Unbewußt - Hartmann

Nach E. V. HARTMANN hat die Bewußtheit selbst keine Grade nur Gradverschiedenheiten des jeweiligen Inhalts (Philos. d. Unbew. I10, 51 ff.). Der Gegensatz zwischen bewußt und unbewußt ist ein kontradiktorischer (l. c. II10, 498 ff.). Zu unterscheiden sind: 1) das physiologische, 2) das relativ, 3) das absolut Unbewußte (l. c. III10, 300 ff.). »Das physiologische Unbewußte umfaßt die ruhenden molekularen Prädispositionen der materiellen Zentralorgane des Nervensystems, beziehungsweise bei niederen Organismen des Protoplasmas« (Moderne Psychol. S. 76 f.). »Das relativ Unbewußte sind psychische Phänomene, die wohl für Individualbewußtseine niederer Stufen innerhalb des Organismus bewußt sind, für das oberste Zentralbewußtsein oder Samtbewußtsein des Organismus aber unter der Schwelle und darum unbewußt bleiben« (l. c. S. 77). Das absolut Unbewußte ist an sich unbewußt und doch psychisch, geistig (l. c. S. 78). Es ist im All »das einheitliche metaphysische Wesen mit den Attributen des unbewußten Willens und der unbewußten Vorstellung« (l. c. S. 79. s. Unbewußte, das). Das Wollen (s. d.) ist »immer unmittelbar unbewußt«. die unbewußte Vorstellung ist »wesentlich ideale Anticipation eines zu realisierenden Willenserfolges«, ist »unsinnlich-übersinnlich, d.h. frei von sinnlichen Empfindungsqualitäten«, konkret, singulär, rein aktiv, produktiv, ist »logische Intellektualsfunktion, analytisch-synthetische Determination des Wollens, intellektuelle Anschauung« (l. c. S. 79. vgl. Philos. Monatsh. Bd. 28, S. 1 ff., 7 ff.. Bd. 4, S. 63 f.). Die unbewußte psychische Tätigkeit setzt die bewußten Phänomene (Mod. Psychol. S. 80. vgl. Bewußtsein). Die geistige Tätigkeit ist, vom Zentrum, vom Subjekt aus gesehen, unbewußt (l. c. S. 81). Das Unbewußte ist »Untergrund des Seelenlebens, das oberste Individualbewußtsein aber nur seine Oberfläche, bis zu welcher nur ein kleiner Teil der unbewußten Vorgänge emporragt« (l. c. S. 121). »Die produktive, formierende und realisierende Tätigkeit selbst fällt nicht unmittelbar ins Bewußtsein, bleibt direkt unwahrnehmbar und kann nur erschlossen und gefolgert werden« (l. c. S. 122). »Das Unbewußte, sowohl das relativ, als auch das absolut Unbewußte kann nur etwas anderes sein ab Hypothese« (l. c. S. 122 f.). »Das relativ Unbewußte liefert das Material für immer höhere und höhere Synthesen. die absolut unbewußte psychische Tätigkeit formt diese Synthesen aus jenem vorgefundenen Material, das sie selbst zuvor auf niederer Stufe geformt hat« (l. c. S. 125). - Arten des (möglichen) Unbewußten: A. Das erkenntnistheoretische Unbewußte: 1) das nicht aktuell Gewußte, Gekannte. 2) die objektive Wahrnehmungsmöglichkeit. 3) das Unerkennbare. B. Das physische Unbewußte: 4) das Bewußtlose. 5) das Bewußtseinsunfähige. 6) das stationäre physiologische Unbewußte. 7) das funktionelle physiologische Unbewußte. C. Das psychische Unbewußte: a. 8) das minder Bewußte. 9) das unklar und undeutlich Bewußte. 10) das Unbeachtete. 11) das nicht reflektiert Bewußte. 12) das nicht auf das Ich Bezogene. b. 13) das in niederen Bewußtseinen bewußte relativ Unbewußte. 14) das in einem höheren Individualbewußtsein bewußte relativ Unbewußte. c. 15) die absolut unbewußte psychische Individualsfunktion. sie ist überbewußt, ein Positives. 16) das absolut unbewußte IndividualSubjekt der psychischen Individualsfunktion. D. Das metaphysische Unbewußte: 17) das metaphysische relativ Unbewußte. 18) die absolut unbewußte Universaltätigkeit. 19) der unbewußte absolute Geist, das unbewußte absolute Subjekt, die Weltsubstanz (Zum Begriff d. Unbewußten, Arch. f. systemat. Philos. VI, 1900, S. 273 ff.). Das psychische Phänomen als solches ist nie absolut unbewußt. »Psychische Phänomene sind immer bewußt, eben weil sie psychische Phänomene oder Erscheinungen sind. darin, daß sie einer Psyche erscheinen, darin besteht eben ihr Bewußtwerden« (Der Urspr. d. Unbewußten, Deutschl. 1903, H. 13, S. 38). Absolut unbewußt sind nur psychische Tätigkeiten (l. c. S. 39 ff.).


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