Monismus

Monismus (monos, eins, einzig) (metaphysisch): 1) Einheitslehre, d.h. jene metaphysische Ansicht, nach welcher es nur eine Wirklichkeitsart, ein Seinsprinzip gibt, sei dieses nun Geist (Spiritualismus, Idealismus, s. d.) Materie (Materialismus, s. d.), oder die Einheit, der gemeinsame Träger beider ( Identitätsphilosophie, B. d.). Der »philosophische« Monismus ist von dem »naturalistischen«, sich »Monismus« nennenden »Pseudomonismus«, der in Wahrheit verhüllter Dualismus und Hylozoismus (s. d.) ist, zu unterscheiden. Der metaphysische Monismus, der nur eine Wirklichkeitsweise als absolut real setzt, ist mit einem »empirischen«, »methodischen« Dualismus (s. d.) vereinbar. Monismus bedeutet 2) Einzigkeitslehre, d.h. die Ansicht, daß alle Dinge Modifikationen einer Wesenheit (Natur, Materie, Weltseele, Gottheit) sind (= metaphysischer »Henismus«, bezw. Pantheismus, s. d.). Der psychologische Monismus lehrt die Einheit von Psychischem und Physischem, sei es in materialistischer, spiritualistischer oder identitätsphilosophischer Form. Der erkenntnistheoretische Monismus behauptet, die einzige Wirklichkeit sei die erfahrungsmäßig gegebene, erlebte, sinnenfällige, bewußtseinsimmanente Realität. Der ethische Monismus leitet das Sittliche (s. d.) aus einem einzigen Moralprinzip ab. Der theologische (religiöse) Monismus ist entweder Theismus (s. d.) oder Pantheismus (s. d.); letzterer ist, als Extrem. »Akosmismus«, Gott hat alleinige wahre Realität. Der logische Monismus erkennt nur ein Erkenntnisprinzip, keine Dualität von Form und Materie des Erkennens an (M. PALÁGYI). Zu ihm gehören auch der (extreme) Rationalismus und Empirismus (s. d.). Naturwissenschaftlicher (physikalischer) Monismus heißt (auch) die energetische (s. d.), die Materie eliminierende Lehre (OSTWALD u. a.).

Den Ausdruck »Monist« anbelangend, so erklärt CHR. WOLF: »Monistae dicuntur philosophi, qui unum tantummodo substantiae genus admittunt« (Psychol. rational. § 32). Bei J. G. FICHTE findet sich »Unitismus« (WW. II, 89). »Monismus des Gedankens« nennt GÖSCHEL (Monism. d. Gedank. 1832) den Hegelschen Panlogismus (s. d.). E. V. HARTMANN möchte den qualitativen Monismus lieber als »Unitarismus« bezeichnen (Mod. Psychol. S. 371).

Mehr oder weniger rein wird die Einheitslehre vertreten durch die ionischen Naturphilosophen (s. d. und »Princip«), die Atomistik (s. d.). die Stoiker (s. d.), Epikureer (s. d.), ferner durch G. BRUNO, SPINOZA, LEIBNIZ, BERKELEY, J. G. FICHTE, SCHELLING, HEGEL, SCHOPENHAUER, J. H. FICHTE, CARRIERE, WUNDT, H. SPENCER, CLIFFORD, RENOUVIER, F. MASCI, NIETZSCHE, FECHNER, K. LASSWITZ, PAULSEN u. a. Einen »kritischen« (philosophischen) Monismus lehrt RIEHL (Philos. Kritic. II2, 206; s. Identitätslehre). Einen »immanenten«, »empirischen«, »kritischen«, »transzendentalen« Monismus vertritt F. SCHULTZE: Alles ist, als unsere Vorstellung, gleichartig, unsere Erfahrungswelt ist einheitlich. »Die Vorstellungswelt ist... dualistisch, insofern sie der Erscheinungswelt eine hypothetisch notwendig gesetzte Welt der Dinge an sich unterstellt« (= »kritischer Dualismus«; Philos. d. Naturwissenschaft II, 201 f.). P. CARUS versteht unter Monismus die höhere Einheit von Idealismus und Realismus. Die Welt ist »das Resultat aus Subjekt und Objekt«, Geist und Materie sind durcheinander bedingt; das An-sich beider » congruiert« im Metaphysischen (Met. S. 33 f.; Fundam. Probl. 1889). Der kritische Monismus ist Idealrealismus, Realidealismus (l.c. S. 226). Einen » dynamischen« Monismus lehrt L. FERRI, einen Monismus als Glauben HUXLEY (Sociale Essays S. XL), einen metaphysischen Monismus M. L. STERN (Philos. u. naturwiss. Monism. 1885), einen idealistischen, das Mechanische als Äußerung geistiger Kräfte bestimmenden Monismus A. FOUILLEÉ (s. Voluntarismus). Den »positiven Monismus«, der hinter allen Erscheinungen eine Urkraft konstatiert, vertritt G. RATZENHOFER (Pos. Eth. S. 33). »Monismus« heißt auch die Ansicht, daß ein Wirkliches mit zwei Eigenschaften (Attributen), Empfindung und Bewegung, existiert: B. CARNERI, E. HAECKEL. (Die Welträtsel), L. NOIRÉ (Der monist. Gedanke 1875), L. GEIGER (Urspr. d. Sprache), nach welchen den beiden Attributen Bewegung und Empfindung ein »Monon« zugrunde liegt (NOIRÉ, Einl. und Begr. e. monist. Erk. S. 183).

Die Einzigkeitslehre finden wir bei XENOPHANES, HERAKLIT, den Stoikern, G. BRUNO, SPINOZA, J. G. FICHTE, SCHELLING, HEGEL, SCHOPENHAUER, NIETZSCHE, H. SPENCER u. a. (s. Gott, Pantheismus). Einen Individualismus innerhalb des Monismus lehrt J. FRAUENSTÄDT, M. CARRIERE (Sittl. Weltordn. S. 384), so auch E. V. HARTMANN. Dessen »konkreter Monismus« beschränkt die Identität der Dinge mit dem Absoluten, Unbewußten (s. d.) auf »das dem Erscheinungsindividuum zugrunde liegende Wesen« (Phänomenol. d. sittl. Bewußts. S. 860). Der konkrete Monismus ist das System, nach welchem »das Eine durch die Vielheit seiner dynamischen Funktionen und Funktionengruppen im Widerspiel dieser Dynamik zu vielen realen Individuen sich concresziert und als der denselben immanent substantielle Träger ihre reale Existenz in gesetzmäßiger, relativer Konstanz aufrecht erhält« (Philos. Frag. d. Gegenw. S. 69). O. CASPARI stellt dem »spiritualistischen« den »empirischen« Monismus gegenüber. »Nach letzterem sind Weltschöpfer und Weltplan ausgeschlossen, der empirische Monismus ist causal-mechanische Weltanschauung. Der kausale Mechanismus besteht aber aus einer Reihe relativ getrennter Einzelfaktoren« (Zusammenh. d. Dinge S. 442). Nach F. MACH existiert »das eine und einzige, absolute, ewige Weltwesen - das Universum, das Allleben oder die Natur - als Komplex materiell-geistiger Kräfte, das sich nach immanenten notwendigen Gesetzen betätigt und in einer Stufenreihe teleologischer Organisationen, deren irdischer Abschluß der Mensch ist, entwickelt« (Religions- u. Weltprobl. S. 464). Einen theistischen Monismus vertritt A. L. KYM. - E. HAECKEL versteht unter Monismus die »einheitliche Auffassung der Gesamtnatur« (Der Monism. S. 9), die Ansicht, daß die Welt eine »kosmische Einheit« bildet (l.c. S. 10), daß Gott und Welt eins sind (l.c. S. 12; ähnliche Anschauung bei D. F. STRAUSS, auch bei L. BÜCHNER, C. VOGT, MOLESCHOTT, CZOLBE, NOACK u. a.).

Den erkenntnistheoretischen Monismus lehrt der (erkenntnistheoretische) Idealismus (s. d.), besonders bei BERKELEY, HUME, J. ST. FICHTE, bei J. ST. MILL, REHMKE (Welt als Wahrn. u. Begriff S. 68), SCHUPPE, SCHUBERT-SOLDERN, M. KAUFFMANN, LECLAIR: »Ablehnung eines transzendentalen Faktors der Erkenntnis« (Beitr. S. 9), ZIEHEN, M. VERWORN (= »Psychomonismus«, Allgem. Physiol.2, S. 39), in anderer Weise (mehr realistisch) auch bei E. MACH, R. AVENARIUS. Ferner bei EBBINGHAUS, E. KÖNIG, G. HEYMANS u. a. (s. Parallelismus). - Vgl. die Zeitschrift »The Monist«, herausgegeb. von P. Carus 1890 ff. (auch die ältere Zeitschrift »Kosmos«). - Vgl. Seele, Pantheismus, Parallelismus (psychophysischer), Wirklichkeit.


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