre entwickelte wahrhafte Wirklichkeit ist, daß sie als Subjekt und so als Geist ist« (ib.). Die Idee ist die Vernunft, das Subjekt- Objekt, die Einheit des Ideellen und Reellen, des Endlichen und Unendlichen, der Seele und des Leibes u. dgl. (l.c. § 214). Sie ist »die Dialektik, welche ewig das mit sich Identische von dem Differenten, das subjektive von dem Objektiven, das Endliche von dem Unendlichen, die Seele von dem Leibe ab- und unterscheidet, und nur insofern ewige Schöpfung, ewige Lebendigkeit und ewiger Geist ist« (ib.). Die Natur (s. d.) ist die »Idee in der Form des Andersseins«, der Geist (s. d.) die »zu ihrem Für-sich-sein gelangte Idee« (l.c. § 247 381). - Nach GABLER ist die (reine) Idee »das absolute, sich als alle Realität wissende Wissen der an und für sich seienden Wahrheit« (Syst. d. theoret. Philos. I, 429). Nach K. ROSENKRANZ ist die Idee »das absolute Prinzip, welches sich die ihm immanente Form als Methode zur Einheit aller seiner notwendigen Bestimmungen entwickelt, ein System« (Wissensch. d. log. Idee II, S. 336). Die Idee ist »die Einheit ihres Begriffs und seiner Realität« (l.c. S. 436; Syst. d. Wiss. S. 117). Sie ist sich selber Zweck, gestaltet sich als organische Totalität (Syst. d. Wiss. S. 117). »Die Idee ist selber das absolute, von nichts anderem abhängige, in sich unbedingte Sein, welches, als Involution, alle seine besondern Bestimmungen zur Evolution in sich schließt« (l.c. S. 118). Nach M. J. MONRAD ist die Idee das Wirkliche, das sich in Natur und Geist offenbart. V. COUSIN erklärt: »Les idées sont la pensé sous la forme naturelle« (Cours, leç. 1, p. 20). »Les idées... ne réprésentent rien, absolument rien qu'elles-mêmes« (l.c. p. 22). Fundamental sind für den Menschen die Ideen des Nützlichen, Gerechten, Schönen, Göttlichen, Wahren (l.c. leç. 2, p. 29). CARRIERE erklärt: »Die Idee macht... das eigene Wesen der Dinge aus. Sie ist der Inbegriff und Einheitspunkt alles Lebendigen, aus welchem das Mannigfaltige entspringt und abgeleitet wird; sie ist das Allgemeine, welches das Besondere nicht ausschließt, sondern in sich und unter sich befaßt... Die Idee drückt das Wesen und die Bestimmung des Einzelnen aus, wie es in seiner Vollendung zugleich das Allgemeine abspiegelt und verwirklicht; so vereinigt sich in ihr das Anschauliche mit dem Begrifflichen« (Ästhet. I, 18). Nach GIOBERTI sind die Ideen der Dinge ewig in Gott vereinigt (vgl. Ontologismus).


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