Wesen - Antike, Scholastik, Neuzeit

In der älteren Philosophie herrscht eine gewisse Hypostasierung des Wesens, der Wesenheit. Bei PLATO wird das Gattungswesen zur Idee (s. d.). ARISTOTELES versteht unter Wesen (ousia, to ti ên einai) sowohl das Einzelwesen (Met. VII 2, 1043 a 21) als auch insbesondere das stofflose, ewige Seinsprinzip von Dingen (ousian aneu hylês, Met. VII 7, 1032 b 14. vgl. Met. VII 4, 1030 a 18 squ.). Das Wesen des Dinges wird im Begriffe erfaßt (to ti ên einai estin hosôn ho logos estin horismos, Met. VII 4, 1030 a 6. ho logos tên ousian horizei, De part. anim. IV, 5). Das Wesen ist der Gegenstand des Wissens (Met. VII 4, 1030 b 5). Das ti ên einai (Was war - Sein) ist die abstrakte Wesenheit. Über diesen Terminismus bemerkt ÜBERWEG-HEINZE, er sei »die zusammenfassende Formel für Einzelausdrücke folgender Art: to agathô einai, to heni einai, to anthrôpô einai, so daß das ti ên als im Dativ stehend zu denken ist. Die Verbindung mit einai bezeichnet das durch die abstrakte Begriffsform Gedachte (die Wesenheit)... Der Dativ ist wohl der possessivus«. »Nun könnte zur Vertretung der Verbindungen der einzelnen Dative mit einai als allgemeiner Ausdruck etwa to ti estin einai erwartet werden. da aber die Frage als schon erfolgt zu denken ist, so hat Aristoteles das Imperf. ên gewählt« (Grundr. d. Gesch. d. Philos. I9, 251 f.). H. COHEN wiederum meint: »Das unübersetzbare Wort to ti ên einai bezieht sich vielleicht auf das Fragewort des Sokratischen Begriffs. nur wird aus dem ›Was ist‹ bei ihm ›Was war‹. auf dieses Fragewort Was war? wird das Sein nunmehr begründet.« »Was war? Die Frage bedeutet: der Grund des Seins muß jenseit der Gegenwart gelegt werden,« »ein Vor-Sein wird gesucht und in ihm das Sein gegründet und gesichert« (Log. S. 27 f.). - Vgl. PORPHYR, Isag. C. 3.

Nach der Ansicht der Scholastiker setzen sich die Dinge aus »essentia« und »existentia« zusammen (s. Sein). Während bei Gott Essenz und Existenz zusammenfallen, kommt bei den endlichen Dingen die Existenz als Komplement erst zur Wesenheit hinzu. Die Wesenheit wird auch als »id quod erat esse« oder als »quidditas« (s. d.) bezeichnet. Die Essenz ist die abstrakte Wesenheit, die Dingheit. Die Essenz ist das, was dem Dinge das Sein verleiht (vgl. Prantl, G. d. L. III, 116, 217). - THOMAS erklärt: »Essentia proprie est id, quod significatur per defnitionem« (Sum. th. I, 29, 2 ad 3). Bloß der »intellectus« erfaßt »essentias rerum« (l. c. I, 57, 1). SUAREZ definiert: »Primo modo dicimus, essentiam rei esse id, quod est primum et radicale ac intimum principium omnium actionum et proprietatum, quae rei conveniunt... Secundo autem modo dicimus essentiam rei esse, quae per definitionem explicatur« (Met. disp. 2, sct. 4). Wesenheit und Existenz sind nur begrifflich verschieden (Met. disp. 31, sct. 1 ff.. gegen den Thomismus). - Nach GOCLEN ist Wesen (essentia) »rei cuiusque simplex et omnibus proprietatibus atque accidentibus spoliata constitutio« (Lex. philos. p. 164). »Essentiale« ist »quod per se includitur in essentia rei, ut in compositione chrêmatos« (l. c. p. 167). Im Scotistischen Sinne (s. Unterscheidung) erklärt MICRAELIUS: »Essentia et entitas notat abstractum entis positiva: quanquam ens et essentia seu entitas non differt realiter, sed modaliter et formaliter« (Lex. philos. p. 381 f.). Nach HOBBES ist das Wesen das Akzidens, das einem Körper den Namen gibt (»propter quod corpori alicui certum nomen imponimus«), »accidens, quod subiectum suum denominat« (De corp. C. 8, 23).

Nach SPINOZA ist »esse essentiae« »modus ille, quo res creatae in attributis Dei comprehenduntur« (Cogit. met. I, 2). Wesen eines Dinges ist, wodurch das Ding als solches gesetzt wird, das, ohne welches es weder gedacht werden noch sein kann. »Ad essentiam alicuius rei id pertinere dico, quo dato res necessario ponitur et quo sublato res necessario tollitur. vel id, sine quo res, et vice versa quod sine re nec esse nec concipi potest« (Eth. II, def. II). »Ad essentiam hominis non pertinet esse substantiae, sive substantia formam hominis non constituit« (l. c. prop. X). MALEBRANCHE versteht unter dem Wesen (essence) eines Dinges »ce que l'on conçoit de premier dans cette chose, duquel dependent toutes les modifications que l'on y remarque« (Rech. III, 1). Nach LOCKE bedeutet das Wesen (essence) ureigentlich »the real constitution of thinge« (Ess. III, ch. 3, § 15), die innere Verfassung des Dinges, von welcher dessen erkennbare Eigenschaften abhängen (ib.). Alles im Begriffe Erfaßte ist wesentlich (l. c. § 19. ch. 6, § 2). Von dem nominalen ist das reale Wesen, die innere Konstitution des Dinges, zu unterscheiden (l. c. ch. 3, § 18. ch. 6, § 6). bei den einfachen Vorstellungen sind beide eins (l. c. ch. 3, § 18). Nach LEIBNIZ ist das Wesen die Möglichkeit dessen, was man denkt (Nouv. Ess. III, ch. 3, § 15), die in der Vernunft begründete, ewige Bedingung des Daseins eines Dinges (l. c. § 19). CHR. WOLF bestimmt das Wesen als »dasjenige, darinnen der Grund von dem Übrigen zu finden, was einem Dinge zukommt« (Vern. Ged. I, § 3). »Quae in ente sibi mutuo non repugnant, nec tamen per se invicem determinantur, essentialia apppellantur atque essentiam entis constituunt« (Ontolog. §143). »Essentia primum est, quod de ente concipitur, nec sine ea ens esse potest« (l. c. § 144). Das Wesen ist ewig, notwendig, unveränderlich (Vern. Ged. I, § 40 ff.). Nach BILFINGER ist Wesen der Begriff (conceptus), »cuius ope caetera, quae de re aliqua dicuntur, demonstrari possunt« (Dilucid. § 6). CRUSIUS bestimmt: »Dasjenige, was einem Dinge beständig zukommt, heißt zusammengenommen sein logicalisches Wesen« (Vernunftwahrh. § 30). Nach FEDER besteht das Wesen eines Dinges in dessen wesentlichen Eigenschaften, d.h. jenen, »die niemals fehlen und daher den feststehenden Begriff von diesem Dinge hergeben« (Log. u. Met. S. 237). Von dem relativen, hypothetischen oder Nominal-Wesen ist das absolute Wesen zu unterscheiden (l. c. 23S ff.. vgl. HOLLMANN, Met. § 28 f., u. a.). BONNET erklärt das absolute Wesen der Dinge für unerkennbar. »Nous ne connoissons donc point l'essence réelle des choses. Nous n'apercevons que les effets, et point du tout les agens«. »Ce que nous nommons l'essence du sujet, n'est donc que son essence nominale. Elle est le résultat de l'essence réelle, l'expression des rapports nécessaires sous lesquels le sujet se montre à nous. Nous ne pouvons le voir autrement, parce que notre manière d'apercevoir est indépendante de notre volonté« (Ess. analyt. XV, 242 f.). Nach HOLBACH ist das Wesen »ce qui constitue un être ce qu'il est, la somme de ces propriétés ou des qualités après lesquelles il existe et agit comme il fait« (Syst. de la nat. I, ch. 1, p. 12). ROBINET bestimmt: »L essence d'une chose est ce par quoi la chose est ce qu'elle est« (De la nat. I, 263).


 © textlog.de 2004 • 17.06.2019 14:55:11 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z