Wahrheit - Hobbes, Locke, Leibniz, Wolf

HOBBES betont: »Veritas in dicto, non in re contsistit - neque rei affectio est, sed propositionis« (Comp. p. 23). »Verum et falsum attributa sunt non rerum, sed orationis« (Leviath. I, 4). Wahrheit besteht darin, daß Subjekt und Prädikat Namen desselben Dinges sind. Ein Urteil ist wahr, »cuius praedicatum continet in se subiectum« (De corp. 3, 7). - LOCKE betont, daß Wahrheit eigentlich nur den Sätzen, Urteilen zukomme, den Vorstellungen nur insofern, als sie schon Urteile (Bejahung oder Verneinung) und eine Beziehung auf die Dinge enthalten (Ess. II, ch. 32, § 1, § 3, § 4). Die Übereinstimmung der Denkverbindung mit dem wirklichen Zusammenhange ist für das wahre Urteil charakteristisch. »Truth then seems to me in the proper import of the word to signify nothing but the joining or separating of signs, as the things signified by than, do agree, or disagree, one with another« (l. c. IV, ch. 5, § 2). Von der wirklichen ist die Wort-Wahrheit zu unterscheiden, erstere hat nur dann statt, wenn den Vorstellungen etwas in der Natur entspricht (l. c. § 8). »Moralische« Wahrheit ist der Gegensatz zur Lüge, »metaphysische« Wahrheit das wirkliche Dasein der Dinge, entsprechend den Vorstellungen, die mit deren Namen verknüpft sind (l. c. §11). Die »ewigen« Wahrheiten sind nicht angeboren, gelten nur als notwendig wahr, weil sie, wenn einmal aus allgemeinen Vorstellungen gebildet, immer wahr sein werden (l. c. IV, ch. 11, § 14). HERBERT VON CHERBURY definiert: »Est autem veritas rei inhaerens illa conformitas rei cum se ipsa, sive illa ratio, ex qua res unaquaeque sibi constat. Veritas apparentiae est illa conditionalis conformitas apparentiae cum re. Veritas conceptus est illa conditionalis conformitas inter facultates nostras prodromas et res secundum apparentias suas. Veritas intellectus est conformitas illa debita inter conformitates praedictas. Est igitur omnis veritas nostra conformitao. Cum. autem omnis conformitas sit relatio, veritates quaecunque erunt relationes, sive habitudines in actum, id est in sensum deductae« (De verit. 1656, p. 4 ff., 9 ff.). Die Produkte des »instinctus naturalis« sind allgemeine Wahrheiten (l. c. p. 46 ff.). Nach CUDWORTH gibt es ewige Begriffe in Gott (De aetern. iusti et honesti notionib.). WOLLASTON: »Those propositions are true, which express things as they are. or truth is the conformity of those words or signs, by which things are expressed, to the things themselves« (Rel. of nat. sct. I, p. 8).

TSCHIRNHAUSEN setzt die Wahrheit in das Begreifliche (»veritatem vero in eo, quod potest concipi«, Med. ment. p. 34 f.). - Nach LEIBNIZ besteht die Wahrheit in der Übereinstimmung (correspondance) der Urteile (propositions) mit den Dingen (Nouv. Ess. IV, ch. 5, § 12). Die Wahrheit ist in die Beziehung zwischen den Gegenständen der Vorstellungen (objets des idées) zu setzen, wonach die eine in der andern enthalten (comprise) oder nicht enthalten ist (IV, ch. 5, § 2). Von den tatsächlichen oder zufälligen sind die notwendigen (Vernunft-)Wahrheiten zu unterscheiden, die nicht auf Erfahrung beruhen, sondern im Denken ihre Quelle haben (»vient du seul entendement«), angeboren sind (sont innées, l. c. I, ch. 1), größte Gewißheit haben (certitude immanquable et perpetuelle, ib., vgl. Theod. § 121) (s. A priori). »Il y a aussi deux sortes de vérités, celles de raisonnement et celles de fait. Les vérités de raison sont nécessaires et leur opposé est impossible, et celles de fait sont contingentes et leur opposé est possible« (Monad. 33. Nouv. Ess. I, ch. 1, § 26). Grundlage der Vernunftwahrheiten ist der Satz des Widerspruches (Gerh. IV, 354 ff.). Die tatsächlichen Wahrheiten haben nur inductorische Allgemeinheit, ihr Gegenteil enthält keinen unbedingten Widerspruch. Es gibt auch »gemischte« Sätze, welche aus Prämissen abgeleitet sind, von denen einige aus Tatsachen und Beobachtungen stammen, andere aber denknotwendig sind (l. c. IV, ch. 13, § 14. Theod. I B, § 37, § 20). In Gottes Geiste sind »ewige Wahrheiten«, die vom göttlichen Willen unabhängig sind, vielmehr selbst diesen Willen motivieren, der dann die Wahrheiten in schöpferischer Weise realisiert (Theod. I B, § 184). Gott ist »dernier fondement des vérités«, sein Geist ist »la région des vérités éternelles«, welche die Gesetze des Alls enthalten (Nouv. Ess. II, ch. 17. IV, ch. 11). Die Wahrheit von Urteilen hängt nicht von unserer Willkür ab, sie liegt in der Sache selbst (Gerh. VII, 190 ff.. s. unten Bolzano). Nach BOSSUET sind die »ewigen Wahrheiten« (z.B. der Mathematik) immer wahr. »En quelque temps donné ou en quelque point de l'eternite, pour ainsi parler, qu'on mette un entendement, il verra ces veéités comme manifestes. elles sont donc éternelles« (Log. I, ch. 36). Diese Wahrheiten subsistieren in Gott (l. c. I, ch. 37. vgl. De la connaiss. de Dieu ch 4, § 5). Nach ROBINET gibt es keine Wahrheit ohne ein Denken. D'ARGENT definiert: »Un jugement n'est juste et certain, qu'autant qu'il attribue au sujet ce qui lui convient« (Philos. du Bon-Sens I, 243).

Nach CHR. WOLF ist Wahrheit der »consensus indicii nostri cum obiecto seu re repraesentata« (Log. § 505). Die »transzendentale« Wahrheit ist »die Ordnung in den Veränderungen der Dinge« (Vern. Ged. von Gott... I, § 142).»Veritas, quae transcendentalis appellatur et rebus ipsis inesse intelligitur, est ordo in varietate eorum, quae simul sunt ac se invicem consequuntur« (Ontol. § 495). »Wenn unser Urteil möglich ist, wir mögen es erkennen oder nicht, so heißet es wahr« (Vern. Ged. von Gott... I, § 395). BAUMGARTEN bestimmt: »Veritas metaphysica (realis, materialis) est ordo plurium in uno, veritas in essentialibus et attributis transcendentalis« (Met. § 89). J. EBERT definiert Wahrheit als »Übereinstimmung unserer Gedanken mit den Dingen selbst, die durch unsere Gedanken abgebildet werden« (Vernunftlehre S. 24 f.. so auch schon CHR. THOMASIUS, Vernunftlehre). HOLLMANN definiert: »Veritas metaphysica nihil aliud est, quam vera et realis alicuius existentia, quae citra omnem intellectus nostri operationem, cum ut more loguendi scholastico utamur, nemine cogitante, ipsi competit« (Log. 1746, § 114 f.). Und ULRICH: »Objektive verum est, quod revera ita se habet, nec me, nec alio cogitante. nec visi mei aut alins ratione habita« (Inst. Log. et Met.2, 1792). Nach RÜDIGER ist die Wahrheit »convenientia rei cum intellectu« (De sensu veri et falsi I, 1). H. S. REIMARUS bestimmt die »veritas logica«, »Wahrheit im Denken« als »Übereinstimmung unserer Gedanken mit den Dingen, woran wir gedenken«. »Demnach bezieht sich die Wahrheit im Denken auf die wesentliche Wahrheit in den Dingen selbst (veritatem metaphysicam), vermöge welcher sie ein Etwas, nicht aber ein Unding, Nichts oder Chimäre sind« (Vernunftlehre § 17). Nach CHR. LOSSIUS gibt es nur logische, keine metaphysische Wahrheit (Phys. Ursachen d. Wahren, 1775). Wahrheit bedeutet eine Relation der Dinge zu uns (vgl. REUSCH, Log. § 36. BAUMEISTER, Log. § 144. VILLAUME, Prakt. Log.3, § 7. CROUSAZ, Log. u. a.). MENDELSSOHN erklärt: »Urteile... sind wahr, wenn sie von den Begriffen der Subjekte keine anderen Merkmale aussagen, als die in denselben stattfinden« (Morgenst. I, 3). »Insoweit... unsere Gedanken als denkbar oder nicht denkbar betrachtet werden, besteht ihre Wahrheit in der Übereinstimmung der Merkmale unter sich und mit den Folgen, die daraus gezogen werden« (l. c. S. 9). Ein Satz ist wahr, »wenn sich aus dem Subjekt entweder schlechterdings oder unter gewissen angenommenen Bedingungen verständlich erklären läßt, daß ihm das Prädikat zukomme« (Üb. d. Evid. S. 80). FEDER erklärt Wahrheit als »Übereinstimmung mit dem, was wirklich ist«, allgemeiner als »Übereinstimmung dessen, was sich der Verstand als beisammen vorstellen soll« (Log. u. Met. S. 111 ff.). Sind die Wahrheiten völlig klar so sind es evidente Wahrheiten (l c. S. 115). - Nach BASEDOW ist Wahrheit der Wert unserer Gedanken, vermöge dessen sie unseren Beifall erzielen (Philalethie 1764, I § 3). 3). Nach HUTCHESON ist die Wahrheit (logisch) Übereinstimmung eines Urteils mit der Wirklichkeit, moralisch die Übereinstimmung, des Handelns mit der Gesinnung, metaphysisch die Beschaffenheit eines Dinges, wie sie Gott erkennt (Synops. metaphys. 1749). WATTS bemerkt: »Is the idea conformable to the objekt or archetype of it, it is a true idea« (Log. I, ch. 3, p. 4). Ähnlich definiert BEATTIE (Vers. üb. d. Wahrh. 1772, S. 24). Die schottische Schule (s. d.) überhaupt lehrt, der »Gemeinsinn« (s. d.) sei die Quelle von »self-evident truths«, apriorischen (s. d.), denknotwendigen Wahrheiten (s. Prinzip, Rationalismus). - Nach BONNET sind die evidenten, selbstgewissen Wahrheiten »premières vérités« (Ess. analyt. XVI, 301).


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