Instinkt

Instinkt (instinctus, Antrieb) ist (Subjektiv) eine Art des Triebes (s. d), eine Regsamkeit des psychophysischen Organismus, die, ohne Bewußtsein (Wissen) des Endzieles, eine zweckmäßige Handlung (Bewegung) einleitet. Der Instinkt beruht auf einer Anlage (s. d.) des Organismus, die als Produkt von Willens- und Triebbetätigungen früherer Generationen und der Vererbung jener aufzufassen ist. Die Instinkthandlungen sind mehr als mechanisch, sie sind zwar nicht Objekt des Bewußtseins, aber doch Bewußtseinsfunktionen von geringer Klarheit, (generell) mechanisierte (s. d.) Willensvorgänge. Sie gehen von inneren Reizen, Impulsen aus, welche teilweise von außen ausgelöst werden. Die individuelle Erfahrung ist nicht ohne Einfluß auf die Modifikation der Instinkte, die sich oft mit eigentlichen Trieb- oder Willenshandlungen verbinden. Neben den individuellen, selbstischen gibt es soziale Instinkte.

Die Instinkte gelten bald als unbewußte Intellekt- und Willenshandlungen, bald als bloße Reflexbewegungen, sie werden bald einer universalen Vernunft zugeschrieben, bald als Produkte individueller Erfahrung und Gewohnheit, bald endlich als vererbte mechanisierte Triebe und Dispositionen betrachtet. - Im weitesten Sinne heißt »Instinkt« die »Spürkraft« des Geistes.

Über die Instinkte der Tiere handelt schon SENECA (Epist. 121). Vom »instinctus naturae« (Naturtrieb) sprechen die Scholastiker (vgl. THOMAS, Contr. gent. III, 75). HERBERT VON CHERBURY betrachtet den »instinctus naturalis« als subjektive Quelle teleologischer oder Wertbegriffe. »Instinktus naturales sunt actus facultatum illarum in omni homine sano et integro existentium, a quibus communes illae notitiae circa analogiam rerum internam, cuiusmodi sunt, quae circa causam, medium et finem rerum bonarum, malum, pulchrum, gratum etc.... per se etiam sine discursu conformantur« (bei RITTER, Gesch. d. Philos. X, 406). SHAFTESBURY bemerkt: »The world innate let us change it, if you will for instinct, and call instinct, that nature teaches, exclusive of art, culture or discipline« (The Moral. III, 2). REID erklärt: »By instinct, I mean a natural impulse to certain actions, without having any end in view, without deliberation, and very without any conception of what we do« (On the act. pow. III, 2). Nach BILFINGER ist der »instinctus naturalis« »species appetitus sensitivi et aversationis ea, quam sine conscientia sui concipimus« (Diluc. § 292). KANT versteht unter Instinkt »ein gefühltes Bedürfnis, etwas zu tun oder zu genießen, wovon man noch keinen Begriff hat« (Relig. S. 28), »die innere Nötigung der Begehrungsvermögens zur Besitznehmung dieses Gegenstandes, ehe man ihn noch kennt« (Anthropol. I, § 79). Nach CHR. E. SCHMID ist der Instinkt unerklärbar (Empir. Psychol. S. 387; vgl. S. 351). JACOB erklärt den Instinkt als »Erregbarkeit des Begehrungsvermögens durch das bloße Gefühl« (Gr. d. empir. Psychol. § 223). Nach GEORGE ist der Instinkt die »Gesamtheit der Bewegungen, insofern sie durch den Affekt bestimmt und geregelt werden« (Lehrb. S. 171). G. E. SCHULZE definiert: »Ist mit dem Naturtriebe eine Vorstellung oder Ahnung dessen, was dem gefühlten Bedürfnisse abhilft, schon auf angeborene Art verbunden, so wird er Instinkt genannt« (Psych. Anthropol. B. 411). Nach ESCHENMAYER ist Instinkt oder Trieb (s. d.) »alles, was als innere Nötigung und Aufforderung in uns vorkommt« (Psychol. S. 44). Nach BURDACH ist der Instinkt unbewußte Äußerung der Lebenskraft, »organische Selbsterhaltung in psychischer Form« (Blick ins Leb. I, 206 f.). Nach SCHOPENHAUER ist der Instinkt eine unbewußt- zweckmäßige Tätigkeit des Naturwillens (W. a. W. u. V. II. Bd., C. 27). Die Instinkthandlungen gehen aus einem inneren Trieb hervor, welcher aber »seine nähere Bestimmung, im Detail der einzelnen Handlungen und für jeden Augenblick, durch Motive erhält« (Üb. d. Freih. d. Will. III). K. G. CARUS definiert den Instinkt als die »sich unbewußt einbildende oder abbildende Idee« (Vergleich. Tierpsychol. 1866, S. 59 f.). Nach HANUSCH ist der Instinkt »das der unangenehmen Empfindung entsprechende Streben, sie selbst aufzuheben (zu negieren)« (Handb. d. Erfahrungs- Seelenl. S. 49). Jede Art des Instinkts ist eine besondere Weise des Strebens nach Lebenserhaltung (l.c. S. 50). Nach J. H. FICHTE ist der Instinkt »ein durch apriorisches und eben darum bewußtlos bleibendes Vorstellen geleiteter Trieb« (Zur Seelenfr. S. 29), »vernunftvolles, aber vorbewußtes Wollen« (Psychol. II, 41; vgl. II, 22, 80 ff., 128 ff.). Ein System von Instinkten liegt im Menschen schon vor dem Bewußtsein, als Quelle des Apriorischen, als das Apriorische selbst, bereit (l.c. II, 155; vgl. Anthropol. S. 471, 473). E. v. HARTMANN sieht im Instinkte ein bewußtes Wollen des Mittels zu einem unbewußt gewußten Zweck (Philos. d. Unbew. I10, 76). Nach CARNERI ist der Instinkt »ein Denken auf dem Standpunkt der bloßen Empfindung«, unbewußtes Denken (Sittl. u. Darwin. S. 47). Er ist »das Bewußtsein an sich in unterschiedsloser Objektivität« (l.c. S. 51). Es gibt eine Anpassung, Selection, Vererbung der Instinkte (l.c. S. 49). - VOLKMANN versteht unter dem Instinkt »jene organische Präformation, infolgederen ein bestimmter Trieb sich in eine bestimmte Leibesbewegung ohne Vermittlung einer klar vortretenden Vorstellung in konstanter Weise umsetzt« (Lehrb. d. Psychol. II4, 438). Nach FROHSCHAMMER ist der Instinkt »die von Natur (Geburt) aus innewohnende Befähigung der lebendigen Wesen, ohne vorangehende Erfahrung und ohne Unterweisung das zu tun, was der Trieb... erfordert. Instinkt ist lebendig gewordene und über das Individuum dem Raum und der Zeit nach hinausreichende teleologische Einrichtung des Tieres«, »noch unfreier Verstand« (Monad. u. Weltphantas. S. 30). Nach A. DÖRING ist der Instinkt »der in der unbewußten Taxierung seines Vermögens, in der unbewußten Wahl der Mittel und der unbewußten Umgehung der Hindernisse unfehlbare und daher stets erfolgreiche Trieb« (Philos. Güterlehre S. 190). O. SCHNEIDER: »Instinkt ist das psychische Streben nach Arterhaltung ohne Bewußtsein des Zweckes von diesem Streben« (Der menschl. Wille S. 109). KREIBIG definiert die Instinkte als »das Willenscorrelat von Bewegungen, bei deren Zustandekommen der biologisch nützliche Zweck unbewußt bleibt, aber die Veranstaltung der Bewegungen und zum Teil auch die Wahl der Mittel mit Bewußtsein erfolgt« (Werttheor. S. 76). Es gibt Instinkte der Selbsterhaltung und solche der Arterhaltung (l.c. S. 77). Vgl. LOTZE, Medicin. Psychol. S. 534 ff. Auf Gewohnheit und Erfahrung führt den Instinkt HUME zurück (Treat. III, sct. 16). Die Vernunft (s. d.) ist ein wunderbarer »Instinkt« unserer Seele, der uns von Vorstellung zu Vorstellung leitet (ib.). CONDILLAC bestimmt den Instinkt als »moi d'habitude« (Trait. des anim. 5). Auf die Gewohnheit bezieht den Instinkt RENOUVIER (Nouv. Monadol. p. 83). - Zur Erfahrung und Assoziation bringt ER. DARWIN den Instinkt in Beziehung (Zoonom.), zur Gewohnheit CUVIER. Auf vererbte Gewohnheiten führt die Instinkte CH. DARWIN zurück (Entsteh. der Art. S. 217). Diese Gewohnheiten entstehen durch natürliche Zuchtwahl (ib.). H. SPENCER bezeichnet die Instinkte als »zusammengesetzte Reflextätigkeiten« (Psychol. I, § 194, S. 451), Kombinationen von Eindrücken, auf welche Kombinationen von Zusammenziehungen folgen (l.c. S. 453). In den höheren Formen des Instinkts besteht wahrscheinlich ein rudimentäres Bewußtsein (ib.). Die Instinkte sind Produkte wiederholter Assoziationstendenzen in den Generationen (l.c. § 196, S. 458 f.). Der Instinkt ist »eine Art von organisiertem Gedächtnis« (l.c. § 199, S. 465). Nach PREYER ist der Instinkt ein »vererbtes Gedächtnis« (Seel. d. Kind.3, S. 186), nach EIMER eine »vererbte Gewohnheitstätigkeit« (Entsteh. d. Art. I, 240); vgl. G. H. SCHNEIDER (Der tier. Wille S. 146; Der menschl. Wille S. 68 f.). W. JAMES nennt den Instinkt »a mere excitomotor impulse, due to the preexistence of a certain ›reflex arc‹ in the nerve-centres of the creature« (Princ. of Psychol. II, 391). Der Instinkt ist »the faculty of acting in such a way as to produce certain ends, without foresight of the ends, and without previous education in the performance« (l.c. II, 383; vgl. p. 385, 389: Variabilität des Instinktes). Nach ZIEHEN sind die Instinkte »sehr komplizierte, aber... außerhalb des Vorstellungslebens sich vollziehende Reflexe« (Leitfad. d. physiol. Psychol.2, S. 12). Viele Instinkte sind aber »automatische Akte« (l.c. S. 13).

Nach FECHNER ist es wahrscheinlich, »daß auch die Natur die instinktiven Fähigkeiten und Fertigkeiten ihrer Tiere erst erlernen mußte, mit Bewußtsein erlernen mußte, um sie nachher mit halbem Unbewußtsein anzuwenden« (Zend. Av. I, 280). Auf Einübung, Vererbung und Mechanisierung des Eingeübten beruht der Instinkt nach L. WILSER (Die Vererb. d. geist. Eigensch. S. 9), LEWES (»lapsing of intelligence«) ROMANES (Geist. Entwickl. S. 24), RIBOT (»conscience éteinte«, L'héréd. psychol.5, p. 19), S. EXNER (Entwurf ein. physiol. Erkl. d. psych. Erschein. I), besonders nach WUNDT. Nach ihm sind die Instinkthandlungen »Bewegungen, die ursprünglich aus einfachen oder zusammengesetzten Willensakten hervorgegangen, dann aber während des individuellen Lebens oder im Laufe einer generellen Entwicklung vollständig oder teilweise mechanisiert worden sind«. Sie sind automatisch gewordene psychische Leistungen, die aber teilweise unter dem Einflusse von Motiven stehen. Sie sind das Resultat der Arbeit zahlloser Generationen. Der Vervollkommnung sind sie fähig. Durch Empfindungen und Gefühle werden sie ausgelöst; im Nervensystem sind fertige Dispositionen zu zweckmäßigen Bewegungen vorhanden (Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 510 ff., 591, 594; Essays 8, S. 217; Vorles.2, S. 422, 429, 437; Syst. d. Philos.2, S. 590). Die Instinkte sind »Triebhandlungen«. »Die physiologischen Ausgangspunkte der für die Instinkte vornehmlich maßgebenden Empfindungen sind... die Nahrungs- und die Fortpflanzungsorgane. Demnach lassen sich wohl alle tierischen Instinkte schließlich auf die beiden Klassen der Nahrungs- und der Fortpflanzungsinstincte zurückführen« (Gr. d. Psychol.5, S. 338). »Bei allen Instinkten gehen die individuellen Triebhandlungen von äußeren oder inneren Empfindungsreizen aus. Die Handlungen selbst sind aber den Trieb- oder einfachen Willenshandlungen zuzurechnen, weil bestimmte Vorstellungen und Gefühle als einfache Motive ihnen vorausgehen und sie begleiten. Die zusammengesetzte, auf angeborener Anlage beruhende Beschaffenheit der Handlungen läßt sich hierbei nur aus generell erworbenen Eigenschaften des Nervensystems erklären, infolgederen auf gewisse Reize sofort und ohne individuelle Einübung angeborene Reflexmechanismen ausgelöst werden« (l.c. S. 339). Es gibt individuelle und soziale Instinkte (Eth.2, S. 109). Ähnlich KÜLPE (Gr. d. Psychol. S. 340), W. JERUSALEM (Lehrb. d. Psychol.3, S. 187 f.) u. a. Vgl. A. J. HAMLIN, An Attempt at a Psychol. of Instinkt, Mind VI, 1897, p. 59 ff.; FOUILLÉE, L'Origine del' Instinkt; JODL, Psychol. SULLY, Mind VI.

Die Ursprünglichkeit sozialer Instinkte (Triebe, Neigungen) betonen GROTIUS, BODIN, SHAFTESBURY, HUTCHESON, CLARKE, WOLLASTON, HUME, A. SMITH u. a. (vgl. Sozial). Vgl. Trieb.


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