Übel - Antike: Heraklit, Plotin; Scholastik: Augustinus


HERAKLIT erklärt: tô men theô kala panta kai agatha kai dikaia, anthrôpoi de ha men adika hypeilêphasin, ha de dikaia (Fragm. 61). Nach PLATO ist die Gottheit schuldlos (anaitios) an dem Übel (Tim. 42 D. vgl. Gut). Die Stoiker lehren die vernünftige Ordnung des Alls. das All ist vollkommen, die Übel tragen nur zur Herstellung des Guten bei, sind für das Ganze notwendig. Das Böse stammt nicht von Gott, sondern von den Bösen, und das Schlechte wird von Gott zum Guten gelenkt (vgl. Stob., Ecl. I, 30. SENECA, Ep. 87, 11. MARC AUREL, In se ips. V, 8. VIII, 35. PLUTARCH, Stoic. rep. 44, 6. 35, 1. Diog. L. VII, 96). Eine Theodicee gibt auch PLOTIN. »Die Vernunft... bewirkt das sogenannte Böse selbst vernunftgemäß, indem sie nicht will, daß alles gut sei, gleichwie ein Künstler nicht alles an einem Tier zu Augen macht. Demgemäß machte denn auch die Vernunft nicht alles zu Göttern, sondern teils Götter, teils Dämonen, eine zweite Natur, dann Menschen und Tiere der Reihe nach, nicht aus Neid, sondern mit Vernunft, welche intellektuelle Mannigfaltigkeit in sich hat« (Enn. III, 2, 11). »Die mit Recht über die Bösen verhängten Strafen nun muß man füglich der Ordnung zuschreiben, die da alles gebührend leitet. Was aber den Guten mit Unrecht zustößt, wie Züchtigungen, Armut, Krankheit: soll man das als eine Folge früherer Sünden bezeichnen? Es ist dies ja mit verflochten und kündigt sich im voraus an, so daß es anscheinend gleichfalls nach der Vernunft geschieht. Jedoch geschieht es nicht nach naturnotwendiger Vernunft, und es lag nicht in der Absicht, sondern war eine unbeabsichtigte Folge... Vielleicht ist sogar dieses Unrecht... von Nutzen für den Zusammenhang des Ganzen. Was auf Grund früherer Verhältnisse geschieht, ist doch wohl nichts Unrechtes. Denn man darf nicht glauben, daß einiges in einer bestimmten Ordnung beschlossen, anderes dem eigenen Belieben überlassen ist. Denn wenn alles nach Ursachen und natürlichen Konsequenzen, nach einem Gedanken (Grunde) und einer Ordnung geschehen muß, so muß man annehmen, daß auch die kleineren Dinge mit hineingeordnet und verwebt sind« (l. c. IV, 3, 16). Die mittelalterliche Philosophie betrachtet in der Regel das Übel als ein Negatives, als bloße »Beraubung« des (allein seienden) Guten. So nach GREGOR VON NYSSA. Das Böse hat etwas Gutes an sich (De hom. opif. 20). Nach ORIGENES ist das Böse ein ouk on, eine sterêsis (In Joh. II, 7). Gegen die manichäische (s. d.) Auffassung des Übels (s. Böse) wendet sich AUGUSTINUS. Das Übel trägt zur Schönheit bei, dient dem Guten (De civ. Dei XI, 18. XVII, 11. De ord. I, 18. Enchir. 3). - MAIMONIDES erklärt: »Omne malum in ente aliquo existente existens est privatio boni alicuius e bonis illius« (Doct. perplex. III, 10). Nach ALBERTUS MAGNUS ist das Übel »privatio primae formae boni« (Sum. th. I, 27, 1). Das Übel hat nur eine negative Ursache: »Mali non potest esse aliqua causa nisi deficiens« (l. c. II, qu. 1). Das Übel erhöht das Gute: »Malum iuxta bonum positum eminentius et commendabilius facit bonum« (l. c. II, 62, 2). Nach THOMAS ist das Übel eine »privatio debitae perfectionis« (Contr. gent. I, 71), »privatio eius, quod quis natus est et debet habere« (l. c. III, 7), »privatio« oder »defectus boni« (Sum. th I, 49, l c. 48, 5). Das Übel trägt zur Güte des Ganzen bei: »Bonus totius praeeminet bono partis. Ad prudentem igitur gubernatorem pertinet, negligere aliquem defectum bonitatis in parte, ut fiat augmentum bonitatis in toto« (Contr. gent. III, 71). Es gibt »malum secundum quid« und »malum in se«.


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