Wissenschaft - Schopenhauer, Comte, Dilthey

Nach SCHOPENHAUER sind die Wissenschaften »die Betrachtung der Dinge nach ihren Beziehungen gemäß den vier Gestaltungen des Satzes vom Grunde« (Neue Paralipom. § 11). Alle Wissenschaft ist ungenügend zur Erkenntnis des An-sich der Dinge (l. c. § 15). Die Philosophie (s. d.) ist nicht Wissenschaft, sondern Kunst. Die Wissenschaften gliedern sich in: I. Reine Wissenschaften a priori. 1) Die Lehre vom Grunde des Seins. a Im Raum: Geometrie. b. In der Zeit: Arithmetik und Algebra. 2) Die Lehre vom Grunde des Erkennens: Logik. II. Empirische oder Wissenschaften a posteriori, geordnet nach dem Grunde des Werdens in seinen drei Modis. 1) Die Lehre von den Ursachen (Physik u.s.w.). 2) Die Lehre von den Reizen (Biologie). 3) Die Lehre von den Motiven (W. a. W. u. V. II. Bd., C. 12). AMPÈRE teilt die Wissenschaften ein in »sciences cosmologiques« und »sciences noologiques« (Essai sur la philos. des sciences 1834/43. ähnlich J. ST. MILL, S. Geisteswissenschaften). A. COMTE setzt die Funktion der Wissenschaft in die »prévoyance« der Erscheinungen und ihrer Folgen. Nach dem Grade der Abstraktheit bezw. Konkretheit ergibt sich eine »Hierarchie« der Wissenschaften, bei welcher die nachfolgenden sich auf die Ergebnisse der vorangehenden stützen: Die abstrakten Wissenschaften haben es mit allgemeinen Gesetzen, die konkreten mit den Besonderheiten der Dinge zu tun. Die Ordnung der Wissenschaften ist: Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie, Biologie, Soziologie (die sechs »sciences fondamentales«). Nach den »lois des trois états« schreitet der Geist vom theologischen zum metaphysischen, von diesem zum positivistischen Studium fort (s. Positivismus, vgl. Cours de philos. posit. I, 1 ff.). Nach H. SPENCER ist Wissenschaft »teilweise vereinheitlichte Erkenntnis« (»Science is partially-unified knowledge«, First Princ. § 37). Er unterscheidet abstrakte (Logik, Mathematik), abstrakt-konkrete (Mechanik, Physik, Chemie), konkrete Wissenschaften (Astronomie, Geographie, Biologie u.s.w.. The classif. of the sciences. Essays III, 12). Abstrakte und konkrete Wissenschaften unterscheidet auch A. Bain (Log. I, 24). »The perfect form of knowledge is science« (l. c. p. 23). Nach LEWES ist Wissenschaft »the analysis of the objekts into their components and constituents« (Probl. I, 100). »Science is the systematisation of our experiences. it is common sense methodised and generalised« (l. c. III, 49). Nach L. DUMONT sind die Wissenschaften »die Systematisierung aller Tatsachen unseres Bewußtseins« (Vergn. u. Schmerz, S. 4). HARMS erklärt: »Vor der Wissenschaft gibt es nur Fragmente und Aggregate von Erkenntnissen, woraus Wissenschaft wird durch ihre methodische Verbindung zu einem Ganzen« (Psychol. S. 3). »In allen Wissenschaften gibt es... zugleich ein empirisches und ein spekulatives, ein induktives und ein deduktives Verfahren« (ib.). Nach VACHEROT ist die Wissenschaft »la pensée des choses« (Mét. III, 210). Sie ist einheitlich (ib.)., die Einzelwissenschaften sind Abstraktionen (l. c. p. 211). Nach den Seelenvermögen: imagination, entendement, raison ergeben sich: Mathematik, Physik, Metaphysik (s. d. a.) (l. c. p. 211 ff.). Du PREL bemerkt: »Die Wissenschaft ist der Versuch des menschlichen Geistes, das begriffliche Abbild der Welt zu erzeugen, darin alle Tatsachen einzuordnen und systematisch zu verknüpfen, d.h. den Zusammenhang der einzelnen Teile des Ganzen aufzudecken« (Monist. Seelenlehre S. 4).

Nach DILTHEY ist Wissenschaft ein »Inbegriff von Sätzen, dessen Elemente Begriffe, d.h. vollkommen bestimmt, im ganzen Denkzusammenhang konstant und allgemeingültig, dessen Verbindungen begründet, in dem endlich die Teile zum Zweck der Mitteilung zu einem Ganzen sich verbinden« (Einl. in d. Geisteswissensch. I, 5. vgl. I, 177 ff.). Nach A. DREWS ist alle Wissenschaft »Logifizierung oder Rationalisierung des Gegebenen« (Anmerk. zu Schellings Münch. Vorles. S. 270). Nach L. ZIEGLER ist die Wissenschaft »die Selbstbewußtwerdung des Unbewußten« (Wesen d. Kultur, S. 106 ff.). Die Philosophie ist die Wissenschaft kat exochen (l. c. S. 113). RABIER bestimmt: »La science est la recherche des raisons des choses« (Psychol. p. 2). HUSSERL erklärt: »Zum Wesen der Wissenschaft gehört... die Einheit des Begründungszusammenhanges, in dem mit den einzelnen Erkenntnissen auch die Begründungen selbst und mit diesen auch die höheren Komplexionen von Begründungen, die wir Theorien nennen, eine systematische Einheit erhalten« (Log. Unters. I, 15) - Nach J. REHMKE ist Wissenschaft »die allgemeingültige Aussage von etwas, welches in fragloser Klarheit gegeben ist« (Allgem. Psychol. S. 1). Nach R. WAHLE ist Wissenschaft »ein Schatz von errungenen, positiven Wahrheiten« (Das Ganze d. Philos. S. 8).

A. RIEHL betont: »Es gibt keine ›ideographische‹, das Einzelne als solches nur beschreibende Wissenschaft« (Zur Einf. in d. Philos. S. 171). Der ökonomische Wert der Wissenschaft (Ersparnis von Erfahrungen) ist nicht der einzige, den sie besitzt, nicht der höchste. »In der Erkenntnis befriedigt sich zugleich der Einheitstrieb des Denkens« (l. c. S. 174). HÖFFDING bemerkt ähnlich: »Der Drang nach wissenschaftlicher Forschung ist eine spezielle Form des Dranges nach Übereinstimmung mit dem eigenen Ich unter allen mannigfachen und wechselnden Erfahrungen« (Philos. Probl. S. 2).

Auf praktische Bedürfnisse basiert die Wissenschaft CLIFFORD (Üb. d. Ziele u. Werkzeuge d. wissensch. Denkens, 1896). So auch E. MACH. Nach ihm herrscht in der Wissenschaft das »denkökonomische« Prinzip (s. Ökonomie), demgemäß wir Erfahrungen in allgemeine Formeln bringen, die uns eine ganze Klasse von Fällen beherrschen lassen. Die Wissenschaft entsteht immer »durch einen Anpassungsprozess der Gedanken an ein bestimmtes Erfahrungsgebiet« (Anal. d. Empfind.4, S. 25). »Im Kampfe der erworbenen Gewohnheit mit dem Streben nach Anpassung entstehen die Probleme, welche mit der vollendeten Anpassung verschwinden, um andern, die einstweilen auftauchen, Platz zu machen« (ib.). Die Wissenschaft hat »teilweise vorliegende Tatsachen in Gedanken zu ergänzen«. Die genaue Beschreibung (s. d.) ist ihre Methode (Populärwissensch. Vorles. S. 269). Nach H. CORNELIUS ist alle Wissenschaft »nichts anderes als zusammenfassende Beschreibung der Erscheinungen durch Angabe der gesetzmäßigen Zusammenhänge, welchen dieselben sich einordnen« (Einl. in d. Philos. S. 271). OSTWALD bezeichnet es als die Aufgabe der Wissenschaft, »die in ihr auftretenden Mannigfaltigkeiten in solcher Weise darzustellen..., daß nur die tatsächlich in den darzustellenden Erscheinungen angetroffenen und nachgewiesenen Elemente in die Darstellung aufgenommen werden, alle andern ungeprüften Elemente aber fernzuhalten. Dadurch sind alle sogenannten anschaulichen Hypothesen oder physikalischen Bilder ausgeschlossen« (Vorles. üb. Naturphilos.2, S. 213 ff.). Nomologische (s. d.) und ontologische Wissenschaften unterscheidet J. V. KRIES (Das Princ. d. Wahrscheinlichkeitsrechn. 1886, S. 85 f.). In Naturund Geisteswissenschaften (s. d.) gliedert sich die Wissenschaft nach WUNDT, und zwar nach logischen Gesichtspunkten (vgl. Syst. d. Philos.2, S. 21. Philos. Stud. II, 1 ff.. V, 1 ff.. Einl. in d. Philos.). Natur- und Geschichtswissenschaften unterscheidet (wie WINDELBAND) H. RICKERT. Erstere betrachten die Gegenstände nach ihrer allgemeinen Gesetzlichkeit, letztere nach ihrer Individualität (Grenzen d. naturwiss. Begriffsbild.). AD. MENZEL teilt die Wissenschaften nach den Objekten ein in Naturund Kulturwissenschaften, »je nachdem natürliche Dinge und Vorgänge oder die Erzeugnisse der menschlichen Kultur den Gegenstand der Forschung bilden«. »Die Kulturwissenschaften haben Objekte der wissenschaftlichen Forschung, welche in verschiedenem Grade der menschlichen Einwirkung unterliegen. Im Mittelpunkte der Kulturerscheinungen steht der nach Motiven handelnde Mensch.« Das teleologische Moment tritt hier neben der Kategorie der Ursache als richtunggebend auf. »Das gemeinsame Band aller Kulturwissenschaften liegt... in der wissenschaftlichen Möglichkeit der Anwendung des Zwecks- und Wertgedankens der Kritik und in der durch die Theorie selbst herbeigeführten Veränderlichkeit der Objekte wissenschaftlicher Forschung« (Natur- und Kulturwissenschaft, Wissensch. Beilage zum 16. Jahresbericht d. Philos. Gesellsch. zu Wien, 1903, S. 115 ff.. vgl. JODL, Die Kulturgeschichtsschreibung, 1878). Eine reichgegliederte, systematische Einteilung der Wissenschaften gibt B. WEISS (Gesetze d. Geschehens, Arch. f. system. Philos. IX, 1903, B. 58 ff.). - Vgl. OPZOOMER, Logik, 1852. Du BOIS-REYMOND, Kulturgesch. u. Naturwissensch., 1878. K. V. VIERORDT, Die Einheit der Wissenschaften, 1865. G. TH. MASARYK, Vers. ein. konkret. Logik, 1887. JANET, Princ. de mét. I, 96 ff., 118 ff.. B. ERDMANN, Die Gliederung der Wissenschaften, Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. II, 1878, S. 77 f.. P. DU BOIS-REYMOND, Üb. d. Grundlagen d. Erkenntnis in d. exakt. Wissensch., 1890. - Vgl. Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften, Philosophie.


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