Einheit - Kant, Hartmann


Von nun an wird die Einheit der Objekte (und des Bewußtseins) vielfach aus dem Selbstbewußtsein abgeleitet. So zunächst von KANT. Die Einheit des (reinen) Selbstbewußtseins, die Einheit der synthetischen Funktion des Subjekts ist die Quelle aller Einheit in der Erkenntnis, die formale Bedingung aller Erfahrung, d.h. sie ist transzendental (s. d.). Nichts kann ein Erkenntnisobjekt werden, ohne in die Einheit des Bewußtseins, der »Apperzeption« gefaßt worden zu sein. Es ist »die Einheit, welche der Gegenstand notwendig macht, nichts anderes..., als die formale Einheit des Bewußtseins in der Synthesis des Mannigfaltigen der Vorstellungen« (Krit. d. r. Vern. S. 119). Die »transzendentale Einheit« der productiven, verknüpfenden Einbildungskraft (s. d.) ist »die reine Form aller möglichen Erkenntnis« (l.c. S. 129). Die »Einheit der Apperzeption« besteht in der Identität des Ich mit sich selbst durch alle Modifikationen hindurch, in dem »ich denke«, das alle Vorstellungen des Ich begleiten muß können (l.c. S. 659). Alle Bewußtseinsinhalte werden, um objektiv zu sein, auf die allbefassende, reine Apperzeption (s. d.) bezogen (l.c. S. 133). Die »transzendentale Einheit der Apperzeption« macht aus den Erfahrungsinhalten einen gesetzmäßigen, Zusammenhang; das Subjekt legt seine eigene Einheit in die Objekte hinein (l.c. S. 121). Als Betätigungen der Einheitsform des Bewußtseins überhaupt bringen die Kategorien (s. d.) Einheit in die Anschauungsobjekte (l.c. S. 129). Nach FRIES sind die Einheitsvorstellungen »das reine Eigentum unsrer Selbsttätigkeit im Erkennen« (Syst. d. Log. S. 54). Es gibt eine »analytische« Einheit (Allgemeinheit), welche »viele Vorstellungen in unterh enthält«, und eine »synthetische« Einheit, welche »viele Vorstellungen in sich enthält« (l.c. S. 95). Nach SCHLEIERMACHER liegt die Quelle der Einheit von Objekten in der Vernunfttätigkeit (Dial. S. 63). Nach HERBART besitzt der psychische Mechanismus eine ursprüngliche Einheit. »Die Einheit der Seele selbst ist der tiefe Grund, ans welchem in unser Vorstellen diejenige Einheit kommt, die wir hintennach im Vorgestellten vermissen« (Lehrb. z. Psych.3, S. 135 f.). Was im Vorstellen nicht durch »Hemmungen« (s. d.) getrennt wird, »das bleibt beisammen und wird vorgestellt als eins« (Psychol. a. Wiss. II, S. 115). Nach LOTZE ist die dingliche Einheit kein Gegenstand der Erfahrung (Gr. d. Met. S. 17). Die Seele ist eine Einheit, setzt denkend Einheiten (Med. Psychol. S. 15; Mikrok. I, 174). Nach FECHNER knüpft sich die Einheit des Bewußtseins »an einen wechselwirkenden Zusammenhang« der Weltelemente (»synechologische« Ansicht, Tagesans. S. 246). »Das psychisch Einheitliche und Einfache knüpft sich an ein physisch Mannigfaltiges, das physisch Mannigfaltige zieht sich psychisch ins Einheitliche, Einfache oder doch Einfachere zusammen« (Elem. d. Psychophys. II, 526). Nach LIPPS besteht alle Einheit »in der Einheit des zusammenfassenden Denkens. Dagegen gibt es keinen Sinn, die Einheit als etwas zu fassen, das wir in den Dingen fänden und anerkennten« (Gr. d. Seelenleb. S. 590). Einheit bezeichnet »die einfache Setzung eines Mannigfaltigen«, Einzelheit aber »die einfache Setzung von bestimmten Inhalt im Gegensatz zur Setzung weiterer Objekte« (Gr. d. Log. S. 99). Nach EBBINGHAUS wird die Einheit eines Ganzen nicht erst durch das Denken gesetzt, sondern kann unmittelbar wahrgenommen werden (Gr. d. Psychol. I, 481 ff.). SIGWART unterscheidet äußerliche und zufällige, kausale und teleologische Einheit (Log. I2, 258 ff.). E. v. HARTMANN erklärt: »Jede Einheit ist Einheit mehrerer oder Vieleinigkeit, jede Vielheit ist Getrenntheit oder Vereinzelung eines irgendwie Geeinten« (Kategor. S. 231). Zu unterscheiden sind: substantielle und funktionelle Einheit, dynamisch thelistische und logisch ideale Einheit, kausale und teleologische Einheit (l.c. S. 234 f.). Die Einheit des Bewußtseins entsteht durch das Vergleichen gegenwärtiger mit vergangenen Vorstellungen (Philos. d. Unbew. II10, 62). Das individuelle Ich ist nicht das eine, absolute Subjekt, sondern eine Summe von Tätigkeiten, die von einer »Zentralmonade« dirigiert werden (l.c. II, 481, 404 f.; Mod. Psychol. S. 287 ff.). Nach WUNDT beruht die Einheit des Ich auf der Einheit des Wollens, des Appercipierens (Vorles. üb. d. Mensch.2, S. 271, 250). Der Wille (die Apperzeption) ist eine Einheitsfunktion, das Denken ist Willenshandlung und damit auch die Quelle der objektiven Einheitsvorstellungen (Log. I, 417; Grundz. d. ph. Psychol. II4, 499; Phil. Stud. X, 119). »Einheit der Apperzeption« ist »die Tatsache, daß jeder in einem gegebenen Augenblick apperzipierte Inhalt des Bewußtseins ein einheitlicher ist, so daß er als eine einzige mehr oder minder zusammengesetzte Vorstellung aufgefaßt wird« ( Völkerpsych. I 2, 466). RIEHL erblickt im Ich die formale Einheit aller Bewußtseinsvorgänge, die auch das Objektive erst zur Einheit verknüpft (Phil. Kritic. II 1, 234; vgl. Identität). SCHUPPE findet die numerische Einheit darin, daß »positive Bestimmtheit als solche bewußt wird, ohne in sich Unterschiede erkennen oder beachten zu lassen« (Log. S. 104) Der Einheitsbegriff gehört dem Identitätsprinzip an. Einheit ist »niemals unmittelbares Sinnesdatum..., sondern immer hinzugedacht« (l.c. S. 105) Sie ist das, was den Dingcharakter ausmacht (l.c. S. 120). H. CORNELIUS bemerkt: »Wenn wir... von einer Zusammensetzung unseres gesamten Bewußtseinsinhaltes aus Teilen und von einheitlichen Teilen im Gegensatze zu den daraus gebildeten Mehrheiten sprechen, so fahrt uns dazu die Erfahrung, daß wir eben diese Teile nicht immer bloß in der betreffenden Zusammenstellung, nicht bloß als Glieder gerade dieser Mehrheit, sondern auch abgesondert bez. in anderer Umgebung kennen lernen« (Einl. in d. Philos. S. 173).


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