Ausdrucksbewegungen

Ausdrucksbewegungen heißen die im Gefolge von Affekten und Gefühlen auftretenden, erst triebhaften und zum Teil willkürlichen, später durch Gewohnheit vielfach mechanisierten, reflexartig gewordenen Bewegungen der Gesichtsmuskeln, der Extremitäten, des Gesamtkörpers (mimische und pantomimische Bewegungen). Mit ihnen beschäftigen sich besonders J. B. PORTA (De humana physiognomica 1593), LAVATER (Physiognom. Fragmente 1783 ff.), ENGEL (Ideen zu einer Mimik 1785 ff.), CH. BELL (Essays on anatomy of expression 1806), HUSCHKE (Mimices et physiognomices fragmenta 1821), HARLESS (Lehrb. d. plast. Anatomie), PIDERIT (Mimik u. Physiogn. 2. A. 1866), DUCHENNE, GRATIOLET u. a. CH. DARWIN stellt drei Prinzipien der Ausdrucksbewegungen auf: das Prinzip zweckmäßig assoziierter Gewohnheiten, das Prinzip des Gegensatzes, das Prinzip der direkten Tätigkeit des Nervensystems (D. Ausdr. d. Gemütsbew. 1872, S. 28 ff.). Nach H. SPENCER zieht jedes Gefühl als primäre Begleiterscheinung eine diffuse Nervenentladung nach sich, welche die Muskeln erregt; die Muskeltätigkeit wird dann zur natürlichen Sprache des Gefühls. Die Ausdrucksbewegungen sind angeboren (Psych. II, § 502). Nach A. LEHMANN besteht die Verbindung zwischen den Affekten und den Ausdrucksbewegungen in einer Assoziation; in direkter oder indirekter Reproduktion motorischer Vorgänge infolge der wiederholten Assoziation ist das Auftreten der Ausdrucksbewegungen begründet (Haupts. d. menschl. Gefühlsleb. § 360 ff.). JAMES (Psych. II, C. 25) und C. LANGE (Üb. Gemütsbew.) leiten aus den Ausdrucksbewegungen die Affekte (s. d.) ab. Nach WUNDT treten die Ausdrucksbewegungen in der Regel unwillkürlich auf, »entweder den Affekterregungen folgend oder in der Form impulsiver, aus den Gefühlsbestandteilen des Affekts entspringender Triebhandlungen«. Sie können also auch durch den Willen beeinflußt werden (Gr. d. Psych.5, S. 206). Sie zerfallen in drei Klassen: 1) rein intensive Symptome, 2) qualitative Gefühlsäußerungen = mimische Bewegungen, 3) Vorstellungsäußerungen = pantomimische Bewegungen (l.c. S. 206 f.). Die dritte Form ist wegen ihrer genetischen Beziehung zur Sprache (s. d.) wichtig (l.c. S. 207). Die Ausdrucksbewegungen sind Begleiterscheinungen, nicht Ursachen des Affekts, verstärken diesen aber (l.c. S. 208 f.). Von den Ausdrucksbewegungen sind die einfachern »ursprünglich Triebhandlungen, während manche verwickeltere pantomimische Bewegungen wahrscheinlich auf einstige Willkürhandlungen zurückzuführen sind, die zuerst in Trieb- und dann sogar in Reflexbewegungen übergingen«, wobei die Vererbung eine Rolle spielt (l.c. S. 231). Die Ausdrucksbewegungen sind automatisch gewordene, ursprünglich bewußte Leistungen und zugleich (wie bei DARWIN) vererbte Gewohnheiten (Grdz. d. phys. Psych. II4, 510 ff.; Ess. 8, S. 217; Vorles.2, S. 422 ff.; Syst. d. Philos.2, S. 590; Völkerpsych. I, 1, S. 31 ff.; Phil. Stud. III). Voluntaristisch erklärt die Ausdrucksbewegungen HUGHES (Mim. d. Mensch. 1900). Vgl. HELLPACH, Grenzwiss. d. Psychol. S. 9, 436 u. ff. und L. DUMONT, Vergn. u. Schmerz S. 277 ff.


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