Wiedererkennen

Wiedererkennen ist das Konstatieren eines Bekannten, Gekannten, schon Erlebten als solchen, das Finden bezw. Beurteilen eines Erkenntnisinhaltes als eines bereits Gehabten, Gewußten. Das unmittelbare Wiedererkennen beruht auf einem unterbewußt sich vollziehenden Assimilationsvorgang oder auf einem bewußten Vergleichen des Wahrgenommenen mit Reproduziertem. Das Bekanntheitsgefühl ist die Wirkung latent bleibender Dispositionen (s. d.) früherer Vorstellungen, welche der Wahrnehmung entgegenkommen, sie anders apperzipieren lassen als das Unbekannte. Wahrend das Wiedererkennen das Erkennen eines bestimmten Inhaltes als eines erlebten ist, besteht das Erkennen (psychologisch) m der, ähnlich gearteten, Apperzeption eines Inhalts in seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse von Objekten. Das Kennen ist das Wissen (s. d.) um etwas, das als Produkt des Erkennens auftritt.

CHR. WOLF erklärt: »Ideam reproductam recognoscere dicimus, quando nobis conscii sumus, nos eam iam antea habuisse« (Psychol. empir. § 173). - Nach FRIES heißt Kennen »einen Gegenstand von andern unterscheiden« (Syst. d. Log. S. 362). nach J. E. ERDMANN »eine bestimmte Vorstellung haben« (Gr. d. Psychol. § 137). Nach BIUNDE erkennen wir, wenn »das Erscheinende gefunden wird als unter der Vorstellung oder dem Begriffe stehend, der darauf im Denken bezogen wurde« (Empir. Psychol. I, 2, 233). »Das Erkennen macht nicht die Dinge bekannt, nur ihre Verhältnisse zu anderen Dingen« (l. c. S. 245). Wiedererkennen ist »das Erkennen, daß das erscheinende Ding dasselbe sei, welches auch früher schon erschien« (l. c. S. 238). - Nach GL. GERBER ist das Kennen »die stets bereite Erinnerung an ein Vorgestelltes« (Das Ich, S. 283).

In der neueren Psychologie herrschen zwei gegensätzliche Ansichten über das direkte Wiedererkennen. Nach der einen (viele Engländer, HÖFFDING u. a.) ist das Wiedererkennen ein unmittelbarer Prozess, der sich an die Vorstellungen selbst knüpft, nach der andern (LEHMANN, WUNDT u. a.) beruht es auf Assoziation oder bewußter Vergleichung. HÖFFDING führt das unmittelbare (direkte) Wiedererkennen auf eine »Bekanntheitsqualität« bereits einmal gehabter Vorstellungen zurück. Diese Qualität beruht auf bestimmten Dispositionen. »Das Wiedererkennen (und die Bekanntheitsqualität) entsprechen der Leichtigkeit, mit welcher vermöge der Disposition des Gehirns die Umlagerung bei Wiederholung des Eindrucks geschieht« (Psychol. S. 162 ff.. vgl. Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. XIII, 420 ff., XIV, 27 ff.. Philos. Stud. VIII, 86 ff.). »Das Wiedererkennen beruht darauf, daß zwischen neuen und früheren Erfahrungen ein Zusammenhang besteht. Im Akte des Wiedererkennens werden alle zwischenliegenden Erfahrungen beiseite gedrängt, und die neue Erscheinung wird unmittelbar oder mittelbar, unwillkürlich oder nach einiger Überlegung mit einer früher vorgekommenen Erscheinung identifiziert« (Philos. Probl. S. 34). Auf einem »feeling of familiarity« beruht das Wiedererkennen u. a. nach BALDWIN (Handb. of Psychol. I2, ch. 10, p. 172 ff.. vgl. MORGAN, Introd. to compar. Psychol. ch. 4, u. a.). Nach FOUILLÉE: knüpft sich die »familiarité« an die »facilité de représentation«, an eine »diminution de résistance et d'effort« (Psychol. d. id.-forc. I, 235 ff., 242). Wiedererkennen (reconnaître) ist zunächst »avoir conscience d'agir avec une moindre résistance« (l. c. p. 242). Es ist »un jeu d'optique intérieure produit par des opérations appétitives et sensitives« (l. c. p. 247 ff.). »la conscience des ressemblances et des différences, qui fait le fond de la reconnaissance, vient de ce que chague image vive est saisie simultanément et classée avec d'autres quoique différents par leurs cadres et leurs milieux« (l. c. p. 250). Daß das Wiedererkennen nicht auf Vergleichung beruht, betont H. BERGSON (Mat. et Mém. p. 91 ff.). Nach H. CORNELIUS ist das Wiedererkennen eine ursprüngliche Tatsache, die ohne Vergleichung sich schon vollzieht (Psychol. S. 28 ff.). Die Ähnlichkeit des Neuen mit dem Vergangenen tut sich uns unmittelbar kund (Einl, in d. Philos. S. 213). »Die Bedingung, unter welcher allein ein Inhalt als ein gewohnter, d.h. eben als ein von früher her bekannter erscheinen kann, ist die im Bewußtsein vorhandene Nachwirkung eben jener früheren Erlebnisse, durch welche er zum gewohnten geworden ist« (l. c. S. 216). Diese Nachwirkung faßt ZIEHEN rein physiologisch auf, als »Abstammung« von Rindenzellen, die diese für ähnliche Erregungen zugänglicher macht (Leitfad. d. physiol. Psychol.2, S. 141 ff.. vgl. MÜNSTERBERG, Beitr. zur exper. Psychol. 1. H.).

Nach LAZARUS erkennen wir, indem wir »das Bild, welches jetzt in unserem Innern entsteht, mit den früheren gleichartigen Bildern verknüpfen und damit als gleichzeitige auffassen« (Leb. d. Seele II2, 44 ff.). Nach JODL wird erkannt »dasjenige, was durch frühere partiell identische oder ähnliche Eindrücke, die zu einer gegebenen Erregung hinzufließen und sich mit ihr summieren, verdeutlicht wird« (Lehrb. d. Psychol. S. 484). Nach B. ERDMANN wird ein Gegenstand erkannt, »sofern derselbe auf Grund der Sinnes- oder Selbstwahrnehmung als dieser bestimmte einzelne, als Exemplar einer Art oder als Art einer Gattung vorgestellt wird«. »Alles Erkennen ist Wiedererkennen« (Log. I, 41). »Das Wiedererkennen beruht auf der Zusammenwirkung des durch die gegenwärtigen Reize Gegebenen mit den Gedächtnisresiduen früherer Vorstellungen« (l. c. I, 41 f.. vgl. Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. X, 318 f.). Nach A. LEHMANN beruht das Wiedererkennen auf mittelbarer Assoziation, auf einer Assimilation von Elementen von Vorstellungen (Philos. Stud. V, 69 ff.. VII, 169 ff.). Nach WUNDT gibt es keine spezifische Bekanntheitsqualität, wohl aber ein »Bekanntheitsgefühl«, »Wiedererkennungsgefühl« (Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 442 ff.. Gr. d. Psychol.5, S. 285). Beim sinnlichen Wiedererkennen eines schon einmal (vor kurzem) erlebten Eindruckes pflegt sich die dem Wiedererkennen zugrunde liegende Assoziation »unmittelbar als eine simultane Assimilation zu vollziehen, wobei sich der Vorgang von den sonstigen... Assimilationen nur durch ein eigentümliches begleitendes Gefühl, das Bekanntheitsgefühl, unterscheidet. Da ein solches Gefühl immer nur dann vorhanden ist, wenn zugleich in irgend einem Grad ein ›Bewußtsein‹ davon existiert, daß der Eindruck schon einmal dagewesen sei, so ist dasselbe offenbar jenen Gefühlen zuzurechnen, die von den dunkleren im Bewußtsein anwesenden Vorstellungen ausgehen. Der psychologische Unterschied von einer gewöhnlichen simultanen Assimilation muß also wohl darin gesehen werden, daß in dem Moment, wo sich bei der Apperzeption des Eindrucks der Assimilationsvorgang vollzieht, zugleich irgend welche Bestandteile der ursprünglichen Vorstellung, die nicht an der Assimilation teilnehmen, in den dunkleren Regionen des Bewußtseins auftauchen, wobei nun ihre Beziehung zu den Elementen der apperzipierten Vorstellung in jenem Gefühl zum Ausdruck kommt« (Gr. d. Psychol.5, S. 285). »Verfließt... eine gewisse Zeit, bis die allmählich im Bewußtsein aufsteigenden früheren Vorstellungselemente ein deutliches Wiedererkennungsgefühl hervorrufen, so trennt sich der ganze Vorgang in zwei Akte: in den der Auffassung und den der Wiedererkennung.« Das »mittelbare Wiedererkennen« besteht »darin, daß ein Gegenstand nicht vermöge der ihm selbst zukommenden Eigenschaften, sondern mittelst irgend welcher begleitender Merkmale, die nur in zufälliger Verbindung mit ihm stehen, wiedererkannt wird, also z.B. eine begegnende Person mittelst einer andern, die sie begleitet und dgl.« (l. c. S. 286 f.. vgl. VILLA, Einl. in d. Psychol. S. 293). KÜLPE erklärt: »Das Wiedererkennen kann sich in sehr verschiedener Weise vollziehen, bald in der Form allgemeinerer oder speziellerer Urteile, die die Bekannschaft mit einem Gegenstande oder einem Ereignis ausdrücken, ohne daß die ihrer früheren Wahrnehmung entsprechenden Empfindungen reproduziert werden - unmittelbares Wiedererkennen. bald mit Hülfe reproduzierter Empfindungen, die sich an das eben Wahrgenommene oder Vorgestellte anschließen und gewisse Umstände andeuten, die der früheren Situation angehörten - mittelbares Wiedererkennen. Nach meiner Erfahrung findet die Reproduktion der der früheren Wahrnehmung entsprechenden, sie mehr oder weniger treu wiederholenden Erinnerungsbilder nur selten statt.« Die Grundlage eines unmittelbaren Wiedererkennungsurteils besteht »teils in der besondern zentral erregenden Wirksamkeit der bekannten Eindrücke oder Erinnerungsbilder, teils in der eigentümlichen Stimmung, in die sie uns zu versetzen pflegen« (Gr. d. Psychol. S. 177). »Jeder Eindruck veranlaßt ein bestimmtes Verhalten des lebenden Wesens ihm gegenüber, die bekannten Erscheinungen reproduzieren mit relativer Leichtigkeit und Sicherheit ein früher bereits angewandtes und bewährtes sensorisches und motorisches Verhalten, die unbekannten müssen erst zu einer entsprechenden Reaktionsform verarbeitet werden« (l. c. S. 178 f.. vgl. S. 180). »In gewissen Fällen, namentlich, wenn sich die Erinnerung nur mühsam im vollen Umfange wieder einstellt, läßt sich ein wirkliches Vergleichen zwischen den reproduzierten und den peripherisch erregten Eindrücken beobachten« (l. c. S. 181 f.). - Nach W. JERUSALEM ist das Wiedererkennen »ein Urteil, daß auf Grund von Ähnlichkeits- und Berührungsassoziationen gefällt wird« (Lehrb. d. Psychol.3, S. 82). - Nach A. MEINONG ist die Bekanntheit keine Qualität von Vorstellungen, sondern von Urteilen (Zeitschr. f. Psychol. VI, 1894, S. 375). - Nach REHMKE gibt es keine Bekanntheitsqualität. Das Bekannte ist »dasjenige unseres Bewußtseinsinhaltes, was als früher schon Gehabtes uns bewußt ist«. Es beruht auf einem Vergleichen (Allgem. Psychol. S. 497, 502 ff., 509 ff.). Ein Akt des Vergleichens ist das Wiedererkennen auch u. a. nach F. FAUTH (Das Gedächtnis, 1898). Vgl. Notal.


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