Wirken

Wirken (poiein, operari, efficere) heißt sich als Ursache (s. d.), kausaler Faktor verhalten, d. i. durch seine Selbstveränderung eine Fremdveränderung (eine Veränderung außerhalb der direkten Tätigkeitssphäre) setzen, nach sich ziehen, gemäß einer Gesetzmäßigkeit, welche den Zusammenhang des Geschehens in bestimmter, dem Wesen der Dinge entsprechenden Weise regelt. Der Begriff des Wirkens hat seine ursprüngliche Quelle im Bewußtsein der Ich-Tätigkeit, welche in die Objekte (s. d.) hineingelegt wird, so daß nun diese als wirkende, wirkungsfähige Wesen erscheinen. Die Wissenschaft abstrahiert aber von allem »Innensein«, aller »inneren«, transzendenten Modifikation und bestimmt das Wirken rein äußerlich als (konstante) Abhängigkeit eines Geschehens von anderem (s. Kausalität). Nach LOTZE ist Wirken »Zusammenstimmen unabhängiger innerer Entwicklungen der Dinge« (Met.2, S. 135. vgl. S. 492). Nach BRANISS ist das Wirken »die Bewegung des Geschöpfes in anderes, und somit diejenige Seite an ihm, in welcher es seine Substanz negiert« (Syst. d. Met. S. 280). Nach PLANCK ist Wirken »intensive Beziehung und Tätigkeit in ein anderes hinein. Ein Wirken, das doch rein und schlechtweg in sich selbst bliebe, nicht in ein anderes hinein tätig wäre, ist der unmittelbare Widerspruch« (Testam. ein. Deutsch. S. 71). Nach R. SEYDEL kann das Wirken nur im Innern der Wesen vorgehen (Religionsphilos. S. 100). HAGEMANN bestimmt: »Wirken heißt tätig sein und dadurch etwas setzen.« Die Wirksamkeit richtet sich nach der Wesenheit (Met.2, S. 37. vgl. S. 43 f.). Nach SIGWART hat das »Wirken« ursprünglich den Sinn des Hervorbringens und vergeistigt sich dann »zu der gesetzmäßigen Abhängigkeit verschiedener Bewegungen, deren adäquater Ausdruck nur die mathematische Formel ist« (Log. I2, 97). Die Vorstellung des Wirkens ist nicht anschaulich (l. c. S. 403). »Ein Wirken wird zunächst da überall angenommen, wo räumliche und zeitliche Kontinuität der Bewegungen oder sonstigen Veränderungen verschiedener Dinge wahrgenommen werden. die bloße Sukzession von Vorgängen erschöpft aber den Sinn, den wir mit ›Wirken‹ verbinden, nicht, sondern muß durch den Gedanken ergänzt werden, daß das Tun eines Dinges (der Ursache) in das andere übergreife« (l. c. II2, 133). Nach SCHUPPE besteht das Wirken nur in der »Notwendigkeit der Sukzession resp. Koëxistenz« (Log. S. 92, 141, 146). Nach SCHUBERT-SOLDERN heißt Wirken eine Veränderung zur Folge haben (Gr. ein. Erk. S. 258). - R. HAMERLING bemerkt: »Wir können auf ein Ding nur wirken, indem unser An-sich auf das An -sich des Dinges wirkt, und so auch umgekehrt« (Atomist. d. Will. I, 20). »Unsere Sinnenwelt ist die Welt der Wirkungen« (l. c. S. 21). L. DILLES erklärt: »Die Körperwelt ist bloßer Empfindungskomplex, der als ein Passives, Aufgezwungenes nichts selbst bewirken kann. Das Wirken der Körper als solcher aufeinander ist nur ein scheinbares... Es wechseln ihr die Balancebilder.« Es ist das Wirken der Körper nur die gesetzmäßige kontinuierliche Sukzession von Daten (Weg zur Met. S. 262). - Vgl. Kausalität, Ursache, Wechselwirkung, Okkasionalismus, Operari.


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